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Wunderkammern voller Bücher
Ein Spaziergang durch die schönsten Buchhandlungen Berlins – Teil III

Uslar & Rai Buchhandlung, Berlin
Uslar & Rai Buchhandlung, Berlin | © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola

Heute begeben wir uns zum dritten Mal auf einen virtuellen Spaziergang durch die unabhängigen Buchhandlungen Berlins. Der Frühling kitzelt die Stadt mit den ersten warmen Sonnenstrahlen und wir stellen uns angesichts des schönen Wetters vor, alle gegen Covid-19 geimpft zu sein und uns daher frei bewegen zu können, allein oder zu zweit, ohne jegliche Einschränkungen.

Von Giulia Mirandola

Für unseren Ausflug orientiere ich mich an einer ganz besonderen Karte. Die Karte der Berliner Buchläden (argobooks 2018) ist das Ergebnis von zwei Jahren Recherche und basiert auf Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Buchhandlungen selbst sowie auf Hinweisen von Autoren, Künstlern, Übersetzern und Verlegern.

Gegenkultur und Natur in Kreuzberg

Jede Stadt sollte einen Ort wie das Zabriskie haben. Der Buchladen für Kultur und Natur überzeugt mit einer handverlesenen Auswahl an Büchern (in deutscher und englischer Sprache) und einer großen Vielfalt ebenso sorgfältig ausgewählter Verlage. Der nur wenige Quadratmeter große Raum erinnert ein wenig an eine Bibliothek, in der man die ausgestellten Werke auch kaufen kann. Begonnen hat alles 2013. Fasziniert von Antonioni und Foucault gründeten Lorena Carràs und Jean-Marie Dhur die Buchhandlung Zabriskie. Seither organisieren die beiden Lesungen und Präsentationen, gewinnen Auszeichnungen, leiten einen Leseclub und bieten, gemeinsam mit Biologen, Wissenschaftsjournalisten und Naturheilkundlern, geführte Vogelbeobachtungen und Wildkräuterspaziergänge an. Ein weiterer Service des Zabriskie nennt sich „Bibliothekskuratierung“ und klingt nach meinem absoluten Traumjob: Im Auftrag von Fachbibliotheken kuratiert das Team des Zabriskie Sammlungen zu den Themen Naturgeschichte, Ökologie, „Anthropozän“, Nachhaltigkeit, Do it Yourself, Selbstversorgung, Gärtnern, Landschaftsarchitektur, utopische und alternative Lebensmodelle. Neben Werken aus den genannten Bereichen umfasst das Sortiment der Buchhandlung zudem Naturbildbände, die besten Bücher über Indie-Musik und Undergroundfilme, Künstlerbücher und Eigenproduktionen, Erfahrungsberichte von psychedelischen Trips, Tagebücher von Reisen an ferne Orte sowie Werke der Philosophie und Soziologie, Esoterik und experimentellen Literatur. Tipp: Irgendwo, ein wenig versteckt, finden sich auch Audiokassetten und Schallplatten, für Kunden mit exzentrischen Hörgewohnheiten und Raritätenliebhaber.

Jugendliche Unrast

Von hier ist es nur ein Katzensprung zu b_books und der Buchhandlung OH*21. Zwei Buchläden, die nicht nur die Lage – unweit der Skalitzer Straße, in der Nähe der U-Bahn-Station Kottbusser Tor –, und die politische Ausrichtung, sondern meines Erachtens auch eine gewisse jugendliche Unrast gemein haben. B_books ist Buchhandlung, Verlag und Filmproduktionsfirma zugleich. Die Bücher stapeln sich vom Boden bis zur Decke, nach Themen geordnet: Politische Theorie und Philosophie, Kapitalismuskritik, Migration und Postkolonialismus, Urbanismus und Globalisierung, Neue Rechte und Neofaschismus, Feminismus, Gender und Queer Studies, Ökologie, Medien- und Kunsttheorie, Ästhetik.

In den Schaufenstern der Buchhandlung OH*21 hängen Protestplakate, die je nach lokaler und globaler politischer Lage wechseln – ein Weg, um auch während der Arbeitszeit öffentlichen Protest zu üben und „auf die Straße zu gehen“. Die Auswahl der Titel, Verlage, Autorinnen und Autoren spiegelt eine klare Haltung wider und sorgt für Freude (oder entsprechende Empörung) bei allen, die sich für Frauenbewegungen, Anarchie, Sozialismus, Kapitalismus, Philosophie und Soziologie interessieren.

„poetisiert euch!“

Sechs Kilometer sind es von Kreuzberg über Berlin-Mitte in den Stadtteil Prenzlauer Berg. Geht man den Weg zu Fuß, bietet sich ein Zwischenstopp bei Ocelot – not just another bookstore in der Brunnenstraße an. Auf den beiden großen Schaufenstern des Ladens prangte vor einigen Wochen noch der Imperativ „poetisiert euch!“, in Bezugnahme auf das gleichlautende Motto des unabhängigen Verlagshauses Berlin. Diese Aufforderung zur „Poetisierung“ wirkt desinfizierend und zaubert jedes Mal ein Lächeln auf mein Gesicht, wenn ich an sie denke, sie lese, höre, ausspreche oder schreibe. Geleitet wird die Buchhandlung seit 2015 von Maria-Christina Piwowarki, die dieses Jahr Mitglied der Jury des Deutschen Buchpreises, der wichtigsten Literaturauszeichnung Deutschlands, war. Das Ocelot-Team besteht aus sechs Mitarbeiterinnen und einem Mitarbeiter, die sich mit großem Engagement einer Aufgabe widmen, die gerne unterschätzt wird und doch so wichtig ist: der Kulturvermittlung. Die Leitung des Teams untersteht Piwowarki, Ludwig Lohmann ist für Veranstaltungen und Ausstellungen verantwortlich, Alex Bachler betreut den Bereich Graphic Novels, Comics, Kinder- und Jugendliteratur, Jane Stemmler ist Fachfrau für Fotografie und zeitgenössische Kunst, für den Online-Verkauf ist Magda Birkmann zuständig, das Café ist in den Händen von Eva und Cecilia Drain absolviert im Ocelot ihre Ausbildung zur Buchhändlerin.
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin 7 © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
  • Buchhandlung in Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Giulia Mirandola
Um von hier in den Stadtteil Prenzlauer Berg zu gelangen, folgen wir einfach der Veteranenstraße und biegen von dort in die Kastanienallee ein. Hier finden wir – unweit des Lichtblick-Kinos und des besetzten (und legalisierten) Hauses Kastanienallee 77 – den Buchladen zur schwankenden Weltkugel. Die Buchhandlung ist ein Schlupfwinkel für kleine und unabhängige Verlage und besticht mit einer beeindruckenden Fülle an politischen und literarischen Zeitschriften aus dem In- und Ausland, darunter auch der italienischen Wochenzeitung Internazionale, einer italienischen Variante des Courrier International. Stellt sich die Frage, wer diese vielen Bücher zu Politik, Anarchie, Antifaschismus, Antimilitarismus, Antirassismus, Antisemitismus, Feminismus, Disability Studies, Gender Studies, Gewerkschaftswesen, Ökologie, Gesellschaftskritik, Wirtschaft, Philosophie und Psychoanalyse liest? Ein Besuch im Buchladen zur schwankenden Weltkugel verrät uns die Antwort.

Zwischenstopps auf dem Heimweg

Das Goldhahn und Sampson ist zwar nicht in der Karte der Berliner Buchläden verzeichnet, liegt aber auf dem Weg. Die Gründer und Inhaber Sascha Rimkus und Andreas Klöckner bieten hier neben Feinkost und ausgewählten Weinen auch internationale Kochkurse an. Gleichzeitig finden wir im Goldhahn und Sampson aber auch eine umfangreiche Sammlung an Kochbüchern aus aller Welt. Mehr als 4.000 Titel zu den Themen Ernährungswissenschaften, Gastronomiekultur, Esskulturen, regionale Küchen, Brote der Welt sowie Fotografie und Illustration von Lebensmitteln stehen hier zur Auswahl. Ich halte mich zurück und kaufe diesmal kein Buch, gönne mir aber etwas „Süßes“: eine Schachtel mit feinsten Schokoladen der traditionsreichen Berliner Schokoladenmanufaktur Erich Hamann – eine echte Spezialität.
 
Auf dem Weg nach Hause, entlang der Schönhauser Allee, findet sich immer ein Buchladen, in dem noch Licht brennt, so auch heute. Als letzte Kundin des Tages habe ich das Glück, die Buchhandlung Uslar & Rai ganz für mich allein zu haben, und ich genieße dieses Privileg. Der Laden ist zum Verlieben schön. Nicht nur wegen der Vielzahl an ausgestellten Büchern, sondern auch, weil es hier gleichzeitig viel freien Raum gibt. Zu verdanken ist dies der Grafikerin Katharina von Uslar und dem Autor Edgar Rai, die seit 2012 auch als Buchhändler respektive Buchhändlerin tätig sind, sowie Tina Friedrich, die bereits langjährige Erfahrung im Buchhandel mitbringt. Inspiriert vom harmonischen Ambiente, schicke ich einer befreundeten Buchhändlerin aus Mailand sofort ein paar Fotos. Die Antwort: „So soll meine Buchhandlung auch aussehen!“



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