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Meral Kureyshi
Elefanten im Garten

Limmat Verlag, 2015
141 Seiten
978-385791-784-4

EXCERTOS:

Elefanten im Garten

Über das Buch

© 2015 Limmat Verlag, Zürich

Als ihr Vater unerwartet stirbt, gerät die junge Erzählerin ins Schlingern. Ein Jahr lang lebt sie im Ungefähren, besucht wahllos Vorlesungen an der Universität, fährt Zug, sucht unvermittelt Orte ihres bisherigen Lebens auf, reist nach Prizren. Erinnerungen an ihre idyllische Kindheit in der osmanisch geprägten Stadt, die sie im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie verlassen musste, drängen machtvoll in ihre Schweizer Gegenwart.

Aber die Welt ihrer Kindheit findet sie nicht wieder in Prizren, und auch sie selbst hat sich verändert. Sie sucht einen Platz in ihrem neuen Land, der neuen Sprache. Die Unselbständigkeit ihrer einsamen Mutter erträgt sie nur schlecht, und mit jedem neuen deutschen Wort wächst die Entfernung zu ihr. Während die Mutter sich zunehmend isoliert, versucht die Erzählerin dem Stillstand zu entkommen.

Elefanten im Garten ist ein wunderbarer Roman über ein von der Migration geprägtes Leben, über Herkunft und Entfremdung, Verlust und Beharren, aber auch über Neubeginn und Rettung – im Erzählen.

INTERNATIONALE RECHTE

Erwin Künzli
Limmat Verlag, Zürich
kuenzli@limmatverlag.ch
Übersetzungsrechte ins Arabische verkauft.


Rezension

Neuza da Silva Faustino (Übersetzerin)

Mit dem Tod des Vaters zerbricht die wichtigste Verbindung zwischen der Kindheit der Erzählerin in der Türkei und ihrem Erwachsenenleben in der Schweiz. Mit einmal wird ihr die sprachliche, kulturelle und religiöse Kluft, die mit den Jahren immer tiefer geworden ist, in vollem Umfang bewusst und zwingt sie dazu, über Verluste und Gewinne, Lücken und neue Bezugspunkte im Prozess ihrer Identitätsbildung (im Kontakt mit dem anderen, mit der Familie) nachzudenken.

So unternimmt sie Reisen, von Bern nach Prizren und zurück, auf der Suche nach ihren Wurzeln und Aussöhnung mit ihrer jetzigen Lebenswelt. Diese Reisen sind, auf der narrativen Ebene, vor allem Reisen in das eigene Innere, die – in autobiografischem Dkutus und ohne doch namenlos – kollektive Gültigkeit beanspruchen, alle berühren möchten.

Es scheint, als ob die verschiedenen Orte, kulturellen und religiösen Kontexte, Erlebnisse und Erfahrungen, welche die Erzählerin geprägt haben, darum konkurrieren, der ersehnte Stützpunkt, die mögliche Verbindung zu sein, die früher der Vater war. Die Mutter, blind und abhängig, ist ihr keine Stütze; sie steht für eine Vergangenheit, die sich weder anpassen kann noch will. Der Bruder kämpft seinen eigenen Kampf; am besten fügt sich die jüngste Schwester in die neue Welt ein, frei von jeglichem Bewusstsein der Schuld gegenüber den Vorfahren und ohne Fragen an ihre sprachliche oder kulturelle Zugehörigkeit.

Das gleichberechtigte Europa, das wir heute kennen, wurde nach dem Krieg zu großen Teilen von Gastarbeitern aus anderen Kulturen aufgebaut und schickt sich heute an, Migranten aus neuen Kriegsgebieten aufzunehmen. Vor diesem Hintergrund führt die Lektüre dieses Romans zu einer naheliegenden, aber tiefen und nachdrücklichen Reflexion über den anderen, seine Aufnahme und Integration, und damit zu einer mehr am Menschen orientierten Perspektive, wenn es darum geht, einen neuen Frieden zu schaffen: durch die wechselseitige Verpflichtung auf Verständnis und Akzeptanz des anderen, die alle Beteiligten in ihrem Innersten betrifft.


Meral Kureyshi

Meral Kureyshi Foto: © picture alliance/KEYSTONE Meral Kureyshi, geboren in 1983 in Prizren, ehemals Jugoslawien, ist Schriftstellerin. Ihre Familie gehörte zur türkischen Minderheit im Kosovo, wo die Autorin bis zu ihrem zehnten Lebensjahr aufwuchs. Danach zog sie mit ihrer Familie in die Schweiz und begann, eigene Geschichten zu schreiben. Nach einer Ausbildung zur Mode- und Textilfachfrau studierte sie am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und eröffnete danach ein Lyrikatelier für Kinder in Bern. 2015 erschien ihr Romandebüt Elefanten im Garten, in dem sie ihre Migrationserfahrungen verarbeitet. Das Buch wurde u. a. mit dem Literaturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet und schaffte es auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises.

Auszeichungen:
2018: Luzerner Literaturpreis
2016:  Berner Literaturpreis
2015: Shortlist der Schweizer Buchpreises

Veröffentlichungen (Auswahl):
Fünf Jahreszeiten. Roman. Limmat Verlag, Zürich 2020.
Kindheit in der Schweiz. Erinnerungen. Limmat Verlag, Zürich 2015.
Elefanten im Garten. Roman. Limmat Verlag, Zürich 2020.

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