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Die Übersetzung aus dem Deutschen in Portugal
Die „zweiten Autor*innen“ verkürzen Entfernungen

Paulo Rêgo, Vera San Payo de Lemos und Claudia Fischer sind drei der Übersetzer*innen, die durch die Kraft der Literatur Brücken schlagen.
Paulo Rêgo, Vera San Payo de Lemos und Claudia Fischer sind drei der Übersetzer*innen, die durch die Kraft der Literatur Brücken schlagen. | Foto: David Cachopo © Goethe-Institut Portugal

Ob klassische oder zeitgenössische Literatur: Immer mehr wird die Übersetzung als eine “zweite Autorschaft“ angesehen, die, neben tiefgreifenden und unentbehrlichen Kenntnissen der Sprache, aus der übersetzt wird, auch ein gutes Maß an Kreativität erfordert. Auch im Fall der deutschsprachigen Literatur schlägt die Übersetzungsarbeit eine Brücke zwischen Deutschland und Portugal. Der kulturelle Austausch der beiden Länder wird durch die übersetzten Werke verstärkt, die auf diese Weise auch ein wenig zu unserem eigenen kulturellen Erbe werden.

Von Ricardo Ramos Gonçalves

Von Übersetzung zu sprechen ist daher immer auch ein Gespräch über Autor*innen und deren Werke, die verschiedenartige literarische Traditionen und ein kulturelles Erbe ernähren. Auch in diesem Sinne ist die Arbeit dieser „zweiten Autor*innen“ unentbehrlich, denn ohne sie wäre die Literaturwelt um einiges ärmer. Daher haben wir uns aufgemacht, das Panorama der in Portugal veröffentlichten Übersetzungen aus dem Deutschen zu erkunden, die uns den Zugang zu einer Vielzahl von Autor*innen ermöglichen und den Lesern zugleich eine Geschichte und Kultur nähergebracht haben, die sich von der portugiesischen unterscheidet.

Seit den sechziger Jahren sorgen Übersetzer*innen wie Claudia Fischer, Helena Topa, Gabriela Fragoso, Paulo Rêgo und Vera San Payo de Lemos, um nur einige zu nennen, dafür, dass die Werke deutschsprachiger Autoren in den Buchhandlungen Portugals verfügbar sind. Und wenn auch zunächst der Fokus der Übersetzung auf den Klassikern lag – wie Goethe, Musil, Stefan Zweig, Kafka oder Thomas Mann – so hat sich die Auswahl in den letzten Jahren stark erweitert, was auch als ein Ergebnis der Annäherung der beiden literarischen Kulturen angesehen werden kann.


“Seid kreativ, schafft Literatur!”

Helena Topa wird nie vergessen, wie Günter Grass vor einem mit verschiedensprachigen Übersetzer*innen seiner Werke angefüllten Saal dazu aufforderte, als Autor*innen seiner Werke mitzuwirken. „Er sagte: ‚Seid kreativ, macht Literatur‘!“. Für Helena Topa, deren Karriere als Übersetzerin mit der Übertragung mehrerer Werke von Grass ins Portugiesische begann, streicht diese Maxime des Nobelpreisträgers die selten anerkannte Rolle der Übersetzer heraus.
Grass‘ Haltung stellt in der Welt der Übersetzung jedoch noch immer eine Ausnahme dar, denn nicht immer haben die Übersetzer*innen Gelegenheit, die von ihnen übersetzten Autor*innen kennen zu lernen – wenn diese nicht ohnehin bereits verstorben sind. „Damals waren wir eine Woche lang mit dem Autor zusammen. In intensiven Arbeitssitzungen beantwortete er unsere Fragen, las ganze Passagen vor, gab genaue geschichtliche, sprachliche und andere Angaben zu dem, was beim Übersetzen besonders beachtet werden sollte. Doch er sagte auch, dass die Übersetzerinnen und Übersetzer es wagen sollten, kreativ zu werden und ’Schriftsteller‘ zu sein“, erzählt Helena.

Der 1927 geborene Autor bezeugt mit seiner Haltung, in welchem Maße das Übersetzen tatsächlich auch eine Zusammenarbeit ist, und hebt damit die Bedeutung dieser Tätigkeit hervor. Obwohl in Portugal finanzielle Schwierigkeiten und unzureichende Lesegewohnheiten den Buchmarkt bestimmen, hat uns die Arbeit der Übersetzer*innen Zugang zu immer mehr Autor*innen deutscher Sprache sowie zu Werken aller literarischen Genres verschafft, wie dem Roman, der Lyrik, dem Drama und dem Brief. Doch ist diese Arbeit nur auf Kosten eines hohen Einsatzes möglich – zunächst müssen geeignete Übersetzer*innen gefunden, und dann muss ein Verlag überzeugt werden, das Buch auf den Markt zu bringen.

Die Übersetzungsarbeit lässt den Markt wachsen

Um die Geschichte der Übersetzung aus dem Deutschen in Portugal zu erzählen, muss man in den 30er Jahren beginnen, mit dem Universitätsprofessor Paulo Quintela, der die ersten Übersetzungen von Gedichten Rainer Maria Rilkes in der Zeitschrift Revista de Portugal veröffentlichte. Er widmete sie einem Kollegen und Freund, dem Schriftsteller Vitorino Nemésio. Andere Persönlichkeiten, wie bspw. der Essayist und Übersetzer João Barrento, setzten die Übersetzung deutschsprachiger Literatur fort und halfen so, die in Portugal traditionelle Vorherrschaft der der frankophonen Übersetzung zu durchbrechen.

Den portugiesischen Germanist*innen verdankt sich, dass die Verlage begannen, die Werke aus der Originalsprache übersetzen zu lassen. Helena Topa erinnert sich gut daran, dass dies nicht immer der Fall war: „Bei deutschen Werken war es gang und gäbe, von einer – in der Regel französischen – Übersetzung ausgehend ins Portugiesische zu übersetzen.“ Nachdem man sich von dieser Vorgehensweise – die auch bei anderen Sprachen üblich war – abgewandt hatte, musste zuletzt auch der Blick auf die deutsche Literatur korrigiert werden, und die Verlage setzten nun mehr und mehr auch auf neue Themen und zeitgenössische Autoren, die sich mit der Nachkriegszeit befassten.
Laut Günter Grass sollten Übersetzer*innen es wagen, ’Schriftsteller‘ zu sein, erzählt Helena Topa Laut Günter Grass sollten Übersetzer*innen es wagen, ’Schriftsteller‘ zu sein, erzählt Helena Topa | Foto: Sara J. Vieira, Palavera Creative Studio © Goethe-Institut Portugal
Laut Claudia Fischer, die am Institut für Germanistik der Universität Lissabon deutsche Sprache und literarische Übersetzung lehrt, darf nicht vergessen werden, dass erst die Übersetzung vielen Menschen “den Zugang zu den Texten ermöglicht, die einem sonst verschlossen blieben”. Aktuelle Daten zeigen, dass die deutsche Sprache bei den portugiesischen Schülern keinen sehr repräsentativen Stellenwert hat. 
 
Der Übersetzer Paulo Rêgo, der zuletzt Werke zeitgenössischer Autoren wie Sasha Marianna Salzmann und Robert Menasse ins Portugiesische übertragen hat, ergänzt hierzu, es müsse beachtet werden, dass die Übersetzer*innen aus dem Deutschen in Portugal „eine kleine Nische besetzen“. Die Initiative zur Herausgabe bestimmter Werke, erzählt Paulo Rêgo, kommt oft von den Übersetzer*innen selbst, die sich dieser Mission mit großer Hingabe widmen.
Für die Professorin und Übersetzerin Claudia Fischer ermöglicht eine Übersetzung “den Zugang zu Texten, die einem sonst verschlossen blieben, da nur sehr wenige Menschen in Portugal Deutsch lernen.” Für die Professorin und Übersetzerin Claudia Fischer ermöglicht eine Übersetzung “den Zugang zu Texten, die einem sonst verschlossen blieben, da nur sehr wenige Menschen in Portugal Deutsch lernen.” | Foto: David Cachopo © Goethe-Institut Portugal
Paulo Rêgo fügt erklärend hinzu, dass sich dies auch aus beruflichen Gründen so ergibt, um einen “kontinuierlichen Auftragsfluss” zu garantieren. Es war jedoch anfänglich nicht dieser Faktor, der ihn dazu motivierte, auf diesem Gebiet zu Arbeiten. Im Falle von Claudia Fischer war es das besondere Interesse an der Übersetzung der Texte von Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773-1798), Heinrich von Kleist (1777-1811) und E. T. A. Hoffmann (1776–1822) Grund für ihren Vorschlag an den Verlag Antígona, diese zu übersetzen und unter dem Titel Contos Musicais herauszugeben. Die Erstausgabe erschien 2017.

Claudia Fischer lud nach dieser Veröffentlichung Vera San Payo de Lemos, die in Portugal durch ihre Arbeit am Teatro Aberto bekannt ist, wo sie in Zusammenarbeit mit João Lourenço zahllose deutschsprachige Theaterstücke übersetzte und inszenierte, zur gemeinsam Übersetzung des Briefwechsels von Paul Celan und Ingeborg Bachmann ein. Der bis 2008 geheim gehaltene Briefwechsel wurde in Portugal unter dem Titel Tempo do Coração veröffentlicht (Antígona, 2020). Das vierhändige Übersetzen beschreibt Vera San Payo de Lemos als einen tiefgehenden Austausch zwischen den beiden Übersetzer*innen, wie sie ihn schon bei der gemeinsamen Übersetzung einiger Briefe von Kleist erlebt hatten.
Es sind die Übersetzerinnen und Übersetzer, die den Verlagen bestimmte Werke zur Übersetzung vorschlagen, erzählt der Übersetzer Paulo Rêgo. Es sind die Übersetzerinnen und Übersetzer, die den Verlagen bestimmte Werke zur Übersetzung vorschlagen, erzählt der Übersetzer Paulo Rêgo. | Foto: David Cachopo © Goethe-Institut Portugal
“Wir kannten die beiden Autoren zwar sehr gut, doch tatsächlich war die Entdeckung der Briefe von Paul Celan und Ingeborg Bachmann eine richtige Sensation. Einige Literaturwissenschaftler hatten ja bereits poetische Verbindungen in Celans und Bachmanns Dichtkunst entdeckt. Die Beziehung zwischen den beiden Autoren war lange Zeit nicht mehr als ein Gerücht gewesen, das sich nun als wahr herausstellte. Natürlich gibt es immer eine gewisse Neugier, auch was das Privat- und Liebesleben der Dichter angeht, und auch deshalb war das Buch ein Erfolg”, betont Vera San Payo de Lemos.

Dieses Interesse an bestimmten unveröffentlichten Texten sowie an in Portugal noch nicht bekannten Autor*innen erklärt, weshalb in den letzten Jahren mehr und mehr Werke deutscher Autor*innen in Portugal erschienen sind. Zeitgenössische, aber auch einige vergessene Werke, konnten auf diese Weise dem portugiesischen Publikum vorgestellt werden. In dieser Hinsicht muss besonders die Arbeit des Goethe-Instituts hervorgehoben werden, das mit seinem Übersetzungsförderprogramm die Veröffentlichung vieler Werke ermöglicht hat, die ohne diese Hilfe nicht in die Schaufenster portugiesischer Buchläden gelangt wären.

Das Programm, das ausschließlich für ausländische Verlage gedacht ist, fördert die Übersetzung von Werken, deren Originalausgabe von deutschen Verlagen veröffentlicht wurde. Die Übersetzung muss stets auf Grundlage des deutschen Originals erfolgen. Seit dem Jahr 2015 wurden auf diese Weise fast dreißig Werke gefördert, und somit Autor*innen in portugiesischer Sprache veröffentlicht, die dem portugiesischen Markt oft unbekannt oder unzugänglich waren. Auf dem Feld der Belletristik seien hier als Beispiele, Sasha Marianna Salzmann, Arno Schmidt und Marion Poschmann und im Bereich Sachbuch die Autoren Alexander Kluge und Hans-Thies Lehmann genannt.

Den  Marktbedingungen  zum Trotz, die den Zugang zu bestimmten Werken oft erschweren, konnte so die Arbeit einiger herausragender Übersetzer*innen, Hand in Hand mit den Verlagen, den portugiesischen Lesern die wichtigsten Neuerscheinungen deutschsprachiger Literatur zugänglich machen. Auch in diesem Sinne, und gerade in Zeiten, in denen die Bedeutung des Lesens oft heruntergespielt wird, kann die Arbeit dieser „zweiten Autor*innen“ als eine Form des Widerstands verstanden werden. Am Anfang dieser Vermittlungsarbeit – die auch eine pädagogische Seite hat – stehen die Lektüre und der Blick derjenigen, die uns den Zugang zur Literatur eröffnen. 


Artikel in Zusammenarbeit mit der portugiesischen Plattform Gerador.

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