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JiGG 2018
Mit der Energie einer Rockband

Gorilla Mask
Foto (Ausschnitt): © David Beecroft

Hinter dem Berliner Trio Gorilla Mask verbergen sich Peter van Huffel, Saxofonist kanadischer Herkunft und Kopf der Formation, Bassist Roland Fidezius und Schlagzeuger Rudi Fischerlehner. Das 2017 veröffentlichte dritte Album des Trios mit eigenen Stücken, Iron Lung, ist bereits das zweite, das bei dem portugiesischen Label Clean Feed erschienen ist. Im Vorfeld des Auftritts bei JiGG - Jazz im Goethe-Garten stellt Peter van Huffel die Gruppe und ihre Musik vor.

Von Nuno Catarino

Wie kam es dazu, dass du mit Rudi Fischerlehner und Roland Fidezius im Trio spielst?
 

Roland Fidezius lernte ich 2004 im Banff Centre for the Arts in Kanada bei einem Workshop zu Jazz und kreativer Musik mit Dave Douglas kennen. Im Laufe der drei Workshop-Wochen wurden wird gute Freunde, spielten unter dem großen George Lewis zusammen in einem Ensemble und begannen, in verschiedenen Projekten zusammenzuarbeiten. Bei vielen unserer gemeinsamen Projekte – während dieses Workshops im Banff und später – war auch der amerikanische Gitarrist Dan Nettles mit von der Partie, den wir auch dort kennengelernt hatten und mit dem wir bis heute zusammenarbeiten. Im Winter nach dem Workshop organisierten wir eine kleine Europa-Tournee und spielten vor allem eigene Stücke. Im Laufe der Jahre trafen wir uns für musikalische Kooperationen häufig in New York (wo ich damals lebte) und Berlin (wo Roland lebte) und entwickelten auch neue Projekte.
 
Rudi Fischerlehner war ein Freund von Roland. Damals war er Schlagzeuger in Rolands Quartett Odd Shot. Von dort kannte ich ihn und seinen Stil bereits. 2005 kam Rudi für ein fünfmonatiges Residenzprogramm nach New York. Damals spielten wir zum ersten Mal bei ein paar Gigs zusammen und gaben auch ein Konzert mit Roland, als dieser zu Besuch in New York war. Dies war einer der wenigen Momente bis zu meinem Umzug nach Berlin im Jahr 2008, in denen wir drei die Gelegenheit hatten, zusammen aufzutreten. Nach meinem Umzug spielten wir in verschiedenen Kontexten immer häufiger zusammen. 2009 hatte ich schließlich die Idee, die Gruppe Gorilla Mask zu gründen. Es stand sehr schnell fest, dass Rudi und Roland die richtige Wahl waren für die Rhythmusgruppe, die der Musik, die ich im Kopf hatte, Leben einhauchen sollte.
 
Wie kamst du auf den Namen Gorilla Mask?
 

Ich suchte nach einem Namen, der zu der Musik passte, die ich für diese Guppe schreiben wollte, und der zugleich unterschiedliche Publika anziehen würde. Ich wollte eine Band gründen, die mit derselben Energie spielt wie eine Rockband, eine einfachere und zugänglichere Musik bietet (zumindest bei den durchkomponierten Stücken) als die meisten zeitgenössischen Jazz-Gruppen (einschließlich meines damaligen eigenen Quartetts) und gleichzeitig die Grenzen der der Improvisation und der experimentellen Musik weiter verschiebt. Ein anderer wichtiger Aspekt (der im modernen Jazz immer mehr in Vergessenheit zu geraten droht) war für mich, dass die Musik einen gewissen Sinn für Humor haben sollte. In gewisser Weise gleicht die Band für mich einem klassischen Horrorfilm: sie sorgt für Adrenalinschübe, macht manchmal Angst, aber es gibt auch Stellen, an denen gelacht werden darf, um die Spannung zu lösen. Für mich liegt die humorvolle Seite dieser Musik in den Kompositionen selbst, die manchmal so einfach wie Kinderlieder sind, und natürlich in den Titeln wie Angry Monster und Monkey’s Revenge. Vor diesem Hintergrund kam mir die Idee zu dem Namen Gorilla Mask, der für mich perfekt zu unserer Musik passt. Seither stand es für mich auch nie wieder zur Debatte, diese Gruppe auf einen anderen Namen zu taufen.
 
Das Trio spielt zeitgenössischen Jazz mit viel Energie, Improvisation und Rock-Spirit. Wie ist dieser ganz besondere Klang entstanden?
 

Ob Jazz, Rock oder Klassik – energiegeladene Musik mochte ich schon immer. Selbst beim Komponieren von zeitgenössischem Jazz (für mein New Yorker Quintett und das internationale Quartett) ging es mir oft um das Freisetzen durch Energie durch die Musik. Was Jazz betrifft, so mochte ich die energetische Musik beispielsweise eines John Coltrane und eines Charles Mingus immer am liebsten; das Rohe und Raue an ihrer Musik gefiel mir immer schon besonders gut.
Ironischerweise hörte ich als Jugendlicher nie Rockmusik, denn bereits mit 14 Jahren begann ich mit dem Saxofonunterricht und der Jazzmusik. Aber die energiegeladenen Wellen des Rock, insbesondere von Gruppen wie Led Zeppelin und AC/DC mochte ich immer schon. Im Grund meines Herzen bin ich ein improvisierender Musiker. Als ich entschied, eine Band zu gründen, die eine einfachere und hochenergetische Musik spielt, wollte ich, dass dieses Projekt auch die Grenzen der Improvisation auslotet und Elemente des Free Jazz und des Rock in seinen musikalischen Stil integriert.
 
Welche Einflüsse spielten für deine Musik eine entscheidende Rolle?
 

Als ich 2002 nach New York ging, übten Musiker wie John Zorn, Tim Berne und Jim Black (um nur einige zu nennen) großen Einfluss auf mich aus. Ich bewunderte die Art und Weise, wie sie die Grenzen des Experimentellen herausforderten. Es schien, als ob sie sich – selbst in der freiesten Improvisation – über alle Regeln des Jazz hinwegsetzten und gleichzeitig eine vor Energie pulsierende Musik schufen. Durch die Bands Naked City von John Zorn und Bloodcount von Tim Berne erhielt ich eine völlig neue Sicht auf die Frage, wie man vor dem Hintergrund des Jazz eine Musik kreieren kann, die alle möglichen modernen Einflüsse aufgreift.
Die Entwicklung dieses Stils, der auch mein Saxofon-Spiel prägt, wurde von großen Jazz-Musikern wie John Coltrane, aber auch großen Künstlern wie Albert Ayler und Peter Brötzmann stark beeinflusst. Aus der Welt des Rock spielten Bands wie Nirvana, Soundgarden und sogar die Rolling Stones eine wichtige Rolle. In dem Maße, wie sich die Band weiterentwickelte, gingen weitere musikalische Einflüsse in ihre musikalische Sprache ein, insbesondere von Punk-Bands wie DNA und Husker Dü, die im Jugendalter bei Roland und Rudi einen bleibenden Eindruck hinterließen. Einige dieser Bands entdeckte ich erst nach der Gründung von Gorilla Mask, auf Empfehlung meiner Bandkollegen. Daher kann man mit Fug und Recht sagen, dass zahlreiche verschiedene musikalische Einflüsse in den Stil des Trios Gorilla Mask eingegangen sind, das daraus seinen eigenen Klang entwickelt hat.
 
Zwei Alben von Gorilla Mask (
Bite My Blues und Iron Lung) sind bei dem portugiesischen Label Clean Feed erschienen. Wie war diese Erfahrung für euch?
 

Clean Feed ist ein tolles, weltweit anerkanntes Label. Die Zusammenarbeit mit Pedro Costa und seinem Team verlief immer reibungslos. 2008 erschien unser erstes Album bei Clean Feed, ein kollaboratives Projekt namens HuffLiGNon mit meiner Frau Sophie Tassignon, bei dem auch der Posaunist Samuel Blaser und der Bassist Michael Bates mitmachten. Das Album wurde sehr gut aufgenommen und führte in den darauffolgenden Jahren zu Engagements in ganz Europa. Als ich Clean Feed wegen des zweiten Albums von Gorilla Mask (Bite My Blues) kontaktierte, war das Label genauso begeistert wie beim ersten Mal und brachte das Album schnell auf den Markt, rechtzeitig zur Tournee. Außerdem unterstützte Clean Feed uns bei der Promotion des Albums. Auch mit der Veröffentlichung unseres letzten Albums (Iron Lung) im letzten Jahr war ich sehr zufrieden, insbesondere mit der Möglichkeit, eine Vinyl-Version zu produzieren. Im Übrigens finde ich alle von Travassos, dem fantastischen Hauskünstler des Labels, entworfenen Cover hervorragend, und könnte mit den Covern der beiden Platten nicht zufriedener sein.
 
Welche Pläne habt ihr als Gruppe? Habt ihr Pläne für die nächsten Alben, möchtet ihr mit Gastmusikern zusammenarbeiten?
 

Bald stehen unsere Sommer-Tourneen an: mit Festivals in Kanada, unserem Auftritt bei JiGG in Lissabon und zwei weiteren Festivals in Österreich am Ende des Sommers. Derzeit plane ich für den Herbst außerdem Konzerte in Slowenien, und vielleicht geben wir im Anschluss noch weitere Konzerte in Osteuropa. Im April 2019 führen uns einige Konzerte nach Belgien und in die Niederlande. Und im November spielen wir mit dem japanischen Duo Sax Ruins in Berlin, ein „double-bill“-Konzert, über das wir uns sehr freuen!
Ein viertes Album wollen wir definitiv herausbringen, aber im Moment kann ich überhaupt nicht sagen, wann es aufgenommen und veröffentlicht werden wird; wahrscheinlich müssen wir bis 2019 oder 2020 gedulden. Bei den nächsten Auftritten werden wir – als Vorbereitung auf Album Nr. 4 – viel neue Musik spielen. Zu den Gastmusikern: Bisher haben wir nur in Berlin mit Gastmusikern zusammengearbeitet, aber das war jedes Mal ein voller Erfolg! In einem Konzert zu unserem fünften Geburtstag haben wir mit Matthias Schubert, Andreas Willers, Olaf Rupp, Maurizio Ravalico, Jörg Hochapfel und Gebhard Ullmann gespielt. Wahrscheinlich werden wir in der nächsten Zeit weitere Konzerte mit Gastmusikern geben. Ein Album oder eine Tournee mit einem Gastmusiker sind natürlich auch jederzeit möglich, aber hierzu gibt es derzeit keine konkreten Pläne.
 
In welchen anderen Gruppen spielst du neben Gorilla Mask noch mit?
 

Derzeit stecke viel Zeit in mein Oktett, das ich in den letzten beiden Jahren ins Leben gerufen habe. Die Musik für das Oktett schrieb ich während einer Künstlerresidenz in Kanada im Jahr 2016. Sie greift Einflüsse von Komponisten zeitgenössischer klasssicher Musik wie Berio, Ives, Feldman und Cage auf, integriert aber auch viel offene Improvisation, wo meine Wurzeln liegen. Das Oktett setzt sich zusammen aus meiner Frau Sophie Tassignon (Gesang), Lina Allemano (Trompete), Matthias Müller (Posaune), Alex Maksymiw (Gitarre), Nathan Bontrager (Cello), Meinrad Kneer (Bass) und Christian Marien (Schlagzeug). Im Rahmen eines anderen Projekts arbeite ich mit dem Gitarristen Maksymiw zusammen; wie spielen eigene Kompositionen mit Pedal und Effekten, in der Besetzung Saxofon und Gitarre. Außerdem spiele ich in verschiedenen Berliner Bands mit: u. a. in dem Meinrad Kneer Quintet, im Quartett Fake Noise (mit Jonathan Lindhorst, Dan Peter Sundland und Oliver Steidle), bei The Scrambling Ex (mit Andreas Willers und Devin Gray) und im Quintett Kavka von Alex Bayer.
 
Du hast schon mehrmals in Portugal gespielt. Was hältst du von dem Land und von Lissabon?
 

Ich bin absolut begeistert von Portugal, Lissabon und der portugiesischen Kultur im Allgemeinen. Ich war schon mehrmals in Portugal, zu Auftritten und auch im Urlaub, und fühlte mich immer sehr freundlich aufgenommen von den Leuten, die ich kennenlernte. Lissabon ist eine der schönsten Städte, die ich je besucht habe, und ich freue mich sehr darauf, in diesem Sommer wieder nach Lissabon zu reisen und nach dem Konzert bei JiGG einige Tage in der Stadt zu genießen.
 
In Lissabon werdet ihr bei einem Open-Air-Festival spielen. Was dürfen wir von eurem Konzert bei JiGG erwarten?
 

Bei unserem Konzert in Lissabon werden wir vor allem Musik von unserem jüngsten Album, Iron Lung, sowie neue Kompositionen spielen. Wenn die Stimmung passt, sind wir natürlich auch für einige Überraschungen von älteren Alben zu haben… In der Tat ist diese Frage zum jetzigen Zeitpunkt aber sehr schwer zu beantworten, denn vorher sind wir auf Tournee in Kanada, und das wird unsere Musik sicher weiterbringen, auf ein neues Niveau heben und uns zu neuen Experimenten inspirieren. Auf jeden Fall darf sich das JiGG-Publikum auf eine intensive, energetische manchmal sogar tanzbare Musik freuen. Wir legen die Hand dafür ins Feuer, dass wir alle viel Spaß haben werden!

 

GORILLA MASK | DEUTSCHLAND

Das in Portugal schon bekannte Trio aus der sehr aktiven Szene Berlins zeichnet sich durch seine Transformationen des Free Jazz, Punk und Dub aus, die in machtvollen, prägnanten und trockenen Kompositionen Gestalt annehmen. Die gepflegte Interaktion und die Ausdauer der Musiker, ihre rhythmischen Attacken und die gebrochenen Melodien versetzen den Zuhörer in einen Zustand der körperlichen Euphorie. 

Peter Van Huffel: Altsaxophon | Roland Fidezius: E-Bass, Effekte | Rudi Fischerlehner: Schlagzeug

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