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Nicol Ljubic
Ein Mensch brennt

dtv Verlag, 2017
336 Seiten 
ISBN  978-3-423-28130-0

LESEPROBEN:

Ein Mensch brennt

Über das Buch

© 2017 dtv Verlag

Wenn es um Fußball geht, kann man dem zehnjährigen Hanno Kelsterberg nichts vormachen. In Sachen Protest allerdings auch nicht. Seit zwei Jahre zuvor der asketische Hartmut Gründler ins Souterrain der Familie zog und sich als unbeugsamer Politkämpfer entpuppte, steht Hannos einst heile Welt auf dem Kopf. Statt Fußball zu spielen, muss er nun mit zu Demos und verteilt Handzettel. Während der Vater den Mann im Keller zunächst belächelt, gerät die Mutter in den Bann des kompromisslosen Idealisten, die Ehe zerbricht. Ein provokanter und berührender Roman über eine Familie, die unversehens von der Zeitgeschichte gestreift wird.

Eine Familie im Visier der Zeitgeschichte. Aufrüttelnd und provokant, zugleich warmherzig und witzig.

 

INTERNATIONALE RECHTE

Sonja Schmidt
dtv Verlag, München
schmidt.sonja@dtv.de
Übersetzungsrechte für Arabisch verkauft.


Rezension

Paulo Rêgo (Übersetzer)

In Ein Mensch brennt holt Nicol Ljubić die historische Figur Hartmut Gründlers aus dem Vergessen. Mit seiner Selbstverbrennung im Jahr 1977 ging der Umweltaktivist in seinem Widerstand gegen die Energiepolitik der BRD bis zur letzten Konsequenz. Doch anstatt eine Biografie Gründlers zu schreiben, rückt der Autor die möglichen Auswirkungen dieses radikalen Akts der Selbsttötung für eine Sache auf eine Gründler nahestehende Familie in den Fokus.

Obwohl Ljubić von Gründler fasziniert ist, handelt sein Roman vor allem von der (fiktiven) Familie Kelsterberg. Inspiriert durch den Widerstand Gründlers gegen den Bau von Atomkraftwerken im Deutschland der 1970er-Jahre, schließt sich die Mutter von Hanno Kelsterberg den Anti-Atomkraft-Aktivisten an. Sein eher konservativer Vater hingegen glaubt an den Segen der vielversprechenden neuen Energiequelle. Das Ehepaar lebt sich zunehmend auseinander; nach der Trennung nimmt der Aktivismus der Mutter fanatische Züge an.

Die Stimme des Erzählers ist der erwachsene Hanno Kelsterberg; doch die Perspektive des Kindes ist überall im Text präsent. Der Erzähler lässt dabei keinen Zweifel daran, wie sehr die Tat Gründlers, aber auch der wachsende „Missbrauch“ durch die Mutter sein Leben geprägt haben – wobei damit keine körperliche Misshandlung gemeint ist, sondern die zunehmende Vernachlässigung durch die Mutter, die den kleinen Hanno nicht nur zu Demonstrationen und Geldsammelaktionen, sondern auch zu Besuchen beim hungerstreikenden Gründler oder ins Krankenhaus mitnahm.

Im Kontext der Debatten zur Nachhaltigkeit unseres Lebensstils und zum Klimawandel ist dieses Buch – auch wenn die Frage der Sicherheit der Atomenergie dagegen fast leichtgewichtig erscheint – trotz seines historischen Gegenstands von großer Aktualität, denn es wirft wichtige Fragen auf: Wie weit sind wir zum Schutz der Umwelt bereit zu gehen, welche Einschränkungen unseres Lebensstils würden wir in Kauf nehmen? Wie würden wir selbst mit dem Verzicht umgehen, den Familienangehörige oder Freunde sich selbst (und damit auch uns) auferlegen?

Die Selbstverbrennung als Akt des Verzichts ist natürlich eine radikale Tat, dient aber als Folie für die Reflexion weniger extremer Formen des Opfers, die  auf der Ebene jedes Einzelnen ebenso radikal sein können: Auf welche Bequemlichkeiten, Rechte und Sicherheiten würden wir für das Wohl der Allgemeinheit oder für mehr Sicherheit verzichten? Solche Fragen stellen sich nicht nur in Hinblick auf die Atomkraft oder das Klima, sondern auch auf die Bedrohung durch den Terrorismus, die Migrationsbewegungen etc. – Stoff zum Nachdenken.


Nicol Ljubić

Nicol Ljubic Foto (Ausschnitt): picture alliance/dpa Nicol Ljubić, geboren am 15.11.1971 in Zagreb, ist Schriftsteller und Journalist. Nicol Ljubić verbrachte seine Kindheit in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft in Bremen. Für eine Reportage in der ZEIT erhielt er 2005 den Theodor-Wolff-Preis. Sein 2010 erschienener Roman Meeresstille wurde u. a. mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

Auszeichnungen:
2011: Adelbert-von-Chamisso-Preis, Förderpreis
2010: Ver.di-Literaturpreis Berlin-Brandenburg
2005: Theodor-Wolff-Preis
1999: Hansel-Mieth-Preis

Veröffentlichungen (Auswahl):
Ein Mensch brennt. Roman. dtv, München, 2017
Als wäre es Liebe. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg, 2012
Meeresstille. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg, 2010
Heimatroman oder wie mein Vater ein Deutscher wurde. DVA, München, 2006
Genosse Nachwuchs. Wie ich die Welt verändern wollte. DVA, München, 2004
Mathildas Himmel. Roman. Eichborn, Frankfurt am Main, 2002

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