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Lissabon
Vítor Belanciano, Journalist

Bisher folgt die EU den Vorgaben der Stärkeren, statt an der Seite der Schwächeren zu gehen, und bemerkt dabei nicht einmal, dass sie auf diese Weise zerfällt und dass dies Konsequenzen für alle haben wird. Denn wenn es eine Zeit gibt, in der es aus geopolitischer Sicht nötig wäre, die Werte der EU zu stärken, dann wäre es genau diese.

Von Vítor Belanciano

Vítor Belanciano © Vítor Belanciano

Was versinnbildlicht für Sie die aktuelle Situation persönlich oder in Ihrem Land?

Wir leben in einer Ausnahmesituation. In der Regel sind solche Umstände aufschlussreich. Sie deuten auf ein Davor und ein Danach. In diesem Fall sprechen wir über ein Ereignis von universeller Reichweite und mit Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen, auf lokaler und nationaler ebenso wie auf globaler Ebene.Das bedeutet jedoch  nicht, dass alle gleich damit umgehen.  Im Gegenteil: In letzter Zeit haben wir sehr unterschiedliche Reaktionen erlebt.

Diese Debatte wird womöglich die nächste Zeit bestimmen. Natürlich gibt es allgemeingültige Richtlinien von Institutionen wie der WHO, aber auf politischer Ebene scheint man sich noch nicht auf eine globale Strategie geeinigt zu haben, obwohl das Problem ein globales ist. Vor zehn Jahren konnten wir während der Finanzkrise dasselbe beobachten: eine Machtlosigkeit der Nationalstaaten im Umgang mit einer globalen Krise.  

In Portugal hat man bislang einen vorsichtigen Ansatz verfolgt, der bisher erfolgreich Politik, Gesundheitswesen, Wissenschaft und Wirtschaft miteinander verknüpft. Obwohl das Gesundheitswesen in Zeiten der Austerität stark gelitten hat, ist das öffentliche System der Herausforderung gewachsen. Man sollte sich aber nichts vormachen. Das Handeln der Regierung ist zwangsläufig fragil und stützt sich auf Ungewissheiten. Das Wissen über das Virus ist gering. Und erst jetzt werden wir anfangen zu verstehen, wie sich die öffentliche Gesundheit und das Wiederaufleben der Wirtschaft miteinander vereinbaren lassen. In den Formen des Umgangs mit diesen Zeiten zeigt sich in Ländern wie Portugal eine gewisse Resilienz. Sie passen sich an die neuen Umstände an. Es herrscht jedoch auch ein Gefühl der Machtlosigkeit. 

Deshalb sollten, vor allem in einem Raum wie dem der EU, andere Formen des Umgangs mit diesen Umständen gefunden werden. Bisher schlägt die EU einen Weg im Rhythmus der Stärkeren ein, statt mit den Schwächeren zu gehen, ohne zu bemerken, dass sie auf diese Art zerfallen wird und dass dies Konsequenzen für alle haben wird. Wenn es eine Zeit gibt, in der es aus geopolitischer Sicht nötig wäre, die Werte der EU zu stärken, so wäre es genau diese, in der wir sehen, wie Weltmächte wie China, die USA, Russland, Indien oder Brasilien zunehmend daran interessiert sind, eine ultrakapitalistische Wirtschaft zu stärken; autoritäre Staaten, die teilweise der Demokratie den Rücken zuwenden und auf einen verschärften Nationalismus setzen. Die EU sollte als Alternative dazu dienen.

Wie wird die Pandemie die Welt verändern? Welche langfristigen Folgen der Krise sehen Sie?

Alle sehen mittel- oder langfristiig eine wirtschaftliche Krise mit unvorhersehbaren Folgen voraus. Wenn diese tatsächlich so eintreffen sollte, dann wird sie der größte Rückschlag der Menschheit sein, den ich miterleben werde. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wie wir alle hinnehmen können, dass es so kommen wird, ohne uns dabei selbst zu hinterfragen. Es ist doch furchtbar, dass diese nächste Krise bereits für unvermeidbar gehalten wird.

Wir halten es für selbstverständlich, dass das herrschende sozioökonomische System nicht in der Lage sein wird, uns zufriedenstellende Antworten zu liefern. Aufgrund fehlender Ressourcen? Nein. Es hat damit zu tun, dass wir es nicht schaffen, diese angemessen zu verteilen, denn das System und seine Funktionsmodelle erweisen sich für die Mehrheit als nutzlos. Wenn wir die Folgen aber auf diese Weise absehen, wäre es dann nicht an der Zeit darüber nachzudenken, die Gesellschaft auf struktureller Ebene zu verändern?

Es ist jedoch durchaus möglich, dass wir nicht der Entwicklung hin zu Gesellschaften, die gerechter, egalitärer, demokratischer und freier sind, sondern dem Fortschreiten noch ungeordneterer Formen des Kapitalismus beiwohnen werden, und das auf Kosten vieler Menschen.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Alles kann geschehen. Die Hoffnung ist lediglich die Repräsentation eines Wunsches nach Veränderung, der unterbewusst bereits vorhanden ist, ob individuell oder kollektiv. Sie ist die Manifestation einer Wahrheit, die bereits existiert, jedoch noch keinen festen Ausdruck erlangt hat. Insofern glaube ich, dass die Veränderung bereits geschieht, als Prozess und nicht als Ereignis. Anderseits verändern wir uns manchmal auch, wenn wir dazu gezwungen sind, und das ist alles.

Was ist Ihre persönliche Strategie, damit umzugehen?

Ich habe mich an die Hygienebestimmungen gehalten, ohne davon abzusehen, täglich das Haus zu verlassen, um kleinere Einkäufe zu tätigen, die Zeitung oder einen Kaffee zum Mitnehmen zu kaufen. Ich mache auch kurze Spaziergänge in abgelegenen Gegenden und arbeite im Home-Office. Kurzum: Ich kann mich nicht beschweren. Der soziale Kontakt fehlt mir, aber es gibt viele Menschen, die sich in einer deutlich schlechteren Lage befinden, ohne jeglichen Schutz. 

Meine Strategie, nie den täglichen Kontakt zum öffentlichen Raum zu verlieren, scheint mir die richtige. Aus Sicht der Massenpsychologie kann ich das Beharren auf dem Zuhausebleiben verstehen, jedoch war von Beginn an spürbar, dass diese Situation sich in die Länge ziehen würde. Man muss also eine Situation mit unzähligen Fragestellungen bewältigen, ohne dabei auf die angemessenen sozialen wie auch hygienischen Vorsichtsmaßnahmen zu verzichten, aber auch ohne eine gewisse größtmögliche Normalität aus den Augen zu verlieren.

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