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Mobilität in Berlin
Radfahren: ein Freiheitsgefühl

Mobilität in Berlin - Skalitzer
Foto: Goethe-Institut / Samuel Grasberger

Teresa aus Lissabon und Rita aus Porto schildern uns ihre Erfahrungen mit dem Radfahren in Berlin und schlagen Ideen vor, um die Fahrradnutzung auch in Portugals Hauptstadt Lissabon einfacher zu machen. Denn trotz aller Höhen und Tiefen bei der tagtäglichen Nutzung des Rads gibt es ein eindeutiges Fazit: das Fahrrad ist ihr absolutes Lieblings-Verkehrsmittel

Von Rita Guerreiro

Teresa ging 2015 nach ihrem Übersetzungsstudium an der Universidade Nova in Lissabon mit dem Erasmusprogramm nach Berlin und lebt heute immer noch dort. "Es hat bei mir ein Jahr gedauert, bis ich anfing, Fahrrad zu fahren. So vieles war neu für mich: Es war das erste Mal, dass ich alleine wohnte, meine Arbeit war sehr anspruchsvoll und ich musste eine neue Sprache lernen. Dies waren viele Herausforderungen. Doch eines Tages machte es ‚klick‘ und ich fing an Rad zu fahren." Rita hingegen fuhr von Anfang an Rad. 2012 zog sie, nach einem Erasmusjahr in Prag und mit einem Diplom in Filmwissenschaften der Lissabonner Escola Superior de Teatro e Cinema in der Tasche, nach Berlin. Die öffentlichen Verkehrsmittel der Hauptstadt waren ihr zu teuer, das Fahrrad schien ihr die beste Alternative dazu.  

Mit dem Fahrrad durch Berlin

Teresa fährt kaum mit öffentlichen Verkehrsmitteln. „Ich fahre nur bei Eis nicht mehr mit dem Rad. Durch den Klimawandel sind die Winter aber milder geworden...“ Rita bestätigt, dass es fast das ganze Jahr über möglich ist, auf zwei Rädern durch die Stadt zu fahren. „Es gibt praktisch nichts, was einen daran hindern würde. Ich habe mich daran gewöhnt, fast das ganze Jahr über mit dem Rad zu fahren. Nur wenn es schneit, fahre ich weniger, dann benutze ich die öffentlichen Verkehrsmittel. Mache Leute sind daran gewöhnt und fahren trotzdem, aber es kann dann gefährlich werden.“ Die Anpassung an das Klima ist einfacher, als man denkt: „Wenn es zu heiß ist, meide ich die schlimmsten Stunden. Aber es gibt nicht so viele heiße Tage hier. Die Hitze ist für mich kein Problem, eher der Regen. Aber ich habe eine wasserfeste Jacke gekauft und die reicht vollkommen aus.“ Mit der richtigen Ausstattung hindert einen nichts mehr daran, das Fahrrad zu benutzen, sagt Teresa, die das Radfahren „unheimlich praktisch“ findet und die sich so völlig unabhängig fühlt. „Nichts steht mir im Weg, ich nehme das Fahrrad und fahre los. Ich brauche mir keine Sorgen um einen Parkplatz zu machen. Und gleichzeitig treibe ich Sport. Es ist das Beste, was ich für meinen Geist und meinen Körper tun kann.“  Benefits of the bike Wie viel Geld würde die EU sparen, wenn mehr Menschen mit dem Fahrrad fahren würden? Der gesamte Bericht ist einzusehen auf der Seite von EFC | © EFC. Doch trotzdem birgt das Fahrradfahren auch Risiken. Ein Unfall kann ganz unerwartet passieren. Rita kann dies leider bestätigen, denn sie wurde 2015 von einem Auto angefahren, als sie auf dem Weg zu einem Dreh für eine Fernsehproduktion war. Sie trug Verletzungen an der rechten Hüfte davon, hatte mehrere Hämatome und eine gebrochene Nase. Die Folgen: drei Wochen Krankenhausaufenthalt und zwei Monate Arbeitsunfähigkeit. „Es war ein traumatisches Erlebnis. Aber dann war der Wille, weiterhin Fahrrad zu fahren, doch größer als die Angst vor einem erneuten Unfall.“ Deshalb hat sie das Fahrradfahren nicht aufgegeben. „Die Freiheit, die das Radfahren mit sich bringt, hat mich dazu motiviert, das Trauma zu überwinden.“ Nach dem Unfall fährt sie besonders vorsichtig und ihr fallen immer wieder Verhaltensweisen auf, die nicht zu empfehlen sind: „Gefahren, die mir noch nie aufgefallen waren, die jedoch hier in Berlin sehr üblich sind. Viele Jugendliche fahren mit Kopfhörern! Ich tat es auch, wurde aber eines Tages von einem anderen Fahrradfahrer darauf hingewiesen. In dieser Woche musste ein Freund von mir wegen des Radfahrens mit Kopfhörern 250 € Strafe zahlen. Das finde ich richtig so!“

Lebensqualität in der StadT

Wenn Teresa in Lissabon ist, geht sie lieber zu Fuß, als dass sie Fahrrad fährt. „Ich gehe überall zu Fuß hin. Meine Familie wohnt im Stadtzentrum. Als ich an der „Nova“ studierte, bin ich immer zu Fuß zur Universität gegangen und war schneller als der Bus ...“, erzählt sie uns. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die U-Bahn zu Stoßzeiten nicht auszuhalten ist“, sagt uns Rita, denn sie hat die öffentlichen Verkehrsmittel Lissabons aus Studienzeiten nicht in guter Erinnerung behalten. Teresa hat versucht, das Fahrrad zu benutzen, gab jedoch wegen „der auf den Bürgersteigen parkenden Autos, der Schlaglöcher und der Autofahrer schnell wieder auf“. Im Gegensatz zu Lissabon gehören die Fahrradfahrer in Berlin seit Jahrzehnten zum Stadtbild dazu. „Es gibt mehr Fahrradwege, und dort, wo sie fehlen, respektieren die Autos die Fahrradfahrer mehr. Ich denke, dies sind die zwei wichtigsten Punkte.“

Beide Frauen sind sich einig darin, dass sich die Situation inzwischen gebessert hat, es gibt mehr Radwege und man sieht schon einige Menschen, die sich auf Drahteseln fortbewegen. Doch noch ist in dieser Hinsicht in Lissabon viel zu tun. „Ich denke, dass es einer Mentalitätsänderung bedarf, um den Menschen hier das Fahrradfahren schmackhaft zu machen. Amsterdam ist auch eine Stadt mit engen Straßen, doch die Zweiräder sind allgegenwärtig. Dies hat etwas mit der Mentalität und der Kultur zu tun, die jahrelang gefördert wurde. Meiner Meinung nach fehlt den Portugiesen ein wenig diese ökologische und nachhaltige Mentalität, die dazu führen würde, dass sie sich mit dieser neuen Fortbewegungsform identifizieren und dazu motiviert werden, sie selbst auszuprobieren“, behauptet Rita. Teresa meint außerdem, dass Grünflächen und schöne Spazierwege fehlen. „Mit weniger Luftverschmutzung und weniger Lärm wäre die Lebensqualität in der Stadt besser. Es wäre auch kühler. Wenn es sehr warm ist, kann man kaum zu Fuß gehen, da es fast keinen Schatten gibt und es in der Stadt sehr heiß wird“, ergänzt sie. „Man muss die Autos aus der Stadt schaffen und deren Gebrauch in der Stadt erschweren. Nicht nur in Lissabon, sondern in jeder Stadt. Und nicht nur, damit das Fahrradfahren möglich wird, sondern auch, um den Fußgängern und allen, die in der Stadt wohnen, das Leben zu erleichtern.“ Rita weist darauf hin, dass die geografischen Bedingungen in Lissabon ganz anders als in  Berlin sind. „Man müsste große Veränderungen vornehmen, damit die Nutzung des Fahrrads einfacher wird. In Vierteln wie Alfama oder Bairro Alto müsste man möglicherweise die Straßen und den öffentlichen Raum für die Autos, Zweiräder und Fußgänger vollkommen neu strukturieren.“
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Wie kann man in den Großstädten eine bessere Lebensqualität erreichen?

  • Der Autoverkehr wird reduziert
  • Gute funktionierende öffentliche Verkehrsmittel werden aufgebaut
  • Mehr Raum für Fußgänger wird geschaffen 
  • Parks und Freiraum werden geschaffen
  • Es wird in Fahrradwege investiert 
Teresa zeigt sich jedoch auch skeptisch gegenüber der „neuen Modewelle zur Nachhaltigkeit“ und dem sogenannten „Greenwashing“. Sie gibt zu, dass „Berlin einen besonderen Status“ innehat, eine andere Welt ist: „Die Mentalität hier ist sehr fortschrittlich, es geht nicht nur um Moden oder Tendenzen. Meiner Meinung nach ist die kollektive Mentalität in Portugal überhaupt nicht nachhaltig, auch wenn einige Leute sich Sorgen machen und ihren Lebensstil verbessern wollen, um der Umwelt weniger zu schaden.“ Moden oder Tendenzen hin oder her, die Städte, in denen Autos, Fahrradfahrer und Fußgänger sich harmonisch nebeneinander fortbewegen, sind keine Utopie, es gibt sie schon heute. Städte wie Kopenhagen, Amsterdam oder Berlin sind Beispiele, die zeigen, dass das Fahrrad letztendlich eine den anderen Verkehrsmitteln absolut ebenbürtige Form der Fortbewegung darstellt.

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