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Literaturvermittlung
Übersetzung ist Kulturdialog

Übersetzerin Katy Derbyshire und Schriftstellerin Brygida Helbig
Übersetzerin Katy Derbyshire und Schriftstellerin Brygida Helbig | Foto: © Graham Hains

Übersetzer und Übersetzerinnen sind die oft unterschätzten Vielschaffenden der Literatur. Für den Kulturdialog sind sie unverzichtbar, da sie uns teilnehmen lassen (teilleben geradezu) am Denken und Fühlen anderer Kulturen.

Von Joey Bahlsen

Übersetzen ist eine Form der Neudichtung, ein Akt literarischer Empathie: Stimmung, Satzbau und Bedeutung eines Textes wird nachgegangen, seiner Wirkung und Intensität, seinem Tempo und Register wird nachgespürt, um ihn in einer anderen Sprache wiederzugeben.

In Deutschland ist die Übersetzungskultur besonders stark ausgeprägt (jährlich erscheinen hier an die 10.000 übersetzte Bücher), eine Tradition, die in Luthers Übersetzung der Bibel im 16. Jahrhundert wurzelt. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der deutsche Literaturmarkt zur Drehscheibe zwischen Ost und West, und bis heute gelangen viele Texte aus osteuropäischen Sprachen über das Deutsche als „Trittbrett“ in westeuropäische Länder; man denke z. B. an das Werk des ungarischen Schriftstellers Imre Kertész.

Übersetzungsförderung in Deutschland

Die institutionalisierte Übersetzungsförderung in Deutschland etablierte sich endgültig mit der Gründung des Deutschen Übersetzerfonds e. V. (DÜF) im September 1997. Endlich gab es bundesweit Fördermöglichkeiten für in Deutschland ansässige Übersetzer*innen. Seit 1998 erhält der DÜF regelmäßig Zuschüsse vom Deutschen Bund (u. a. durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Auswärtige Amt, die Kulturstiftung der Länder) und der Robert Bosch Stiftung. Der Schwerpunkt der Arbeit des DÜF liegt auf der Vergabe von Stipendien; außerdem betreibt er die Akademie für Übersetzungskunst, welche internationale Projekte in der ganzen Welt organisiert.

2018 riefen der Deutsche Übersetzerfonds und die Robert Bosch Stiftung das TOLEDO-Programm ins Leben, welches Übersetzer und Übersetzerinnen als zentrale Akteure des internationalen Kulturaustauschs aktiv unterstützt: durch Veranstaltungen, die ihnen eine Bühne geben, individuelle Förderungen (z. B. Residenzstipendien in diversen europäischen Übersetzerzentren) und die Vernetzung mit weiteren Akteuren des Literatur- und Kulturbetriebs. Geleitet wird das Projekt von der in Berlin lebenden französischen Übersetzerin Aurélie Maurin.

Für Nachwuchsübersetzer*innen ohne oder mit nur wenigen Publikationen organisiert der DÜF das Hieronymus-Programm, das zwölf Neueinsteiger*innen erste Einblicke in das Metier und die Kunst des Übersetzens erlaubt. Und die beliebte einwöchige Sommerakademie des Literarischen Colloquiums Berlins für nationale und internationale Übersetzer*innen bietet den „Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Möglichkeit, mit Berliner Autor*innen, Kritiker*innen und Verleger*innen zusammenzutreffen, das literarische Leben der Stadt kennenzulernen und konkrete Übersetzungsprojekte voranzubringen“.

Zentrum Berlin

In den letzten Jahren hat sich Berlin zu einem wichtigen Zentrum internationaler Literatur entwickelt. Hier leben nicht nur viele mehrsprachige Autor*innen, sondern auch eine Myriade von Übersetzer*innen, die mit ihrem Schaffen das multilinguale Schreiben in Berlin unterstützen und auch ermöglichen.
  • Übersetzerin Odile Kennel, mit den Schriftstellern Tomás Cohen und Martin Jankowski bei einer Lesung in Berlin Foto: © Graham Hains
    Übersetzerin Odile Kennel, mit den Schriftstellern Tomás Cohen und Martin Jankowski bei einer Lesung in Berlin
  • Übersetzerin Katy Derbyshire und Schriftstellerin Brygida Helbig Foto: © Graham Hains
    Übersetzerin Katy Derbyshire und Schriftstellerin Brygida Helbig
  • Der vietnamesischer Übersetzer Đăng Lãnh Hoàng, zuletzt als "Übersetzer des Jahres" in seinem Heimatland ausgezeichnet Foto: © Graham Hains
    Der vietnamesischer Übersetzer Đăng Lãnh Hoàng, zuletzt als "Übersetzer des Jahres" in seinem Heimatland ausgezeichnet
  • Übersetzerin Barbora Schnelle spricht bei einen Symposium im LCB Foto: © Graham Hains
    Übersetzerin Barbora Schnelle spricht bei einen Symposium im LCB
  • Aurélie Maurin, französische Übersetzerin und Leiterin des TOLEDO-Programms. Foto: © Graham Hains
    Aurélie Maurin, französische Übersetzerin und Leiterin des TOLEDO-Programms.
Übersetzer*innen wie Katy Derbyshire, die seit 1996 in Berlin wohnt und unter anderen Helene Hegemann, Tilmann Ramstedt und Inka Parei ins Englische übersetzt hat, sind fest integriert in die dortige Literaturszene. Eine wichtige Akteurin für die Vermittlung der Literatur romanischer Sprachen ist die Autorin und Übersetzerin Odile Kennel, die Texte aus dem Portugiesischen und Französischen ins Deutsche überträgt, darunter auch die selbst in Berlin ansässigen Schriftsteller Érica Zíngano und Ricardo Domeneck. Der Berliner Chemiker, Autor und Übersetzer Đăng Lãnh Hoàng bringt deutschsprachige Literatur mit seinen Übersetzungen in sein Geburtsland Vietnam. 2018 wurde er dort für seine Thomas-Bernhard-Übersetzung als Übersetzer des Jahres ausgezeichnet. Auch seine Übersetzung von „In Zeiten des abnehmenden Lichts” von Eugen Ruge erschien inzwischen in Vietnam.

Der Blick in die Zukunft

Die Kunst des Übersetzens liegt darin, die Stimme, den Klang und die Gefühle des Originals einzufangen und in eine andere Sprache, einen anderen Kontext zu übertragen, sodass sie dort ihre ursprüngliche Wirkung entfalten und dem Leser, der Leserin einer anderen Sprache Eintritt gewähren in die Bild- und Klanglandschaft des Textgemäldes.

Die leider noch unzureichende Wertschätzung der Arbeit der Übersetzer*innen spiegelt sich auch in den meist bescheidenen Honoraren wider. Das Handwerk des Übersetzens ist, wie alle anderen Künste, auf Förderung angewiesen. Vielleicht ist es auch an der Zeit für einen Europäischen Literaturfonds, der europaweit Förderungen und Stipendien für Übersetzer*innen anbietet. Damit der Brunnen der europäischen Sprachvielfalt quellt, braucht es Unterstützung und mehr Sichtbarkeit für die zumeist im Schatten wirkenden Übersetzer*innen.

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