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Kultur in Zeiten der Pandemie
Vom Lockdown bis auf die Bühne – im (Theater-) Kollektiv durch die Pandemie

Der Schauspieler Sérgio Coragem im Kubus aus Plexiglas während des Stücks F.
Foto (Ausschnitt): © Auéééu Teatro

Die Kultur leidet weltweit unter den Auswirkungen der Pandemie. Portugal ist eines der wenigen europäischen Länder, das seinen Kulturbetrieb derzeit geöffnet hat. Dennoch müssen sich Kulturschaffende großen Herausforderungen stellen. Eva Gür hat sich in der Theaterszene umgehört.

Von Eva Gür

Eine lange Schlange bildet sich vor dem Nationaltheater D. Maria II in Lissabon. Sicherheitsabstand. Fiebermessen. Hände desinfizieren. Und natürlich die obligatorische Maske. Ein Theaterbesuch in Lissabon im Herbst 2020 ist alles andere als normal. Die Veranstaltung ist ausverkauft, trotzdem ist nur jeder zweite Platz besetzt. Ich habe sogar den Verdacht, im Publikum wird sich weniger geräuspert. Dann geht es los. Die Inszenierung setzt auf Abstand. Eine der Schauspielerinnen befindet sich in einem gigantischen Kubus aus Plexiglas. Absicht? Nicht wirklich. Vielleicht unbewusst.
 
Das Theaterkollektiv Auéééu Teatro aus Lissabon besteht aus Beatriz Brás, Filipe Velez, Joana Manaças, João Oliveira Santos, Jean Luis Silva, Miguel Cunha und Sérgio Coragem. Sie haben in den vergangenen Monaten den Spagat zwischen Proben in Quarantäne und einer Live-Show gemeistert und im Oktober ihr Stück F auf die Bühne des Nationaltheaters D. Maria II und auf die Bühne des städtischen Theaters S. Luiz in Lissabon gebracht. Simultan. Mit Bühnenwechsel. Denn für das Stück taten sie so, als hätte sich die Gruppe während der Proben zerstritten und in zwei Lager geteilt. Angeblich hatten sie geplant das Stück Leão Marinho von Samuel Beckett aufzuführen. Doch dann kam es zum Streit. Infolgedessen führten dann beide Teile der Gruppe zur gleichen Zeit mit dem gleichen Namen des Kollektivs das gleiche Stück auf. Nur wird letztendlich gar nicht das umstrittene Theaterstück Leão Marinho insziniert, sondern F. Es kommt zum Prozess, zum Höhepunkt des Konflikts, der den Streit bis ins Lächerliche zieht. Es geht um Wahrheit. Identität. Urheberschaft und Betrug. Eigentlich alles Top-Themen unserer Zeit. Wenn da nicht dieser kleine, fiese Kerl mit Stachelfrisur die Schlagzeilen beherrschen würde.

UNGEWISSHEIT – EIN NEUES ALLTAGSGEFÜHL


Nachdem in Portugal im Frühjahr zunächst sämtliche Kulturveranstaltungen bis auf Weiteres abgesagt oder auf ein unbestimmtes Datum verschoben wurden und Kultureinrichtungen erst Anfang Juni wieder vorsichtig und mit strengen Maßnahmen öffnen durften, haben Kulturschaffende jetzt grundsätzlich die Möglichkeit ihre Veranstaltungen zu präsentieren, wenn gewisse Vorsichtsmaßnahmen, innerhalb der Gruppe und vom Veranstaltungsort selbst, eingehalten werden können. Für die Schauspieler heißt das, regelmäßige Coronatests und die ständige Unsicherheit, ob eine Veranstaltung stattfinden kann oder nicht. „Wir müssen damit leben, dass Aufführungen jederzeit abgesagt werden können. Das heißt, es kann sein, dass wir Monate lang auf etwas hinarbeiten, für nichts“, erzählt Beatriz Brás.
Zwei Schauspielerinnen während einer Probe des Kollektivs Auéééu Teatro. Foto (Ausschnitt): © Auéééu Teatro
Wie entwickelt sich die Pandemie? Welche Maßnahmen wird die Regierung beschließen? Welche Auswirkungen hat das auf den Kultursektor? Und, noch viel persönlicher: Hat sich ein Freund oder eine Kollegin mit dem neuen Coronavirus infiziert und muss die Veranstaltung deshalb abgesagt werden? Diese Fragen dürften in Dauerschleife durch kreative Köpfe gehen. Abgesehen davon ist der finanzielle Spielraum im Kultursektor generell nicht groß. Viele Künstler stehen vor existentiellen Problemen und staatliche Fördermittel erreichen nicht alle. Im Staatshaushalt für 2021 sind nur 0,21% für die Kultur vorgesehen. Während der Vorbereitungen für das Theaterstück mussten sich die Schauspieler von Auéééu also einigen Hürden stellen, wie so viele andere Kulturschaffende in Zeiten der Pandemie.
 

Distanz: Sicherheitsmaßnahme und Herausforderung unserer Zeit


Zu Zeiten der Quarantäne im Frühjahr musste das Theaterkollektiv Wege finden, über die verfügbaren technischen Möglichkeiten, wie Zoom oder Skype, einen Dialog zu schaffen. Im Theater wird dieser Dialog normalerweise von Angesicht zu Angesicht und in Persona geführt. Die Proben leben von Ausdruck, Mimik und Körperkontakt. Was bleibt davon, wenn der Bildschirm die Barriere und gleichzeitig das Fenster zur Realität ist? „Die große Herausforderung bestand darin, aus der Ferne und auf einen Computerbildschirm starrend, die Ideen rüberzubringen und die Vorstellung zu konkretisieren, wie das neue Projekt aussehen soll“, erklärt Schauspieler Sérgio Coragem rückblickend.
 
Proben per Videocall, Probleme mit der Internetverbindung und Kommunikationsabbruch inmitten des kreativen Prozesses gehörten plötzlich zum Alltag der sieben Schauspieler des Kollektivs. „Das war sehr anstrengend. Eine Stunde Probe am Computer ist kein Vergleich zu einer Stunde Probe vor Ort“, fügt Beatriz hinzu. Man darf also nicht vergessen, dass Kontakt und Nähe auch während der Schaffensphase unverzichtbar sind. Für die Schauspielkollegen war letztendlich eine mehrwöchige Künstlerresidenz in der Kulturinstitution Espaço do Tempo in Montemor-o-Novo ausschlaggebend für eine erfolgreiche Probe. „Ab dem Zeitpunkt, als wir gemeinsam in der Künstlerresidenz arbeiten konnten, hat die Pandemie unsere Proben in keiner Weise mehr beeinflusst. Wir haben alle den Covid-19 Test gemacht und vor Ort mussten wir nur ein paar grundsätzliche Regeln beachten, wie z. B. die Maske tragen, wenn wir nicht in der Probe waren und wir durften uns nicht außerhalb der Künstlerresidenz aufhalten“, erzählt Sérgio.
 
In einer Zeit, in der die Welt durch Lockdowns und unzählige Maßnahmen stillgelegt wird und die Auswirkungen auf die verschiedenen Bereichen noch nicht wirklich absehbar sind, fühlt sich die Kultur wie paralysiert. Wird sich Kultur, wie wir sie heute kennen und erleben aufgrund der Gesundheitskrise grundlegend ändern? Das ist die große Frage und berechtigte Sorge, mit der sich auch das Theaterkollektiv in den letzten Monaten auseinandergesetzt hat, wie Beatriz erzählt: „Man muss neue Formate für das Theater ja nicht direkt ausschließen. Es gibt viele Theaterbewegungen, die auch digital funktionieren. Wir, als Theaterkollektiv haben uns während der Quarantäne viel mit der Frage auseinandergesetzt, ob es für uns Sinn machen würde, so Theater zu machen. Und wie immer gab es da Meinungsverschiedenheiten. Die einen sagen, ja warum nicht, es ist eine andere Qualität aber kann man schon machen. Die anderen sagen, nein auf keinen Fall! So ist es kein Theater mehr. Wir haben während der Quarantäne sogar eine Art Online-Radio gemacht, das auf einem älteren Stück von uns basierte und das lief auch ganz gut. Aber es ist eben nicht das gleiche und wir wollen auf die Begegnung mit unserem Publikum nicht verzichten müssen.“
Die Schauspielerin Beatriz Brás während des Stücks F.Foto: © Auéééu Teatro
Die künstlerische Antwort auf die Pandemie während der Quarantäne im Frühjahr war, im Rahmen des technisch Möglichen, groß. Ja, massenhaft sogar. Zahlreiche Künstlerinnen, Musiker und Performer haben ihr Programm als Video online gestellt. Aber nicht nur das. Die sozialen Medien wurden mit Live-Konzerten, virtuellen Führungen durch Museen und Kreativworkshops in allen nur denkbaren Ausführungen überflutet. Verschiedene Formate, wie Facebook- und Instagram-Stories, Zoom-Konferenzen und Live-Debatten in virtuellen Räumen waren plötzlich Teil unserer Kulturkalender. Wer sich in irgendeiner Weise unterhalten lassen wollte, musste sich mit neuen und nicht mehr ganz so neuen technischen Möglichkeiten auseinandersetzen.

Was aber bleibt ist die Distanz. Und dadurch auch ein anderes Verständnis für das, was wir konsumieren. Denn kann Kultur in sozialen Netzwerken mehr sein, als sich von zweidimensionalen Inhalten berieseln zu lassen? Es macht einen Unterschied, ob wir vor dem Bildschirm, vor dem wir sowieso schon einen Großteil unserer Zeit verbringen, etwas ansehen, alleine oder mit der Familie, in unserem kleinen privaten Alltag eingesperrt, oder ob wir dem Ritual nachgehen unsere vier Wände zu verlassen, uns mit fremden Menschen und Bekannten in einen Raum begeben, der uns für einige Zeit in eine andere Welt einlädt, geschaffen von denjenigen, die mit ihrer Arbeit unseren Geist nähren. Aus diesem Grund sollten Künstlerinnen und Künstler dafür kämpfen, was die Kunst ist und nicht was sie aufgrund der Pandemie sein könnte, meint Sérgio Coragem: „Solange die Regeln eingehalten werden, besteht auch kein Risiko zu einer Show zu gehen. Daher ist es meiner Ansicht nach destruktiv und restriktiv, die Verantwortung, Kultur neu definieren zu müssen, einem Künstler aufzulasten. Ein Künstler sollte sich durch nichts eingeschränkt fühlen. Wir müssen die Kraft und den Willen haben, zu kämpfen, um die Dinge so zu halten, wie sie sind. Mit Ruhe und Intelligenz kann es uns gelingen, das Problem zu beherrschen, ohne die Konvention des künstlerischen Ausdrucks zu verletzen.“
 
Gegen 21 Uhr findet das Stück F zu einem Ende. Ja, es ist erst 21 Uhr. Auch das gehört zu den neuen Maßnahmen, denn ab 23 Uhr müssen alle zu Hause sein. Der Bass von lauter Musik gibt mir das gute Gefühl, ausgegangen zu sein. Blickaustausch mit anderen aus dem Publikum. Einmal kurz strecken und den Zauber auf sich wirken lassen. Auf der Bühne wird hektisch zusammengepackt. Miguel Cunha desinfiziert und putzt akribisch den riesigen Glaswürfel. Um Spuren zu verwischen oder um uns einen Spiegel vorzuhalten? Wie oft habe ich mir heute die Hände gewaschen?

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