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Portugiesische Literatur in Deutschland
Verlegerischer Nachtzug nach Deutschland

Übersetzungen aus dem Portugiesischen
Romane, Lyrik, Essay – mehr als 50 Bücher sind im Zusammenhang mit dem Auftritt Portugals als Gastland der Leipziger Buchmesse ins Deutsche übersetzt worden | Foto: Teresa Laranjeiro © Goethe-Institut

Klassiker, neue Autoren, Romane, Lyrik, Essay – mehr als 50 Bücher sind im Zusammenhang mit dem Auftritt Portugals als Gastland der Leipziger Buchmesse ins Deutsche übersetzt worden. Ein neuer Impuls für eine literarische Beziehung mit bereits kräftigen Wurzeln

Von Luís Ricardo Duarte

Es gibt weder Zauberformeln noch Schatzkarten: Verlegen ist eine schwer zu begreifende Kunst. Man weiß nie mit Sicherheit, ob ein Buch bei den Lesern Erfolg haben wird und erst recht nicht, ob sich vor dem Hintergrund kultureller Unterschiedlichkeit eine Übersetzung überhaupt lohnt. Hinzu kommt, dass das Angebot riesig ist und daher nie insgesamt zu erfassen. Es bleibt also die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Vielleicht lässt es sich in einem Wort zusammenfassen: Intuition. Sabine Erbrich sagt das, die im Rahmen des portugiesischen Gastlandauftritts in Leipzig in Portugal war. Dort traf sich die seit 2013 für den Suhrkamp-Verlag tätige Lektorin mit Verlegern, um ein Gespür für die literarische Welt Portugals und des portugiesischen Sprachraums zu bekommen. „Bei der Entscheidung für ein bestimmtes Buch kann das Thema den Ausschlag geben, das für Leser interessant sein kann, aber auch eine neue literarische Form, ein neues Leseerlebnis“, sagt Erbrich, die selbst auch Übersetzerin ist.

Sabine Erbrich "Bei der Auswahl eines Buches für die Übersetzung ins Deutsche ist die Intuition entscheidend", meint Sabine Erbrich vom Suhrkamp Verlag. | Foto: © Marcos Borga
Klarer war das Interesse sowohl von ihrer Seite als auch der anderer deutsche Verlage an Klassikern und neuen Autoren. Ablesen lässt es sich an den mehr als 50 Büchern, die 2020, 2021 und dieses Jahr aus dem Portugiesischen übersetzt in Deutschland erschienen sind. Viele Verlage erkannten in einer Sonderauflage der Übersetzungs- und Verlagszuschüsse der Generaldirektion für Buch-, Archiv- und Bibliotheksangelegenheiten (DGLAB) sowie des portugiesischen Kulturinstitut Camões I.P. für Veröffentlichungen in deutscher Sprache die Gelegenheit, ihre Beziehung zu Portugal zu vertiefen, deren Wurzeln schon länger bestehen. „In Deutschland sind Fantasien, die mit Portugal in Verbindung gebracht werden, sehr wichtig“, erklärt Piero Salabè, der als Italiener seit mehr als zwei Jahrzehnten in München arbeitet und für den Hanser Verlag tätig ist. „Der Roman Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier, sowie seine Verfilmung durch Bille August hatten enormen Einfluss. Portugal steht für Romanze und für die Möglichkeit, sein Leben zu verändern. Das sind ausgezeichnete literarische und marketingtechnische Argumente für die Suche nach weiteren Büchern.“.

Ein eigenes Feld bespielen

Wenn Sabine Erbrich letztendlich doch nichts aus dem Portugiesischen veröffentlichte, setzte Piero Salabè, in dessen Verlag bereits Valter Hugo Mãe erscheint, auf Afonso Reis Cabral und Ana Luísa Amaral sowie ein schon seit Längerem laufendes Projekt der Neuübersetzung des Brasilianers Guimarães Rosa, also auch hier eine Ausgewogenheit zwischen Klassikern und neuen Namen. „Die Statistik zeigt, dass ein signifikanter Anteil der Übersetzungen aus dem angelsächsischen Raum kommen, was nicht überraschend ist“, betont der Lektor des Hanser Verlags. „Anderes ist nicht so leicht zu erklären, zum Beispiel werden in Deutschland italienische Autoren deutlich mehr übersetzt als spanischsprachige, obwohl diese viel zahlreicher sind, da sie ja auch Lateinamerika einschließen. „Wird es der portugiesischen Sprache mit dem Anstoß der Leipziger Buchmesse, gelingen, eine ähnliche Sonderstellung zu erlangen? Das ist die große Herausforderung.

Einige Schritte in diese Richtung sind getan. Die mehr als 50 Bücher erscheinen in insgesamt 25 Verlagen wie etwa Aphaia, Arachne, Carl Hanser, Hentrich & Hentrich, Hochroth Berlin, Knesebeck, Leipziger Literaturverlag, Noack & Block, TFM oder Weidle, sowie in österreichischen und schweizer Verlagen.
Piero Salabe Piero Salabè vom Hanser Verlag setzt auf Valter Hugo Mãe, Afonso Reis Cabral, Ana Luísa Amaral und die Neuauflage des Werks von Guimarães Rosa. | Foto: © Marcos Borga
Eine Investition in die portugiesische Sprache kann auch ein Alleinstellungsmerkmal auf einem umkämpften Markt sein. „Wenn du Verleger sein willst, musst du dein eigenes Spielfeld aufmachen“, sagt Stefan Weidle, Verleger des gleichnamigen Verlags, „Sonst wirst du nicht überleben, da du dann in direkter Konkurrenz mit den großen Verlagsgruppen stehst.“ Daher setzt er auf Sprachen, die weniger häufig ins Deutsche übersetzt werden, Lettisch, Finnisch, Indonesisch und eben auch Portugiesisch. Aus dem Portugiesischen veröffentlicht er beispielsweise Caderno de Memórias Coloniais (Dt.: Roter Staub, übers.: Markus Sahr) von Isabela Figueiredo. „Mein Grundsatz ist, dass ich nur Bücher verlege, die ich auch selbst kaufen würde, und dieses hier hat mich begeistert“, versichert Weidle. „Ihre Kindheit in Afrika ist ein hochinteressantes Thema, weil niemand die Wirklichkeit so kennt, wie sie sie erzählt.“ Außerdem erscheinen in seinem Verlag A Gorda (Die Dicke, übers.: Marianne Gareis), auch von Isabela Figueiredo, sowie A Instalação do Medo (Die Installation der Angst, übers.: Michael Kegler) von Rui Zink, eine „großartige Geschichte, die ich sofort herausbringen wollte“.

Nationales und globales Gedächtnis

Obwohl durchaus beachtlich, änderte dieser verlegerische Nachtzug nichts an der Liste der Meistübersetzten im deutschen Sprachraum. José Saramago bleibt als Nobelpreisträger weiterhin an der Spitze, ebenso Fernando Pessoa und António Lobo Antunes. Auch Gonçalo Tavares ist in deutschen Buchhandlungen gut vertreten. Allein in den letzten drei Jahren wurden sechs seiner Bücher aus der Reihe O Bairro (Das Viertel) übersetzt. Bei den Klassikern stechen Eça de Queirós hervor und Mário de Sá Carneiro, bei den zeitgenössischen Romanen Djaimilia Pereira de Almeida, Dulce Maria Cardoso, Hélia Correia, José Luís Peixoto oder Yvette Centeno. Die Lyrik ist mit Luís Quintais, Miguel Cardoso, Margarida Vale de Gato und Sophia de Mello Breyner Andresen vertreten.
Übersetzungen aus dem Portugiesischen Romane, Lyrik, Essay – mehr als 50 Bücher sind im Zusammenhang mit dem Auftritt Portugals als Gastland der Leipziger Buchmesse ins Deutsche übersetzt worden | Foto: Teresa Laranjeiro © Goethe-Institut
Ähnlich gefragt sind auch portugiesischsprachige afrikanische Autoren, für deren Verbreitung sich das Gastlandprojekt Portugals zur Leipziger Buchmesse ebenfalls stark gemacht hat. Conceição Lima aus São Tomé, Tony Tcheka aus Guinea-Bissau, Germano Almeida aus Kapverde, Ana Paula Tavares, Ondjaki und Yara Monteiro aus Angola oder Mia Couto aus Mosambik sind einige der in jüngerer Zeit übersetzten Autoren.

Für Martin Hielscher von C.H. Beck, wo der Angolaner José Eduardo Agualusa erscheint, ist Literatur ein „Spiegel der Welt und ihrer Veränderungen“, durch den wir unsere eigene Gegenwart besser verstehen. „Wir leben in einer Welt der Konflikte, die nach Interpretation verlangt. Nach 1989 dachten wir, ohne die Blockkonfrontation würde nun alles einfacher werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen brauchen Fiktion, und eine literarische Figur kann für ein ganzes Land stehen. Genau das suche ich: eine Geschichte, die magisch ist und bezaubernd, aber auch herausfordernd und intelligent die Welt erklärt“, sagt er.

In den portugiesischsprachigen Autoren findet er eine solche doppelte Dimension. „Portugal hat mit seiner langen kolonialen Vergangenheit eine andere Geschichte als unsere. Wir wiederum hatten den schrecklichen Holocaust. Das sind Traumata, mit denen wir umgehen müssen. Die Literatur ist unser nationales, aber auch unser globales Gedächtnis. Die Anstrengung, zu verstehen, wer wir sind, und wer wir waren, kennt keine Landesgrenzen.“ Zwischen Portugal und Deutschland sind noch Myriaden solcher Bücher, die grenzenlos sind.
 

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