Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Die Stadt im Wandel
Wie kann die Vielfalt bewahrt werden?

Porto Skyline
Foto: Flarius © Pixabay

Porto und Lissabon gehören zu einer Reihe von Großstädten in Europa, die einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen. Der boomende Tourismus birgt Chancen, aber auch Risiken. Gleichzeitig nutzen Investor*innen den Immobilienmarkt immer häufiger als lukrative Geldanlage. Wie können die Interessen der Bürger*innen gewahrt werden, wenn Wohnraum immer teurer und die Stadt zu einem Investitionsobjekt wird? 

Von Tilo Wagner

Das Café an der Ecke gibt es nicht mehr, Tourist*innen verlaufen sich auf der Suche nach ihrer Ferienwohnung und ausländische Investor*innen werden durch frisch renovierte Altstadt-Bauten geführt. Der Wandel in den Zentren der portugiesischen Großstädte Porto und Lissabon kennt viele Bilder, Gesichter und Geschichten. Innerhalb eines Jahrzehnts hat eine Reihe von internen und externen Faktoren dazu geführt, dass sich das soziale Umfeld insbesondere in den alten Stadtvierteln stark verändert hat. Zwei Entwicklungen spielen dabei eine herausragende Rolle: die Folgen der portugiesischen Finanzkrise zwischen 2010 und 2014 und der Tourismusboom.

Neues Mietgesetz

Auf Druck der internationalen Geldgeber*innen aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds verabschiedete die portugiesische Regierung 2012 ein neues Mietgesetz. Zuvor waren die Mieten in den Innenstädten von Porto und Lissabon jahrzehntelang künstlich auf einem extrem niedrigen Niveau gehalten worden, was dazu beitrug, dass viele Eigentümer*innen ihre Gebäude nicht sanierten –  mit schweren Folgen für die Bausubstanz. Das neue Mietgesetz machte es wesentlich einfacher, die alten Verträge zu kündigen. Zudem warb die Regierung mit Programmen wie dem „Goldenen Visum“ ausländische Investor*innen an, die – zusammen mit portugiesischen Immobilienbesitzer*innen – bald ein lukratives Geschäft ausmachten: alte Gebäude aufkaufen, sanieren und dann als Ferienwohnungen auf den Markt bringen. Dank der boomenden Tourismusbranche riss die Nachfrage nicht ab: Die Zahl der Ferienwohnungen stieg von 14.100 (2014) auf rund 77.000 (2018) – der größte Teil befindet sich in den historischen Zentren von Porto und Lissabon. Die Folge: ein deutlicher Anstieg der Immobilienpreise.

Wie verändert sich die Stadt?

Diese Entwicklung stellt die Städte vor tiefgreifende Herausforderungen. Wie kann verhindert werden, dass sich die Städte in Themenparks für Tourist*innen verwandeln, ohne ein natürlich gewachsenes Leben oder ohne Bürger*innen, die eine Stadt wie Porto seit Jahrzehnten prägen? Um diese Fragen drehte sich auch ein vom Goethe-Institut Portugal und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Portugal – in Kooperation mit portugiesischen Partnerinstitutionen – in Porto durchgeführte Debatte zum Thema „OPortonidades e desafios: como preservar a diversidade urbana“, bei der Teilnehmer*innen aus Deutschland, Spanien, Österreich und Portugal Einblicke in ihre Arbeitsbereiche gaben.
OPortonidades e desafios Wir haben uns Gedanken zu den Möglichkeiten und Herausforderungen gemacht, die der Wandel des Großstadtlebens mit sich bringt. | Foto: © Goethe-Institut/Yolanda Schröder

Chancen und Risiken in Porto

Die Architektin Joana Fonseca (Universität Porto) beschäftigt sich mit Sanierungsprojekten in Porto, insbesondere im Stadtviertel Bonfim. Dort prägen sogenannte „ilhas“ das Stadtbild – einfache, flache Häuser, die ab dem 19. Jahrhundert hinter dem an der Straße gelegenen, bürgerlichen Haupthaus im Hinterhof bzw. Garten gebaut wurden. Teilweise, so Joana Fonseca, habe die Stadt diese ehemaligen Arbeiterviertel sanieren lassen und dadurch preiswerten Wohnraum geschaffen. Überwiegend hätten jedoch private Investor*innen aus den „ilhas“ Ferienwohnungen für Tourist*innen gemacht. „Wir können ein vielseitiges Ökosystem in einer Stadt nur erhalten, wenn die öffentliche Hand, die Privatinvestor*innen und die Anwohner*innen an einem Strang ziehen“, so Fonseca. Dabei sei es wichtig, dass die lokalen Behörden Immobilienbesitzer*innen den Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten so transparent und einfach wie möglich gestalteten, damit der Anreiz bestehe, bezahlbare Mietwohnungen im Zentrum zu sanieren und zu erhalten.
Workshop Retomar a cidade Im Workshop wurde viel diskutiert und wir konnten vielseitiges Wissen aus unterschiedlichen Bereichen zusammentragen. | Foto: © Goethe-Institut/Yolanda Schröder
Theresa Schütz, Architektin an der Technischen Universität Wien, verwies auf den hohen Anteil an Sozialwohnungen in der österreichischen Hauptstadt, die eine bessere Steuerung der Mietpreise ermöglichen würden. Dennoch erlebe auch sie, wie in der Wohngegend rund um die Taborstraße der Raum für Künstler*innen und Freischaffende und andere ehemalige Mieter*innen und Pächter*innen gefährdet sei, weil ansteigende Immobilienpreise die ehemaligen Anwohner*innen vertreiben würden.

Immobilienboom in Berlin

Eine ähnliche Entwicklung stellt die Pädagogin Esther Borkam von der Initiative Bizim Kiez auch in Berlin fest. In Stadtvierteln wie Kreuzberg würden Läden verschwinden und Familien gezwungen, an den Stadtrand zu ziehen, weil immer mehr ausländische Investor*innen ihr Geld in Immobilien in der Stadt anlägen und so die Preise in die Höhe trieben. „In Berlin regiert eine rot-rot-grüne Koalition, aber trotzdem ist die Zahl der obdachlosen Kinder auf 3.000 angestiegen“, berichtet Borkam. Die Wut und der Frust über diese Entwicklung habe in Berlin zur Gründung von Bürgerinitiativen wie Bizim Kiez geführt, die sich dafür stark machen würden, dass die Stadt ein Ort für alle Menschen bleibt.
Brainstorming Gemeinsam suchten wir nach Lösungs- und Verbesserungsmöglichkeiten. | Foto: © Friedrich-Ebert-Stiftung/Anna Glettenberg
Auch in Valencia scheint eine eigentlich sozial orientierte Linksregierung bisher keine Mittel zu finden, um den dort beginnenden Prozess der Gentrifizierung besser zu kontrollieren. Die Architektin Eva Raga, die in der spanischen Küstenstadt in dem Stadtviertel El Cabanyal das kommunale Projekt Fent Estudi leitet, betont, dass die Teilnahme der Anwohner*innen sehr wichtig sei, um die notwendigen Maßnahmen für den Erhalt eines vielseitigen Stadtlebens zu entwickeln.

Verantwortung öffentlicher Entscheidungsträger*innen

Nuno Travasso, Dozent für Stadtentwicklung an der Universität Porto, fragt nach der Verantwortung der öffentlichen Entscheidungsträger*innen zum Ausgleich der negativen Seiten von Gentrifizierung und Tourismusboom. In einem der Debatte vorgeschalteten internen Workshop verwies er auch auf die teilweise verzerrte öffentliche Wahrnehmung der Stadtentwicklung in Porto. Der Wandel sei nicht als ein Gesamtereignis beobachtet worden, auf das man Einfluss hätte nehmen können, sondern als ein nahezu fatalistisches Geschehen, dessen negative Folgen scheinbar nur auf einer sehr individuellen Ebene greifbar würden. Zum Beispiel wenn ein*e Mieter*in seine bzw. ihre Wohnung verlassen oder ein alteingesessenes Geschäft schließen müsste.

Die Debatte und der Workshop in Porto haben jedoch deutlich gezeigt, dass die Bürger*innen einen wichtigen Beitrag liefern können, um die negativen Folgen des Wandels abzufedern.

Top