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Mobilität in Portugal und Deutschland
Die Stadt der Zukunft

Mobilität
Mobilität | Foto (Ausschnitt): © Shutterstock

Eine gelbe, alte, klapprige Straßenbahn ist zu einem Wahrzeichen Lissabons geworden. So romantisch die Fahrt über die Hügel der portugiesischen Hauptstadt für Touristen sein mag, ist sie ganz sicher kein Symbol für ein neues visionäres Mobilitätskonzept. 

Von Tilo Wagner

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Jeden Tag rollen 370.000 Autos in die Lissabonner Innenstadt und die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel leidet immer noch unter dem jahrelangen Sparkurs, der auch auf Druck der internationalen Institutionen während der Staatsschuldenkrise in Portugal durchgesetzt wurde. Lissabon teilt deshalb viele Probleme mit Ballungsräumen in Deutschland: Luftverschmutzung, Stau, klimaschädigender Verkehr und Lärm. Das Goethe-Institut Portugal und die Friedrich-Ebert-Stiftung haben deshalb Experten aus Deutschland und Portugal zu einer Konferenz zusammengebracht, um über Visionen und Mobilitätskonzepte für Großstädte in beiden Ländern zu beraten.

Revolution in Lissabon?

Die Lissabonner Stadtverwaltung bemüht sich seit Jahren, den Bürgern den Zugang zu öffentlichen Räumen und Verkehrsmitteln zu erleichtern. „Lissabon hat noch einen langen Weg vor sich“, sagt der Stadtrat für Mobilität Miguel Gaspar. Er verweist aber auch darauf, dass die Stadt jüngst mit einem internationalen Preis ausgezeichnet wurde, weil sie in kurzer Zeit eine Reihe von tiefgreifenden Maßnahmen zur Verbesserung der Mobilität im Stadtbereich implementiert hat. „Wenn wir das Pariser Klimaabkommen in den kommenden zehn Jahren wirklich umsetzen wollen, dann müssen wir in den Städten anfangen“, so Gaspar. „Wir brauchen keine schrittweise Entwicklung, sondern eine echte Revolution.“ Und die will Miguel Gaspar über eine stärkere Vernetzung individueller und öffentlicher Verkehrsmittel erreichen.

Miguel Gaspar, Theo Jansen, Sara Klemm und Paula Teles sprechen über "Visionen und politische Konzepte für die Mobilität der Zukunft" Miguel Gaspar, Theo Jansen, Sara Klemm und Paula Teles sprechen über "Visionen und politische Konzepte für die Mobilität der Zukunft" | Foto (Ausschnitt): Goethe-Institut / Klara Kirschner

Kommunen als Treiber der Mobilitätswende

Theo Jansen, Leiter der Geschäftsstelle des Zukunftsnetzes Mobilität Nordrhein-Westfalen, berichtet über Kommunen in Deutschland, die „mulitmodale, postfossile, öffentliche, digitale und entfernungsarme Mobilitätskonzepte“ umsetzen. Leider, so Jansen, seien diese Kommunen selten in ein umfassendes Gesamtkonzept eingebunden, weil häufig der politische Wille fehle: „In Deutschland bestimmt die Automobilindustrie die Verkehrspolitik des Bundes.“ Ein Leitgedanke müsse bei der Umsetzung neuer Konzepte daher im Vordergrund stehen: „Wir müssen den Bürgern die Frage stellen: Warum ist die Mobilitätswende in deiner Stadt wichtig?“ Jansen betonte jedoch, dass die Städte unterstützt und beraten werden müssen und sich schließlich vernetzen sollten, um die Verkehrswende auf regionaler und nationaler Ebene zu schaffen.

Paula Teles, die mit ihrem Unternehmen mpt portugiesische Kommunen zu Mobilitätsfragen berät, setzt dabei auf Bildung und Erziehung: „Über Jahre hinweg haben portugiesische Kinder ihre Stadt nur vom Kindersitz im Auto aus wahrgenommen. Hier müssen wir ansetzen, um das Denken der Menschen hinsichtlich Verkehr und Mobilität langfristig zu verändern."

Visionen für die Stadt der Zukunft

Doch was wird aus den Städten nach der Verkehrswende? Damit  beschäftigt sich Sara Klemm, die für die Mercator-Stiftung das interdisziplinäre Projekt NEMO koordiniert hat. Sie stellt vier verschiedene Visionen vor, die lokalen Behörden oder Stadtplanern zeigen sollen, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte: die Smart-City, die durch Digitalisierung, automatisierte Kleinbusse und Car- bzw. Bike-Sharing eine einfache und zeitsparende Nutzung der Verkehrsmittel ermöglicht; die gesunde und nachhaltige Stadt , die auf Fuß- und Radverkehr setzt sowie Verbote und Zusatzkosten für Autofahrten in den Innenstädten einführt; die Vision einer De-Urbanisierung mit Schaffung neuer Wohnviertel und kleiner Zentren in der Peripherie, durch welche die Fahrtwege deutlich reduziert werden; schließlich das Szenario X, in dem die Bevölkerung durch aktive Partizipation die neue Vision der Stadt selbst hervorbringt. Dieses Modell zeichnet sich deswegen auch durch eine Mischform unterschiedlicher Mobilitätskonzepte aus.

Johanna Worbs, Maria João Frias, Rita Jacinto, Ana Pereira e Mário Alves präsentieren Mobilitätsinitiativen für eine gerechtere und menschlichere Stadt Johanna Worbs, Maria João Frias, Rita Jacinto, Ana Pereira e Mário Alves präsentieren Mobilitätsinitiativen für eine gerechtere und menschlichere Stadt | Foto (Ausschnitt): Goethe-Institut / Klara Kirschner

Kommunikation als Schlüssel für eine nachhaltigere Stadt?

Eine erfolgreiche Wende in Mobilität und Verkehr hängt jedoch nicht nur mit Stadtplanung und Infrastrukturprojekten zusammen, sondern auch mit der Art und Weise, wie über das Thema gesprochen wird. Johanna Worbs von der Identitätsstiftung hat mit ihrem Team eine Reihe von außergewöhnlichen Projekten durchgeführt, um neue Bilder für große Verkehrsprobleme in den Städten zu generieren. In sogenannten Pionierfahrten ließ das Team etwa ein Auto 22 Stunden und 48 Minuten lang in der Kölner Innenstadt stehen – als Symbol für die Zeit, die ein Pkw täglich im Durchschnitt parkt, Raum einnimmt und sich nicht bewegt.       

Aber wie fließen solche Bilder und Visionen in den Alltag einer Großstadt ein? Mário Alves, Verkehrsspezialist und Koordinator von Mobilitätsprojekten in verschiedenen portugiesischen Innenstädten, betont, dass die Wünsche der Bürger, aber auch die Konsequenzen, die durch die Verwirklichung dieser Wünsche entstehen, im öffentlichen Raum diskutiert werden müssen – mit Experten, Politikern und Bürgern: „Leider fehlt es in Portugal häufig an Kreativität, Transparenz und dem Willen, eine offene Diskussion über die Zukunft unserer Städte zu führen.“

Konkrete Maßnahmen in Lissabon

Die Stadt Lissabon begann vor fünf Jahren, einen speziellen Plan für Fußgänger umzusetzen, um die Rechte der Passanten zu stärken. Dafür hätten die Verantwortlichen insbesondere auf die Bedürfnisse von geh- oder sehbehinderten Menschen geschaut und aus den Ergebnissen die notwendigen Strategien abgeleitet, erklären Maria João Frias und Rita Jacinto von der Stadt Lissabon. Ana Pereira, Bloggerin und Fahrrad-Aktivistin in Lissabon, weist darauf hin, dass Lissabon dringend den Autoverkehr weiter reduzieren muss, um eine Stadt mit höherer Lebensqualität zu schaffen. Pereira weist auf ein weiteres schwerwiegendes  Problem der europäischen Großstädte: „Wenn zwei Drittel der Bürger, die in Lissabon arbeiten, nicht in Lissabon wohnen, stellt uns das vor sehr große Herausforderungen.“ Das Thema Mobilität betrifft schließlich nicht nur den Verkehr, sondern ist mit den großen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts eng verzahnt: Klimawandel, Wohnungsbau, Digitalisierung und eine alternde Gesellschaft.

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