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Das Kino in Zeiten der Pandemie
Tagebuch des Alleinseins: Warten auf das Kino

Der geteilte Bildschirm
"Welchen Sinn hat es vor diesem Hintergrund, die Leinwand zu einer unbestimmten Oberfläche zu machen? Ein einziger entritualisierter Raum, in dem wir das Kino, die Screens der sozialen Netzwerke, den Zugang zu Informationen, das Fernsehen, SMS teilen?" | Foto: Corinna Lawrenz © Goethe-Institut Portugal

Nach einem langen Jahr, in dem die Türen der Kinos allzu oft verschlossen blieben, sprechen die Filmkritiker Carlos Natálio und Patrick Holzapfel über das Kino in einer Zeit, die einem Katastrophenfilm gleicht. War es die Pandemie, die dem Kino seinen Raum und seine Zeit genommen hat? Oder lernen wir durch sie über ein Kino, das uns bereits vorher verloren gegangen war? Ein Austausch.

Von Carlos Natálio & Patrick Holzapfel

Hallo Patrick,
 
Wir kennen uns noch nicht. Aber ich weiß, dass wir zur selben Familie, zum selben Land gehören: dem Kino. Ein Land, dessen Erinnerungen über Generationen, Länder und Formen des Sehens hinweg geteilt werden. Wir haben gemeinsame Verwandte - Charaktere - und wir leben, auf unterschiedliche Weise, die gleichen Dinge, wir gehen die gleichen Wege, wir weinen und lachen die gleichen Tränen und das gleiche Lachen.

Hallo, Patrick. 2020 war ein absolut verrücktes Jahr, oder? Plötzlich, innerhalb eines Augenblicks, befanden wir uns mitten in einem Katastrophenfilm, das Kino schien die dystopischen Versprechungen eines Endes aller Zeiten, des Misstrauens gegenüber dem Anderen, einer staatlichen Ordnung auf den Straßen, erfüllt zu haben. Romero, Orwell, Huxley, Mad Max. Alles bereits gesehen, aber jetzt hier.
 
Aber ich muss gestehen, dass ich mich in diesen Zeiten an etwas weit Zurückliegendes erinnere. Es war heiß, die Tage waren lang, ich war 15 und ich saß fest. Meine Eltern nahmen ihren Urlaub im Juni/Juli. Und so war der August ein wüstenleerer Monat. Nichts zu tun, keine Freunde in der Nähe, kein Unterricht, man hörte die Langeweile, wie sie in den Wänden und Möbeln surrte. Eingeschlossen wie ich war, ging ich nur zu festgelegten Zeiten aus dem Haus. Zweimal am Tag - und immer mit demselben Ziel. Die Videothek in meiner Nachbarschaft. Ich lieh mir Filme aus und sah sie den ganzen Tag und die ganze Nacht auf einem alten Fernsehgerät. Was für eine ansteckende Krankheit! Die Jahre vergingen und meine Entdeckung des Films setzte sich über das Kino fort – kommerzielle Kinosäle, die der Kinemathek, die der Uni-Vorlesungen. Immer auf großen Leinwänden, die an die Stelle meiner ersten Art, Film zu sehen, traten.
 
In einem einzigen Atemzug vergingen fünfundzwanzig Jahre. Heute Morgen habe ich zwei Filme gesehen, einen kanadischen Dokumentarfilm, der in Rumänien gedreht wurde, und einen anderen Film, der auf Bildern basiert, die eine talentierte argentinische Filmemacherin in jungen Jahren aufgenommen hatte. Es gab keine Kinos, um diese Filmstücke zu zeigen. Eine Plattform, Links, ein Computerbildschirm. Es war auch nicht so sehr die Pandemie, die das Kino „eingesperrt“ hat, sondern das Digitale. Ich meine, das Kino ist eine Kunst der Eingrenzung. Aber eine begleitete Form der Eingrenzung, die öffentlich ist, eine Einsamkeit inmitten von Menschen, wie man so schön sagt. Diese anderen, die an unserer Seite waren - ein Indiz für Gemeinschaft, für Vielfalt – sind nun nicht mehr auf die gleiche Art bei uns. Sie befinden sich einen Post entfernt. Aber ich sage Dir, Patrick, wann immer ich kann, vergrößere ich das Digitale und werfe es auf die Wand meines Büros. Ich kann die Menschen dort nicht haben, aber ich kann trotzdem einen Teil des Rituals beibehalten.
 
Und was ist unsere Zeit ohne Rituale? Die Zeit des n'importe quoi ist eine Zeit ohne Rituale, es ist die Zeit der emotionalen und intellektuellen Gefangenschaft. Das Kino lebt allein in diesem religiösen Ritual, diesem Raum der Trennung, in dem wir ein Tor zu einem anderen Leben betreten. Wenn wir ein Gesicht in einer Nahaufnahme vergrößern, befinden wir uns in der Achtung vor dem anderen, im wahren Angesicht zu Angesicht, in der Würde des Austauschs zwischen Wesen.
 
Welchen Sinn hat es vor diesem Hintergrund, die Leinwand zu einer unbestimmten Oberfläche zu machen? Ein einziger entritualisierter Raum, in dem wir das Kino, die Screens der sozialen Netzwerke, den Zugang zu Informationen, das Fernsehen, SMS teilen? Die Wirtschaft hat diese Allgegenwart desselben Bildschirms diktiert, eines Schweizer Taschenmessers der Effizienz, des pulsierenden Streams, der an einen Junkie am Spielautomaten erinnert.
 

Das Kino muss seine Zeit (mehr noch als seinen Raum) einfordern, das ist die Schwierigkeit, die die Pandemie noch deutlicher gemacht hat.

Das Kino muss seine Zeit (mehr noch als seinen Raum) einfordern, das ist die Schwierigkeit, die die Pandemie noch deutlicher gemacht hat. Und das war die Rolle der Kinosäle - ich schreibe in der Vergangenheit, ich weiß - ein ritualisierter Raum, der eine bestimmte Art der Zeiterfahrung bewahrte. Konkret, eine sehr fein gewebte Form der Zeit, die wir Montage nannten.
 
Aber wie schwer es ist, Klarheit von Nostalgie zu trennen ...
 
Eine cinephile Umarmung
Carlos Natálio

 

Lieber Carlos,
 
ich habe mich sehr über deine Nachricht gefreut, denn sie spricht von einem Kino, das ich kenne. 
 
Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Ritual, von dem du schreibst, wirklich so sozial ist wie oft beschrieben wird. Das liegt wahrscheinlich an dem, was man unter „sozial“ versteht. Persönlich habe ich mich oft wiedergefunden in Jean Renoirs Feststellung, dass Film auch eine ganz intime Kunst ist, die direkt zu einer Person spricht. Meine schönsten Kinoerfahrungen habe ich allein oder in inniger Zweisamkeit gemacht.
 
Ich denke dabei nicht nur an mich. Aber ich denke an die Menschen, die ich manchmal in den Reihen vor und hinter mir im Kino gesehen habe (ich schreibe in einer Vergangenheit, von der ich hoffe, dass sie auch eine Zukunft hat). Einen alten Mann mit löchriger Jacke, der seinen Hund unter dem Sitz versteckte, einen anderen, den ich nur im Kino oder mit starrem Blick hinter dem Fenster eines Fast-Food-Restaurants erblickte, eine Frau, die ins Kino huschte, als müsste sie sich vor der Welt verstecken, ein anderer Mann, der Säcke mit Zeitungen brachte, auf denen er die Nacht verbringen würde. Sie durften oft kostenlos ins Kino und die  anderen Besucher haben stets einige Plätze Abstand gehalten (ganz freiwillig und ohne Pandemie) und die Nase gerümpft und wenn wir dann zusammen einen Film wie Ladri di biciclette gesehen haben, haben alle geweint, die einen, weil sie wussten und die anderen, weil sie nicht wussten. Ich frage mich, was diese Menschen ohne das Kino machen? Wenn das Kino, wie Truffaut einmal sagte, ein Ort für die Verrückten und Kranken ist, vielleicht der einzige Ort, an dem sie frei sein können, vor der Welt flüchten können, dann frage ich mich, wo sie in diesen Tagen sind.  
 
Das Ritual, das einmal den utopischen Anspruch hatte, uns alle vor der Leinwand gleich zu machen, es sperrt uns alle ein. Doch ich finde, dass in den letzten Jahren nicht nur eine technologische Entritualisierung stattgefunden hat, sondern auch eine moralische. Die Bilder, selbst wenn sie in diesem besonderen Raum projiziert werden, sind oft befallen. Nicht von einem Virus, sondern von der Aufmerksamkeitslogik, der Ästhetik, der Paranoia dessen, was du entritualisiert nennst.
 
Ich würde vielleicht eher von einer Konzentration sprechen, einer Schule der Wahrnehmung. Das Kino als Raum oder, wie du richtig schreibst, Zeit lehrt uns ja letztlich wie wir auf die Welt blicken könnten und nicht andersherum.

Gerne würde ich von dir wissen, wie du jene Schritte empfindest, die dich aus der Dunkelheit des Kinos zurück in die Helligkeit des Tages oder der Nacht bringen?
 
Eine Umarmung zurück,
Patrick Holzapfel
 

Hallo Patrick,
 
Auch ich erinnere mich nur zu gut an jene Menschen, für die das Kino buchstäblich ein Zufluchtsort, ein Zuhause war. Auch das ist die soziale Funktion des Kinos, vor Stürmen zu schützen, vor dem Regen, vor dem schlechten Wetter, unter dem die Gesellschaft uns manchmal leiden lässt. Und das wirft die, vielleicht dumme, Frage auf: Was ist die Funktion eines Schutzraumes (Kino), wenn wir - wie während einer Pandemie - jederzeit im Modus des Geschütztseins leben müssen? Wovor soll das Kino noch schützen?

Was ist die Funktion eines Schutzraumes (Kino), wenn wir - wie während einer Pandemie - jederzeit im Modus des Geschütztseins leben müssen? Wovor soll das Kino noch schützen?

Doch was die Erfahrung des Kinos betrifft, so stimme ich Dir in jeder Hinsicht zu, sie ist individuell. Aber das Schöne am Kino als Ritual des Saals ist, dass es eine in Zeit und Raum geteilte Individualität war. Wie Kinder, die gerne ihre Mütter in ihrem Zimmer spüren, bis sie einschlafen, oder Menschen, die allein in einem Café arbeiten, umgeben von tröstenden Fremden.
 
Die Dunkelheit, von der Du sprichst, setzt vielleicht das Nicht-Sehen voraus, den Schlaf, das Ausruhen. Aber sie ist, glaube ich, die andere Seite des Sehens. Es gibt ein Buch, das sehr wichtig für mich war - „24/7: Late Capitalism and the Ends of Sleep“ von Jonathan Crary - eben weil sein Thema dieser Kampf gegen die Dunkelheit ist. Denn die Dunkelheit ist die Zeit, in der wir weder produzieren noch konsumieren. Die Projektion des Kinos, beispielsweise, war eine Möglichkeit, die Betrachtung des Originals eines Gemäldes umzukehren, aber sie behielt dennoch etwas von derselben (zerstreuten) Betrachtung. Ich denke an die Logik des Streams - der Strömung - oder des Feeds - der Fütterung - und daran, wie das Kino dieser Strömung Inhalte (in immer weniger unterscheidbarer Form) verdankt, dieser kontinuierlichen Fütterungsmaschine, die uns von der Zeit des „wiederherstellenden Schlafs“, einer Zeit der Dunkelheit und der Verdauung, weg bringen will…
 
Als die Pandemie begann und mit ihr die Verpflichtung, zu Hause zu bleiben, wie viele Festivals, Veranstalter, Kulturakteure, Kritiker beschlossen da, ihre Top-Listen der „Filme für die Pandemie“, oder „Filme, die man nicht verpassen darf, wenn man zu Hause ist“, oder sogar „Filmen über Krankheiten und Gefängnisse und das Zurückziehen“ zu veröffentlichen. Es war ein erbitterter Kampf der Top-Listen. Ich habe das Gefühl, dass aus diesem Amalgam von Inhalten, die jeder vorschlug und sich für später aufhob nur wenig tatsächlich gesehen wurde. Wenn ich von Ununterscheidbarkeit spreche, dann in diesem Sinne, in dem wir in diesen ungebrochenen Strom von Inhalten eintauchen, der das Begehren, die Neugier, vernichtet und der nur plötzliche Bewegungen des pulsierenden Konsums auslöst. Als wäre das Digitale zu einer performativen Maschine geworden, die nicht einmal mehr Inhalte braucht, sondern der die technische Geste des Greifens, Vorschlagens, Zusammenfügens, Teilens, Kompilierens (und so weiter) genügt.
 
Ich möchte damit abschließen, Dich zu fragen, wie Du Dir den Gang ins Kino (in kommerzielle Säle oder zu Festivals) nach dem Ende der Pandemieerfahrung vorstellst.
 
Eine „tuga“-Umarmung
Carlos Natálio
 
 

Lieber Carlos,
 
ich mag wie du Dunkelheit mit Regeneration verbindest. Für mich steht sie tatsächlich auch in Verbindung mit dem Schutz, der Fiktion und der so wichtigen Unklarheit des Kinos. Wir sind umgeben von Bildern, die Licht in eine Sache bringen wollen, die zeigen wie etwas wirklich ist. Das ist das Internet, Fernsehen, die Werbung. Hier dienen Bilder der Information, der Beweisführung wie das Hawk-Eye im Tennissport. Etwas soll attraktiv erscheinen, verkauft werden. Die Bilder klären auf, machen klar und dadurch vereinfachen sie auch. Das Kino in seinem möglichen Idealzustand dagegen ist ein Ort, an dem die Sachen bestenfalls verkompliziert werden, sie bewegen sich in einer Unklarheit und bleiben ungreifbar wie die Nacht. Sie beweisen uns nichts, sie verkaufen uns nichts. Sie sind das Gegenteil von dem, was du eine Fütterung genannt hast. 

Das Kino in seinem möglichen Idealzustand dagegen ist ein Ort, an dem die Sachen bestenfalls verkompliziert werden, sie bewegen sich in einer Unklarheit und bleiben ungreifbar wie die Nacht.

Ich glaube, dass uns das Kino vor Bildern schützen kann. Das mag erstmal paradox erscheinen, erst recht wenn man sich ansieht, was in manchen Teilen Hollywoods heute unter Kino verstanden wird, aber das Kino kann uns tatsächlich beibringen, dass ein Bild nicht automatisch etwas bedeutet. Und damit hat der Raum genauso viel zu tun wie der Film selbst. Dieser Raum schützt uns vor dem Lärm der Zeit.
 
Zu deiner Frage: Wie stelle ich mir den Kinogang nach der Pandemie vor. Nun ist es so, dass die Kinoerfahrungen sich für mich in den letzten Jahren bereits mehr und mehr abgenutzt haben, ganz einfach aufgrund dieser dauernden Fütterung und Verfügbarkeit. Es kam zu einer Art Übersättigung. Es wurde immer leichter zynisch zu sein. Ich habe diesen Ort nicht mehr als Ausnahme oder in seiner auratischen Funktionsweise verstanden, sondern als Regel. Dass ich nun für einige Zeit keine Wahl mehr hatte und nicht ins Kino gehen konnte, hat mir aber etwas offenbart. Von daher möchte ich nur sagen, dass ich mit offenen Augen ins Kino gehen möchte, mit offenen Augen in die Dunkelheit.

Alles Liebe,
Patrick

PS: Und wir müssen weiter versuchen zu verstehen, was das Kino ist. Nicht nur, wenn es uns fehlt.
 
 

Hallo Patrick,
 
kennst Du die Redewendung „Weihnachten ist, wenn man es will“? Nun … ich habe über Deine Worte zu den Bildern nachgedacht, die vorgeben, etwas zu beleuchten, eine Weihnachtsbeleuchtung für jeden Tag des Jahres. Über Jahrtausende haben wir Bildern als Simulakrum einer „Realität“, als Doppelgängern, misstraut. Deshalb war das Kino so wichtig: ein System, in dem man mit „Simulakren“ arbeitete, das aber entweder offen war für die Dimension des Unlesbaren, des Unverkäuflichen. Und selbst wenn das Kino zu ökonomischen oder politischen Zwecken manipuliert wurde, half die Demokratie der Präsenz der Dinge und ihre rohe Materialität immer, den Zweck zu entlarven, eine feste Idee oder Botschaft zu vermitteln.

Weihnachten ist, wenn man es will. Dieser Wunsch, Weihnachten neu erschaffen zu können, ist derselbe Wunsch, der Bilder aus der Werbung, aus audiovisuellen Medien, aus politischen Kampagnen zugrunde liegt, die „ihr eigenes Weihnachten“ schaffen, also ihre eigene Version der Realität. „Ja, ich habe die Wahl gewonnen“, sagt Trump. „Ja, die Erde ist flach“, sagen die Flat Earthers. Und das knüpft an das an, was Du über unsere Verfügbarkeit sagst. Die Filme, die Bilder, sie funktionieren wie Legosteine, auf die wir zugreifen, um unsere maßgeschneiderte Welt zu bauen. Oder als bloße Spiegel unserer sozialen und politischen Überzeugungen, die unsere Augen vor der Vielfalt verschließen, vor dem, was uns zuwider ist und unsere Zeit verschwendet, die wir sowieso verschwenden. So beginnen Kriege. Eine Welt, in der der Satz „Ich habe Unrecht“ keinen Sinn mehr macht, oder sogar der Satz „Es kommt auf den Standpunkt an“. In der alles in die Richtung „Ich habe Recht, die anderen haben Unrecht“ geht - einfach, weil ich diese anderen nicht sehe, nicht weiß, wer sie sind - sie sind ein wilder Indianer, ohne Seele, am Anfang des Western-Genres.
 
Ich will nicht schockieren, das ist alles nicht neu, es ist wie eine steigende Flut und ich bin einfach nur etwas erschrocken. Wie wir uns bereits von der emanzipatorischen Naivität des chacun son cinèma, das die Räume der Differenz ausrief, entfernt haben. Und aus diesem „Gebot“ der Filmerziehung, das den Kindern und Jugendlichen zeigen wollte, dass Filme und ihr Kino nicht nur Instrumente für Geschichte, Soziologie, Portugiesisch/Deutsch sind. Vielleicht müssen wir heute einen Schritt zurücktreten und über eine Bildung zur Bildung sprechen, einen Raum, der diesem „zu Diensten“ entgegensteht und uns „Dürren“ bescheren soll, die uns bis zu dem Punkt erschüttern, an dem wir nicht mehr wissen, was wir denken oder was wir tun sollen.
 
Ich bin es leid, den Filmen zustimmen oder widersprechen zu müssen. Ich beanspruche mein Recht, nichts zu wissen, nicht Partei ergreifen zu wollen, unproduktiv in der bartlebyschen Gesundheit der Gleichmütigkeit zu verharren. Kino verstehen heißt, Abstand zu halten, den Schlaf der Ungewissheit zu bewahren, nicht als Gläubiger an einem Tempel oder Konsument an einer Weltanschauung zu haften.
 
Ich wünsche Dir frohe Weihnachten!
Carlos Natálio
 

Lieber Carlos,

seit du mir zuletzt geschrieben hast, wurde ein weiterer Lockdown in Österreich ausgesprochen, ein weiterer Monat ohne das Kino. Ich habe mich gefragt, ob man verlernen kann, ins Kino zu gehen. Ich meine das im doppelten Sinn, also einmal ganz konkret und einmal so wie wir bereits beschrieben haben, wenn Filme etwas anderes sind und sein sollen und alles in gut verdaubaren Häppchen serviert wird.

Ich habe mir also vorgestellt, nicht mehr zu wissen, wie man ins Kino geht. Nicht wie Bartleby, von dem ich auch bezweifeln würde, dass er überhaupt ins Kino gehen würde, sondern eher wie Estragon in Warten auf Godot. Man wartet und wartet und darüber vergisst man. Man vergisst die Zeit und im Versuch, das zu erzählen, was am Vortag geschah, fängt man an zu vergessen. Als würde uns das Vergessen überleben lassen.

Und was dann? Gehe ich dann ins Kino als wäre es das erste Mal? Oder weiß ich gar nicht mehr, dass es ein Kino gibt? Laufe ich an diesen alten Lichtspielhäusern vorbei wie an so vielen anderen Gebäuden, deren Bedeutung mir nicht klar ist? Erinnere ich mich an das Staunen oder wie man weint?

Aber so lange wir hier sitzen und warten, auf Godot oder das Kino oder etwas anderes, kann vielleicht etwas sichtbar werden. Und das ist schon viel.

Es ist nicht so, dass etwas daran neu ist. Wir vergessen andauernd, wir übersehen, verdrängen und irgendeine andere, neue Maschine erzählt uns dann, dass schon alles in Ordnung ist. Aber so lange wir hier sitzen und warten, auf Godot oder das Kino oder etwas anderes, kann vielleicht etwas sichtbar werden. Und das ist schon viel.

Dir auch frohe Weihnachten, auch wenn ich befürchte, dass uns auch dieses Fest etwas vergessen lässt.

Patrick
 

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