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Literaturszene in Berlin
Die deutsche Gegenwartsliteratur in Berlin ist mehrsprachig

Die portugiesische Dichterin Denise Pereira bei einer multilingualen Performance in Berlin.
Die portugiesische Dichterin Denise Pereira bei einer multilingualen Performance in Berlin. | Foto (Ausschnitt): © Raul Pinto

Das facettenreiche soziale Geflecht Berlins spiegelt sich in der Berliner Literaturszene wider – in Berlin wird in vielen Sprachen geschrieben, gelesen und publiziert. Längst nicht nur auf Deutsch.

Von Joey Bahlsen

Berlin ist der Ort, an dem so viele deutschsprachige Literaturhäuser, Verlage und Lesereihen zu finden sind wie sonst nirgendwo. Aber es ist auch der Ort der mehrsprachigen literarischen Stimmen in der sich konstant wandelnden Stadt. Eine Stadt, in der seit jeher mehr als nur Deutsch (oder Englisch) gesprochen und geschrieben wird, die ambivalent ist und vielfältig, tief verankert in der europäischen Kultur und Literatur. Nicht ohne Grund lebten Größen der Literatur wie Kafka, Nabakov und Isherwood zeitweise in Berlin. Das zeitgenössische Schreiben in Berlin ist nicht erst seit gestern multilingual.

Eine internationale Literaturszene

Große Namen wie die argentinische Schriftstellerin Samantha Schweblin, die gerade bereits zum dritten Mal für den International Man Booker Award nominiert wurde (für den Roman Little Eyes), und Yoko Tawada, die mehrfach ausgezeichnete japanische Romancière, die sowohl auf Japanisch als auch auf Deutsch schreibt, sind nur einige der vielen Autor*innen, welche die kreative Sprachlandschaft Berlins bereichern.

Auch weniger bekannte Namen wie die portugiesische Dichterin Denise Pereira, die seit 2016 in Berlin wohnt, profitieren von den (verhältnismäßig) billigen Mieten und der Kunstoffenheit Berlins. Schon seit 2014 in den Poetry-Slam-Sphären unterwegs, schuf Pereira 2016 die musik-poetische Performance Marioneta Inquieta (Die rastlose Puppe), die sowohl in Lissabon als auch in Berlin Anklang fand und Aufmerksamkeit auf sich zog.

Ebenfalls recht neu in Berlin sind Steve Mekoudja, Dichter, Sänger, Künstler aus Kamerun, sowie die syrische Prosatexterin Rasha Abbas. Mekoudja, der an der Technischen Universität in Berlin studierte, wurde im März 2015 mit dem Prix Stéphane Hessel de la jeune écriture francophone ausgezeichnet. Seine Debüt-Novelle Tala Ngai thematisiert die Massenvergewaltigungen von Frauen im Kongo. Rasha Abbas kam über den Umweg Stuttgart und das Jean-Jacques Rousseau Fellowship der Akademie Schloss Solitude nach Berlin. Ihre Kurzgeschichten werden mittlerweile auch in deutscher Sprache im Berliner Verlag mikrotext publiziert. Sarkastisch-lakonisch und getragen von einer inneren Melancholie sind ihre Texte vom Feuilleton hochgeschätzt und auch international erfolgreich.
  • Die argentinische Schriftstellerin Samanta Schweblin, die zuletzt bereits zum dritten Mal für den International Man Booker Award nominiert wurde. Foto: © Graham Hains
    Die argentinische Schriftstellerin Samanta Schweblin, die zuletzt bereits zum dritten Mal für den International Man Booker Award nominiert wurde.
  • Angeregte Diskussionen bei dem Afroberlin Symposium im LCB mit Dr. Pepetual Mforbe, Acèle Nadale, Hervé Tcheumeleu und Marianne Ballé MoudoumbouAngeregte Diskussionen bei dem Afroberlin Symposium im LCB mit Dr. Pepetual Mforbe, Acèle Nadale, Hervé Tcheumeleu und Marianne Ballé Moudoumbou Foto: © Graham Hains
    Angeregte Diskussionen bei dem Afroberlin Symposium im LCB mit Dr. Pepetual Mforbe, Acèle Nadale, Hervé Tcheumeleu und Marianne Ballé Moudoumbou
  • Die portugiesische Dichterin Denise Pereira bei einer multilingualen Performance. Foto: © Raul Pinto
    Die portugiesische Dichterin Denise Pereira bei einer multilingualen Performance.
  • Rasha Abbas, Jayrome Robinet und Martin Jankowski bei einer PARATAXE-Veranstaltung im November 2019 Foto: © Graham Hains
    Rasha Abbas, Jayrome Robinet und Martin Jankowski bei einer PARATAXE-Veranstaltung im November 2019
  • Der kamerunischer Schriftsteller, Künstler und Sänger Steve Mekoudja, der seit 2015 in Berlin lebt. Foto: © Graham Hains
    Der kamerunischer Schriftsteller, Künstler und Sänger Steve Mekoudja, der seit 2015 in Berlin lebt.

Literaturmagazine und Veranstaltungen

Es gibt in der Stadt neben deutschen und englischsprachigen Literaturmagazinen (wie Berlin Quarterly oder auch SAND, das aus der englischsprachigen Literaturszene Berlins nicht mehr wegzudenken ist) literarische Zeitschriften auf Spanisch und Portugiesisch (alba. Lateinamerika lesen e.V.), Russisch (Berlin.Berega) und Französisch (La mer gelée) sowie eine wachsende Zahl anderssprachiger Kleinverlage.

Mehrsprachige Literaturreihen findet man mittlerweile an jeder Ecke der Stadt, z. B. im ausland, der Lettrétage und dem Haus für Poesie. Auch in den hollowed halls des Berliner Schreibens, den Institutionen Literarisches Colloquium Berlin und Literaturhaus Berlin, sind mehrsprachige Berliner Autoren inzwischen ein fester Bestandteil des Programms.

Auch die Berliner Literarische Aktion widmet sich in zwei regelmäßigen Veranstaltungen der internationalen Literatur in Berlin: in der Literaturreihe Parataxe, die jeden zweiten Monat durch die Literatursäle Berlins wandert und jeweils zwei Protagonist*innen der Szene präsentiert, sowie im stadtsprachen magazin, das aus dem stadtsprachen Festival 2016 hervorging und es sich, wie sein Namensgeber, zur Aufgabe macht, die mehrsprachigen Literat*innen Berlins vorzustellen und ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. In Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium organisiert das stadtsprachen magazin in halbjährlichem Rhythmus ein literarisches Symposium, das eine internationale Schriftstellergruppe der Stadt vorstellt. So wurden im LCB am Wannsee zuletzt unter anderem die lateinamerikanischen, die afrikanischen und die osteuropäischen Berliner Literat*innen zu Gesprächen und Diskussionen eingeladen.

Ein Wandel in der Wahrnehmung

Das öffentliche Bewusstsein für die Multilingualität der Berliner Literaturszene ist in den letzten Jahren zunehmend gestiegen. Die Literaturhäuser und zahlreiche Festivals in Berlin (und nicht selten auch darüber hinaus) präsentieren inzwischen anderssprachige Berliner Autor*innen vielfach in ihren Programmen. Das multilinguale Schreiben ist aus Berlin nicht mehr wegzudenken.

Seit 2017 gibt es in Berlin eine Förderung einzig für nicht deutsch-schreibende Autor*innen. Das ist in Europa, und vielleicht sogar weltweit, einzigartig. Die sogenannten unsichtbaren Stimmen werden immer sichtbarer, im wachsenden Stimmengeflecht Europas und der Welt. Dieses bunte Konzert literarischer Berliner Stimmen reflektiert nicht nur die Vielfalt und kulturelle Pluralität der Stadt selbst, sondern auch des Europäischen Kontinents. Berlin und Mehrsprachigkeit. Das passt gut zusammen.

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