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Literarische Residenz in Berlin
Schreiben mit einer Stadt

Residências Literárias em Berlim
Judite Canha Fernandes, Patrícia Portela und Afonso Cruz sind drei der portugiesischen Autor*innen, die auf Einladung des Camões an literarischen Residenzen in Berlin teilnahmen. | Fotos: © Judite Canha Ferndes, Marcos Borga, João Lima

Seit 2016 waren mehrere portugiesische Schriftsteller im Rahmen einer literarischen Residenz in Berlin, der aus Anlass des Gastlandauftritts Portugals auf der Leipziger Buchmesse ins Leben gerufen wurde. Auch das ist eine Form, die Begegnung zwischen den beiden Ländern zu fördern und Leser und Schriftsteller zu beeinflussen. Wir haben uns die Erfahrungen von Patrícia Portela, Afonso Cruz und Judite Canha Fernandes.

Von Luís Ricardo Duarte

Nur deutsche Leser saßen im Zuschauerraum bei der Vorstellung des Manuskripts, an dem sie im Rahmen des von der portugiesischen Botschaft und dem Berliner Camões-Institut ausgerichteten Residenzstipendiums in Berlin einen Monat lang gearbeitet hatte. Es war auch die Premiere eines Formats, denn sie war die erste Stipendiatin dieser Initiative zur Vorbereitung des Gastlandauftritts Portugals auf der Leipziger Buchmesse.

Daher ging es gar nicht um ein fertiges oder gar schon erschienenes Werk, sondern darum, zu zeigen, an was sie gerade schrieb. Und beim Teilen ihrer Gedanken und dem Vorlesen eigens dafür übersetzter Passagen erkannte sie, wie es mit dem Text weitergehen sollte. „Auf einmal stand alles sehr deutlich vor mir“, erzählt Patrícia Portela nun sechs Jahre später. „Die Kommentare damals erwiesen sich als extrem hilfreich. Mir wurde klar, dass die ursprünglich viel zu komplexe Struktur, die ich für das Buch gewählt hatte, nicht funktionieren würde und die Leser vielmehr an den zentralen Themen interessiert waren.“

Patrícia Portela "Dias Úteis" (2017) und "Hífen" (2022) sind das Ergebnis eines literarischen Aufenthalts, den die Autorin Patrícia Portela in Berlin absolvierte. | Foto: © Marcos Borga
Die Lösung kam dann wieder zurück am Schreibtisch: Anstatt nur ein Buch sollten es nun zwei Bücher werden; durch die Aufteilung bekam jede Idee genug Raum zu wachsen und sich zu entwickeln. In Berlin selbst schrieb sie Dias Úteis (Dt. etwa: Wochentage / Nützliche Tage) zu Ende, das dann ein Jahr später, 2017, herauskam. „Sich allein auf das Schreiben zu konzentrieren und an nichts anderes denken zu müssen, war Luxus“, erinnert sich Patrícia Portela. Eine sehr nützliche Zeit also und Gelegenheit „kleine und große Dinge des Lebens“ ebenso auszuloten wie Zufälle und Möglichkeiten, die sich manchmal als wichtiger herausstellten als jedes Vorhaben und jede Entschlossenheit. Fünf Jahre danach erschien dann Hífen (auf Deutsch etwa: Bindestrich; beide Bücher sind erschienen bei Editorial Caminho, Lissabon), der zweite Teil ihres Abenteuers in Deutschland, eine Dystopie, die Herausforderungen, mit denen wir heute schon konfrontiert sind, in eine Zeit in der Zukunft projiziert.

Zum Residenzstipendium gehörten auch ein Besuch der Frankfurter sowie der Leipziger Buchmesse. Auch dies war laut Patrícia Portela sehr hilfreich für Bemühungen um die Verbreitung portugiesischer Literatur in Deutschland, die letztlich auch dem Schriftstellerstipendium zugrundeliegen. „Eine Art Domino-Effekt stellt sich ein“, glaubt sie. „In Buchhandlungen werden neue Leser gewonnen, Übersetzer entdecken Gemeinsamkeiten, und man findet Verleger. Der Weg zur Veröffentlichung wird erleichtert.“

Für Patrícia Salvação Barreto, Kommissarin für das Projekt Portugal Gastland der Leipziger Buchmesse, sind die Stipendien Teil einer umfassenderen Strategie der Vermittlung portugiesischer Literatur, die im Jahr 2016 begonnen wurde. „Von Schaufensterwettbewerben in Buchhandlungen bis zum direkten Kontakt zwischen Schriftstellern und Lesern, nicht zu vergessen die Begegnung mit deutschen Verlegern in Lissabon, haben wir versucht, so umfassend wie möglich zu arbeiten“, versichert sie auch als Direktorin des Berliner Camões-Instituts. „Jede einzelne dieser Initiativen kann eine Tür sein für die Literatur eines anderen Landes. Und Stipendien sind in diesem Kontext ein sehr guter Weg, den kreativen Prozess jeder Autor*in zu zeigen.

Mauern und Brücken

Auf dem Tisch liegen zwei ausgebreitete Landkarten. Die eine zeigt Westberlin als weißen Fleck, auf der anderen ist eine gleichgroße Leerstelle über Ost-Berlin. Vor dem Fall der Mauer  war die Teilung der Stadt sogar in Karten zu sehen. Ein gemeinsame Sicht zu entwickeln war schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Christian Uhl, einer der häufigsten Begleiter von Afonso Cruz während seines literarischen Aufenthalts in Berlin, versucht auf diese Weise zu überbrücken, was die Vergangenheit trennte.

Ähnliches lag auch in der Intention des Autors. Der Aufenthalt in Deutschland im Oktober 2020 ermöglichte es ihm in der dafür idealen Umgebung die erste Fassung einer Geschichte zu schreiben, die er schon lange im Kopf hatte, deren Grundstein jedoch schon in der Familie gelegt wurde. Afonso Cruz‘ Vater war im Fotografiegeschäft tätig und auf Einladung von Agfa mehrmals zu Fortbildungen in Berlin. Er war auf beiden Seiten der Mauer unterwegs und hörte dadurch viele Geschichten. Darunter die eines Paars, das über Nacht durch die vier Meter hohe Mauer getrennt wurde.

„Ich wurde hier nicht nur sehr gut aufgenommen, sondern es kamen auch viele Leute zu mir, die erfahren hatten, dass ich vorhatte, über die Mauer zu schreiben, und ihre Geschichten mit mir teilen wollten“, verrät Afonso Cruz. „Was man mir erzählte, berührte mich sehr.“ So lernte er auch Christian Uhl kennen und erkundete mit ihm die unterschiedlichen Ecken der Stadt, manchmal auf den Spuren des Vaters. „Ich kannte Berlin schon, und es ist mir an sich auch nicht wichtig, an den entsprechenden Orten zu sein, um zu schreiben. Aber durch den Zugang zu so vielen persönlichen Informationen, konnte ich mir das Leben des durch die Mauer getrennten Paars besser vorstellen. Über den Fall der Mauer wissen wir viel, ihr Bau allerdings steckt noch voller Episoden und Begebenheiten, die noch zu erzählen sind.“
Afonso Cruz Für Afonso Cruz sind literarische Begegnungen eine Gelegenheit, Brücken zu bauen, die die Barriere der geografischen Distanz und der kulturellen Unterschiede überwinden. | Foto: © João Lima
Da sein Aufenthalt 2020 in die schlimmsten Monate der Covid-19-Pandemie fiel, die auch zur Absage der letzten drei Ausgaben der Leipziger Buchmesse sowie eines Großteils des vorgesehenen Gastlandprogramms von Portugal führte, hatte Afonso Cruz kaum direkte Begegnung mit Lesern. Aus anderen Erfahrungen heraus allerdings sieht auch er die Bedeutung derartiger Begegnungen. „Wir treffen andere Schriftsteller, andere Künstler, manchmal Verleger, Agenten und Übersetzer. Es sind Brücken über die Mauer der Distanz und der kulturellen Unterschiede.“

Von romantischer Liebe erzählen

Judite Canha Fernandes, die 2021 im Rahmen der jüngsten literarischen Residenz in Berlin war, hatte eigentlich vor, standhaft zu bleiben und war mit dem Vorsatz, nach Deutschland gekommen, sich von der Stadt „nicht zu sehr prägen zu lassen“. Gelungen ist es ihr nicht, denn ihre Erwartungen wurden übertroffen. Sie kannte Berlin vorher nicht, und der Kontakt mit den Menschen und den damit verbundenen Geschichten war überwältigend. „Es war sehr bereichernd“, versichert sie.

Das Vorhaben durchzuhalten, wäre ohnehin nicht sehr einfach gewesen, denn die Erzählung, die sie in Berlin schreiben wollte, inspiriert sich an Die Leiden des Jungen Werthers, Goethes Briefroman, den sie schon als Jugendliche erstmals gelesen hatte und der sie seitdem nie mehr losließ. Als sie beschloss, an einem Erzählband zu arbeiten, deren Geschichten durch eine Gemeinsamkeit verbunden wären – Todas as Histórias de Amor que Queria ter Ouvido (auf Deutsch etwa: Alle Liebesgeschichten, die ich gern gehört hätte) – war auch Werther unweigerlich wieder da.
Judite Canha Fernandes Als sie nach Berlin aufbrach, war Judite Canha Fernandes' literarisches Projekt von Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" inspiriert. | Foto: © Judite Canha Fernandes - Direitos reservados
Für dieses Buch, das nur allmählich entsteht, immer, wenn die Bedingungen günstig sind, um sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen, wie es bei literarischen Residenzen der Fall ist, schrieb sie in Berlin die Erzählung Os Sete Amantes de Rosalina (auf Deutsch etwa: Rosalinas sieben Liebhaber) über eine Frau, die eine Oper nach der Figur von Goethe schreibt und in die deutsche Hauptstadt reist, um sie dort fertigzustellen. „Am Ende war ich sehr glücklich zu spüren, wie sich die Atmosphäre Berlins in meinem Schreiben niederschlägt“, sagt die Autorin.

Sie schließt sich auch dem an, was Patrícia Portela und Afonso Cruz über Berlin sagen und wie es wohl auch Rui Cardoso Martins, Isabela Figueiredo und Miguel Cardoso schildern würden, die im Rahmen der Residenz 2017, 2018 und 2019 in Berlin waren. Auch sie besprach ihre Erzählung mit interessierten Lesern und sah sich damit in einer Reihe mit der in den Jahren zuvor geleisteten Arbeit. „Viele erinnerten sich noch an die Schriftsteller der Residenzen davor. Diese Arbeit der Verbreitung von Literatur nimmt in kleinen Schritten allmählich Gestalt an“, sagt sie. In Form von Büchern, Übersetzungen und dem Bedürfnis, mehr von dem kennenzulernen, was auf Portugiesisch geschrieben wird.
 

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