Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Künstliche Intelligenz und Literatur
„Nur eine schwache künstliche Intelligenz kann wirkliche Neuheit hervorbringen“

Hannes Bajohr
Foto: © Yvonne Tenschert 2021

„Den Rahmen dessen zu ändern [was Kunst ist], ist ein gesellschaftlicher Akt, und einer, der stets an eine historische und gesellschaftliche Wirklichkeit gebunden ist. Dazu braucht es die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Nur eine schwache künstlerische KI kann also wirklich Neues hervorbringen.“ Der digitale Dichter, Übersetzer und Philosoph im Interview.

Von João Gabriel Ribeiro

Wenn wir an eine mehr oder weniger ferne Zukunft denken, kommt unweigerlich die gesellschaftliche Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) ins Spiel. Von Werken der Science Fiction inspiriert und befeuert von Nachrichten, die den Begriff missbräuchlich oder auch zutreffend verwenden, und Meldungen etwa über den Sieg der Maschine über Schachweltmeister Gary Kasparow oder den Go-Meister Lee Sedol, schwingt in unserer Wahrnehmung Künstlicher Intelligenz auch immer die Sorge darüber mit, was angesichts der Evolution der Maschine an menschlicher Besonderheit noch übrig bleibt. In diesem Zusammenhang wird nicht selten die Kunst als eine der letzten Domänen des Menschlichen angeführt, was der Grund ist für eine breite Auseinandersetzung über den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der künstlerischen Aktivität und über die Legitimität dieses Schaffens. Hannes Bajohr, deutscher Philosoph und Übersetzer nennt es Prometheisches Unbehagen, „eine Ableitung des Gedankens der Prometheischen Scham von Günther Anders.“

„Dieser beschreibt es als Scham des Menschen gegenüber überlegenen Eigenschaften von Maschinen und serieller Produkte. Indem ich es als Unbehagen bezeichne, verweise ich darauf, wie zahlreiche Kritikerinnen und Kritiker auf automatisierte Kunstproduktion reagieren: Dass Menschen Kunst allein für sich reklamieren, nachdem sie in Mathematik, Schach oder Go schon von Maschinen geschlagen wurden. Es gibt die Angst, KI könne Künstler irgendwann überflüssig machen“, erklärt er in einem E-Mail-Interview mit Shifter zu künstlicher Intelligenz und Kreativität sowie literarischer Produktion und Übersetzung.

Das Nachdenken über diese Grauzonen, das Hinterfragen dessen, was Künstliche Intelligenz wirklich ist, ihrer Fähigkeiten und der Reaktionen durch das Publikum, vermittelt uns einen Eindruck davon, wie technische Entwicklung vom Menschen assimiliert wurde und dessen Blick auf sich selbst verändert. Die Legitimation dessen, was unter Kunst zu verstehen sei und die Annahme, Künstliche Intelligenz müsse Kunstwerke nach den Vorgaben konventioneller Kunst hervorbringen, sind als Kriterium festgelegt, was Bajohr besonders kurios findet: „Kurios an dieser Vorstellung finde ich weniger, wie stark sie überschätzt, was KI wirklich kann – die Gefahr wirklich bewusster Maschinen besteht weder in naher noch in der fernen Zukunft –, sondern, dass man sich Maschinenkunst nur als Parallele zur Kunst von Menschen vorstellen kann.“

Der Gedanke, der/die Maschinenkünstler/in müsse „eine exakte Kopie des menschlichen Künstlers“ sein, also eine sogenannte „starke künstlerische KI“, beruht für ihn nicht nur auf einem sehr konservativen Kunstbegriff, sondern auch auf einer falschen Vorstellung des Kreativitätsbegriffs.

„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir je komplett autonome KI-Künstler haben werden. Wenn es Versuche in diese Richtung gab – wie die japanische Pop-Kunstfigur Hatsune Miku – sind sie das Ergebnis vieler menschlicher Akteure, die eigenständige künstlerische Produktion simulieren. Wahrscheinlicher ist in der Tat (und in gewisser Weise bereits Realität), dass wir eine schwache künstlerische KI bekommen, eine Assemblage aus Mensch und Maschine, in der Kunst das Ergebnis eines Dialogs zwischen beidem ist.“ Die Abgrenzung von starker und schwacher KI ist einer der zentralen Punkte dieser Auseinandersetzung, wobei starke KI der Prozess ist, der anstrebt, dass die Maschine möglichst alles eigenständig erledigt, und das Konzept der schwachen KI vom Zusammenwirken von Mensch und Maschine ausgeht.

Für Bajohr verbirgt sich hinter Letzterem das wahre kreative und innovative Konzept einer mithilfe von Maschinen entstehenden Kunst. Da Künstliche Intelligenzen als Systeme der statistischen Erkennung von Mustern programmiert sind, begrenzt sich dies auf die Interpolation der Inputs und darauf, Malerei oder Texte zu schaffen, die denen ähnlich sind, anhand derer sie angelernt wurden. Ein Beispiel dafür ist das Porträt von Edmond Belamy, eins der weltweit berühmtesten Werke Künstlicher Intelligenz, geschaffen von einem System, das zuvor über ein Verfahren statistischer Ähnlichkeit mit mehr als 15.00 Bildern gefüttert wurde.

Da Künstliche Intelligenzen in dieser Hinsicht mimetisch sind, ist von ihnen die eigenständige Produktion von etwas Neuem nicht zu erwarten – sie können Beispiele (z.B. Gemäl-de), die ihnen gegeben wurden, interpolieren, nicht aber von diesen aus extrapolieren (also z.B. eine neue Kunstform er-finden).“

Bajohr geht es aber gar keinesfalls darum, dass automatische Kunst nicht gut sein könne. Ganz im Gegenteil ist es für ihn als digitalen Poeten – auch er hat Werke, die in Zusammenarbeit mit Maschinen entstanden – der Dialog mit dem Menschen, der die Extrapolation auslöst, welche zu einer Erweiterung des künstlerischen Horizonts führen und etwas tatsächlich Neues hervorbringen kann. „Ich will nicht behaupten, es gäbe keine gute KI-Kunst. Ganz im Gegenteil – aber sie ist das Ergebnis von schwacher künstlerischer KI, in der ein Mensch eine Frage formuliert und den Rahmen mit der Maschine verschiebt - im Idealfall so, dass es uns etwas Neues über das künstlerische Medium oder unser Verständnis von Kunst sagt.“

Was die Möglichkeiten starker künstlerischer KI im Sinne einer individualistischen Konzeption von der Maschine angeht, glaubt Bajohr, dass sie durchaus in der Lage sein kann, „Bücher zu schreiben, die anderen Büchern recht ähnlich sind, aber hinreichend anders, um von Menschen, denen diese Art Bücher gefällt, gekauft zu werden“, so wie Fernsehproduktionen oder Pulp-Literatur auch mit der Wiederholung von Mustern arbeiten, woran für ihn auch nichts auszusetzen sei. Und obwohl die Technik noch nicht so weit ist, glaubt Bajohr, dass diese neue kreative Möglichkeit des automatischen Generierens von Inhalten Veränderungen dahingehend potenzieren wird, wie Kunst aufgenommen und Autorschaft begriffen werden – nicht zuletzt, weil dies, wie die einfache Tatsache beweist, dass Kunst als Kunst angesehen wird, für sich schon ein gesellschaftlicher Akt ist.

Auf der anderen Seite kann der Dialog zwischen Mensch und Maschine tatsächlich Neues in weiterem Sinne hervorbringen. Als Beispiel nennt uns Hannes Bajohr die Arbeit des Künstlers Allison Parrish, vor allem dessen Gedichte der Reihe „Compass“, die seiner Meinung nach „zeigen, dass Sprache nicht nur als System von Signifikanten oder ein Set eigenständiger Elemente zu sehen ist, sondern als kontinuierlicher Raum, der sich bereisen lässt. Und das ist weder eine Metapher noch Mystik. Bei der Codierung von Sprache in sogenannte ‚Wort-Schnittstellen‘ werden diese in einen Vektorraum eingebracht, der es uns erlaubt, Zustände zwischen Worten zu interpolieren, also die verborgene Logik nach den Parametern der Technologie auszugraben, die uns zu ihrer Beschreibung zur Verfügung steht“, erklärt er.

Übersetzung als Beispiel für Dialog

Über die ähnlich gelagerte Aufregung über Sprachbearbeitung durch Maschinen, erzählt Bajohr, der selbst auch Übersetzer ist, von einer Konferenz in Deutschland auf der der Moderator das Publikum gefragt habe, wer von den Anwesenden DeepL benutze (eins der mächtigsten automatisierten Übersetzungssysteme), und gerade die Hälfte habe schüchtern die Hand gehoben. Für Bajohr sei hier eine Entmystifizierung nötig. Es müsse mit einigen Vorurteilen aufgeräumt werden. „Eine komplett automatische KI-Übersetzung jedoch wäre ein Desaster. Es stimmt, dass man auf diese Weise einiges darüber lernen kann, wie die Maschine ‚denkt‘. Aber dieses ‚denken‘ allein ist so ziemlich das Gegenteil von Übersetzung. Von Bedeutungsnuancen oder so etwas ganz zu schweigen. Übersetzungs-KI werden anhand eines umfangreichen Sprachkorpus trainiert – an Büchern genauso wie einfach an Text aus dem Internet –, und diesen Sprachmodellen ist eine Ideologie inhärent. Sie stecken oft voller sexistischer und rassistischer Stereotype (vor allem in Sprachen mit grammatikalischen Geschlechtern, wie Deutsch oder Portugiesisch, wird dies schon deutlich, wenn für die KI Krankenschwestern stets Frauen sind und Ärzte ausschließlich Männer).“ 

Auch wenn ein KI-System die Übersetzung erleichtert, muss also bedacht werden, dass dieses System eine Reihe von Befremdlichkeiten in sich trägt, angefangen von einer gewissen Kristallisation in der Zeit, wie Bajohr uns anhand der Überlegungen von Emily Bender erklärt, einer Kritikerin Künstlicher Intelligenz: „Da sie auf Sprache eines bestimmten Moments trainiert wurden, sind sie nicht in der Lage, sich an der sprachlichen Weiterentwicklung zu beteiligen, solange sie nicht erneut angelernt werden. Da aber eine Sprache von Grund auf neu zu trainieren sehr teuer ist, kommt es zu dem, was die KI-Kritikerin Emily Bender den ‚value-lock‘ nennt: Ein bestimmter Moment in der Zeit wird – sowohl sprachlich  als auch ideologisch – innerhalb dieser Muster festgeschrieben. Und weil viele davon selbst Text in großen Mengen hervorbringen und dieser benutzt wird, um die nächste Generation von KI-Modellen zu trainieren, entsteht ein sich selbst reproduzierender Kreislauf von Sprache, die auf einer Position verharrt und sich nicht weiter bewegt“, führt Bajohr weiter aus. Genau deswegen kann die Zusammenarbeit mit dem Menschen weitaus interessanter und für den Erfolg sogar entscheidend sein. 

Unter einem noch weiteren Blickwinkel macht Bajohr auf einen weiteren Punkt aufmerksam, zu dem Überlegungen immer wieder zurückkehren sollten. Ungeachtet der Form der Programmierung oder des Modells eines Algorithmus darf nicht vergessen werden, dass Maschinen nicht nur vom Menschen abhängig sind, sondern auch von natürlichen Ressourcen. Sie sind Maschinen, Gegenstände, und bestehen aus Metall, Halbleitern und seltenen Elementen – was zum Beispiel in Anatomy of AI von Kate Crawford sehr deutlich wird. Auch wenn es vielleicht oberflächlich klinget, ist dies ein wichtiger Hinweis darauf, sich beim gedanklichen Umgang mit Spitzentechnologie nicht vom Boden der Wirklichkeit zu lösen, nicht zuletzt, um die Konsequenzen im Blick zu behalten, etwa den erheblichen Ausstoß von CO2 durch das Anlernen von Algorithmen. „Wir müssen die Verbindung KI und Mensch nicht nur im Verhältnis Mensch-Maschine denken, sondern auch in Verbindung mit Erde und Klima.“ 

Die Fragen, die sich für die Zukunft ergeben, sind also vielfältig, insbesondere was die Neudefinition der Grenzen von Kunst und Autorschaft angeht, die zu Umwälzungen der Konzeption des geistigen Eigentums führen können. Der Einbruch von Künstlicher Intelligenz in eine weitere Domäne des menschlichen Lebens scheint aber unvermeidlich zu sein, eine wirklich nur zu begrüßende Entwicklung, die „tatsächlich eine recht angenehme Zukunftsvorstellung aus meiner Sicht ist: Anstatt KI-Genies, die selbstständig Kunst produzieren, hätten wir eine gute Mischung aus Menschen und Maschinen, die zusammenarbeiten und sich mal die Meriten teilen, manchmal allein für sich beanspruchen. Schließlich gibt es keine Kunst oder Künstler an sich – es sind soziale Gegebenheiten, und wenn gesellschaftliche Erwartungen sich verändern, tun dies auch Kunst und Künstler.“

 
Anmerkung: „Künstliche Intelligenz“ wird in diesem Text in seiner gebräuchlichsten Bedeutung verwendet. Trotz der Verbreitung des Begriffs zur Bezeichnung einer Reihe von Prozessen im Bereich der Computertechnik im weitesten Sinne, lehnen ihn zahlreiche Autorinnen und Autoren als Bezeichnung für diese Art von Technologie ab – was im Folgenden vertieft werden soll. Wir haben uns dennoch aus Gründen der Wiedererkennbarkeit und Identifikation dafür entschieden, „Künstliche Intelligenz“ (oder „KI“) als Umschreibung für fortgeschrittene Computerprozesse wie etwa den Einsatz neuronaler Netze zu verwenden.


Artikel in Zusammenarbeit mit der portugiesischen Plattform Shifter.

Top