Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Ungleichheit in Zeiten der Pandemie
Haben Sie wirklich geglaubt, dieses Virus sei demokratisch?

Corona und Ungleichheiten, Header
Foto: © Paulo Pimenta

Die Pandemie kann jeden treffen – dennoch trifft sie nicht alle gleichermaßen. Arbeit, Wohnen, Gesundheit, Bildung: aus welchen Gründen leiden die Ärmeren ganz besonders unter dem neuartigen Coronavirus?

Von Mariana Correia Pinto

Die Nähe zu einer infizierten Person oder kontaminierte Oberflächen und Gegenstände können ausreichen, damit sich das neuartige Coronavirus ausbreitet und von einer Person zur nächsten übergeht. SARS-CoV-2 macht vor nichts und niemandem Halt und wurde daher schnell als demokratisch eingestuft: In wenigen Monaten breitete es sich fast über den gesamten Globus aus und wurde am 11. März von der Weltgesundheitsorganisation als Pandemie klassifiziert. Die unsichtbare Bedrohung schien bei der Wahl ihrer Opfer nicht auf Herkunft oder Kontostand zu achten. Doch alles Weitere bleibt bis hierhin unausgesprochen: das Virus nutzt nicht nur physische Schwächen aus und trifft ohne Rücksicht vor allem Ältere, sondern richtet sich ganz allgemein gegen den schutzlosesten Teil der Bevölkerung. Prekäre Wohnverhältnisse, informelle Beschäftigung, schlecht bezahlte oder ungesicherte Arbeit, erschwerter Zugang zu medizinischer Versorgung, zu gesunder Ernährung, zu Bildung (und zu gesicherten Informationen). Keine finanziellen Rücklagen. Die Armen leiden am meisten unter der Pandemie. Das ist keine empirische Schlussfolgerung, sondern eine durch Zahlen untermauerte Tatsache.

Der anfängliche Glaube musste inzwischen der grausamen Wahrheit weichen: weder ist das Virus demokratisch, noch „wird alles gut“ oder „sind wir alle im selben Boot“ – wie in Fernsehen und Werbespots bis zur Erschöpfung wiederholt wurde. Víctor Araújo kann das bestätigen: er lebt in einem winzigen Haus ohne Wasser und Strom in der portugiesischen Stadt Porto und geht einer Arbeit nach, die in Zeiten der Pandemie unentbehrlich ist: er reinigt die Straßen der Stadt. Ihm helfen keine Schutzmaßnahmen und er kann sich nicht in häusliche Quarantäne zurückziehen, dieser Luxus ist einigen wenigen vorbehalten. Es gibt viele Menschen in seiner Situation: Der Bettler Henrique Santos ist blind. Er verlor jegliche Orientierung und bekommt in den leeren Straßen keine Almosen mehr. In einem Sozialviertel in Porto wurden die Gemeinschaftsgärten zerstört, weil der Besitzer des Grundstücks während der Pandemie neue Geschäfte machen wollte: seitdem ist die Angst vor dem Hunger in dem Viertel eingekehrt. Die Hausangestellte S. war das erste Todesopfer in Rio de Janeiro: Ihre Arbeitgeber in einem Luxusviertel waren von einer Reise nach Italien zurückgekommen und hatten sie weder vor der bestehenden Gefahr gewarnt, noch sie von der Arbeit freigestellt: Die reiche Familie kam mit dem Leben davon, die Angestellte nicht.

Henrique Santos Henrique Santos | Foto: © Paulo Pimenta

Die Fakten häufen sich und haben den demokratischen Deckmantel des Virus nach und nach entlarvt. Die Arbeitslosigkeit steigt, Gehälter werden nicht gezahlt, viele Firmen setzen auf Kurzarbeit. Die schon vorhandenen Schwierigkeiten verschärften sich. Und das Virus hat die betroffenen Menschen nicht verschont. Im Mai kam eine Studie der portugiesischen Schule für öffentliches Gesundheitswesen (Escola Nacional de Saúde Pública) zu dem Ergebnis, dass in Portugal in den Bezirken mit den höchsten Arbeitslosenzahlen und den größten Einkommensdifferenzen auch die Gesamtzahl der Covid-19 Erkrankungen höher ist. Eine von vier Personen mit einem Monatsgehalt unter 650 Euro (für den gesamten Haushalt) hat nun gar keine Einkünfte mehr.

Die Quarantäne: „Luxus“ einer Minderheit

Homeoffice ist nicht für alle möglich, nicht nur weil viele bei ihrer Arbeit direkten Publikumskontakt haben, sondern auch weil die nötigen technischen Mittel nicht universell zugänglich sind. Viele der unverzichtbaren Tätigkeiten außer Haus sind prekär und das Ansteckungsrisiko steigt zusätzlich noch dadurch, dass diese Bevölkerungsgruppe vermehrt öffentliche Verkehrsmittel nutzt. Zu diesen Berufsgruppen zählen Reinigungskräfte, Straßenarbeiter*innen, Angestellte in Supermärkten und Krankenhäusern, Fahrer*innen, Fabrikarbeiter*innen. Eine in der New York Times veröffentlichte Studie über den Gebrauch mobiler Daten in den USA, deren Ergebnisse sich auch auf andere Regionen übertragen lassen, wies nach, dass es den Reichen eher möglich ist, zu Hause zu bleiben. Der Titel klang fast wie ein Manifest: „Die Standortdaten bestätigen: das Zuhausebleiben während der Corona-Krise ist ein Luxus“.

Die Wohnung von Víctor Araújo Die Wohnung von Víctor Araújo in Porto | Foto: © Paulo Pimenta

Für Henrique Barros, Präsident des Nationalrats für Gesundheitsfragen (Conselho Nacional de Saúde), der die portugiesische Regierung in dieser Krise berät, „ist Armut die entscheidende Krankheitsursache“. Ashwin Vasan, Arzt und Professor für Gesundheitswesen an der Columbia Universität, teilt diese Meinung: „Man spricht über dieses Virus, als ob es ein Erreger wäre, der alle gleichermaßen betrifft, aber das stimmt nicht. Er zielt auf die Risse in unserer Gesellschaft.“ Thomas Piketty, französischer Wirtschaftswissenschaftler und einer der einflussreichsten Denker seiner Generation, der durch sein Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ bekannt wurde, legte den Finger in die Wunde, indem er sagte: „Diese Krise veranschaulicht die Brutalität der Ungleichheit und die Notwendigkeit eines neuen wirtschaftlichen Systems.“ Dies ist nicht nur ein Bild der Gegenwart, sondern das Ergebnis einer Vergangenheit voller Bruchstellen, die jetzt auseinanderfallen.

Die Einschätzung des UNO-Generalsekretärs António Guterres geht in dieselbe Richtung. Der Portugiese betonte, dass das Virus „das Ausmaß der Ausgrenzung der Menschen am Rande der Gesellschaft“ offenlegt. Guterres Apell war schon im März zu hören, als er versuchte das Übergreifen von SARS-CoV-2 auf die ärmeren Länder einzudämmen: Er bat darum, diesen Ländern die Hand zu reichen. Aber das Virus breitete sich auch in diesen Regionen aus.

Der UNO-Generalsekretär hatte gute und zahlreiche Gründe für seinen Aufruf. Man denke an so grundlegende Handlungen wie das Waschen der Hände: Diese wichtigste Maßnahme gegen SARS-CoV-2 ist nicht allen gleichermaßen möglich. Die UNO berichtete 2019 in einer Studie, dass einem von drei Bewohnern unseres Planeten (2,2 Milliarden Menschen) kein Trinkwasser zur Verfügung steht und drei Milliarden nicht die zum adäquaten Händewaschen nötige Einrichtung haben. Seife ist für 40% der Weltbevölkerung „ein Luxus“. Dazu sagt Catarina Albuquerque, die in den Vereinten Nationen für das Recht der Menschen auf Trinkwasser und sanitäre Grundversorgung kämpft: „Es gibt Bevölkerungsgruppen, die dichtgedrängt stundenlang anstehen, um an einer Quelle an Wasser zu kommen. Wie können diese Menschen Abstandsregeln einhalten?“ Und wie kann man sich in Häusern, die keine menschenwürdigen Unterkünfte sind, in denen aber große Familien zusammenleben, an Regeln halten und die Gesundheit bewahren? Wie kann man sich schützen, falls jemand krank wird?

Wie die Armut alles durchdringt ...

Ein Artikel in der wissenschaftlichen Zeitschrift The Lancet kommt zu dem Schluss, dass Covid-19 die Welt dazu zwingt, den Begriff der Vulnerabilität neu zu definieren. Für wie viele Kinder, die jetzt der Schule fernbleiben müssen – und sie teils auch virtuell nicht mehr besuchen können – wird dies der Anfang des Endes ihrer Schulbildung sein? Und wie viele bekommen deshalb keine Schulmahlzeiten mehr, die laut der UNO für mindestens 10 Millionen Minderjährige unentbehrlich sind?

Wissenschaftler aus Princeton, Harvard und Warwick fanden heraus, dass Menschen mit geringerem Einkommen, die zu finanziellen Entscheidungen befragt wurden, grundsätzlich nicht die richtigen Entscheidungen trafen. Die psychische Belastung durch geringes Einkommen entspricht der einer schlaflosen Nacht. Anders ausgedrückt: Der Stress, in Armut zu leben, entspricht dem Verlust von 13 IQ-Punkten. Diese Effekte verstärken sich und bilden einen Teufelskreis. Wer weniger analytische Fähigkeiten besitzt, trifft nicht die besten Entscheidungen. In der Folge bildet man sich weniger, hat schlechtere Chancen. Man ernährt sich ungesünder, wird eher krank und der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung wird schwieriger. Wer weniger liest, ist schlechter informiert. Und so weiter …

Wenige Menschen auf den Straßen der Stadt Foto: © Paulo Pimenta

Der Internationale Währungsfonds rechnet bereits mit der stärksten Rezession der letzten 90 Jahre. Die weltweiten Veränderungen nach der Pandemie sind nicht vorhersehbar – mache fürchten das Erstarken von Extremismen, andere die Rückkehr in die vorherige „Anormalität“. Andere wiederum hoffen, dass die durch Covid-19 entstandenen Bündnisse und die Solidarität die richtigen Zeichen gesetzt haben. 

Mark Honigsbaum, ein auf Medizingeschichte spezialisierter Historiker, sieht die Gründe für die derzeitige Situation in den fehlenden Investitionen ins Gesundheitswesen, in der Zerstörung natürlicher Lebensräume und in der nach endlosen Gewinnen strebenden Wirtschaft. Auch deshalb wünscht sich António Guterres nicht die Rückkehr zur Normalität, sondern die Entstehung inklusiverer, nachhaltigerer und weniger verwundbarer Gesellschaftsformen. „Die Pandemie hat uns auf schmerzhafte Art daran erinnert, welchen Preis wir für die Schwächen der Gesundheitssysteme, der sozialen Absicherung und der öffentlichen Dienstleistungen zu zahlen haben“. In welche Richtung wird die Zukunft weisen?

Top