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Andreas Maier
Die Familie

Suhrkamp Verlag, 2019
166 Seiten
978-3-518-42862-7

LESEPROBEN:

Die Familie

Über das Buch

© 2019 Surhkamp Verlag, Berlin

Andreas Maier schildert in hochkomischer und abgründiger Weise die komplette Selbstzerstörung eines Familien-Idylls. Tranken die Vorfahren noch in scheinbar gemütlichster Weise familieneigenen Apfelwein miteinander, umgeben von Obstbäumen und Hühnern und Ziegen, geht es in den späteren Generationen – ebenso scheinbar – ständig um Erbfälle, ein riesiges Grundstück, ein böswilliges Denkmalschutzamt mitsamt Baggerführer, um schräge Kinder und chaotische Enkel. Alle wirken wie von einem Vernichtungsvirus befallen, bis dem 1967 geborenen Erzähler endlich stellvertretend für seine Generation klar wird: »Wir sind die Kinder der Schweigekinder.« Das Begreifen der eigenen Familiengeschichte setzt vor einem Grabstein ein, weit außerhalb der Stadt Friedberg in der Wetterau.

INTERNATIONALE RECHTE

Jan-Philipp Martin (Rechte und Lizenzen)
Suhrkamp Verlag / Insel Verlag, Berlin
martin@suhrkamp.de


Rezension

Paulo Rêgo (Übersetzer)

Eine alte, denkmalgeschützte Mühle befindet sich auf den Grundstücken, die zum Familienbesitz des Erzählers gehören, steht jedoch dem sehr lukrativen Verkauf einer der Parzellen im Weg. Nachdem die Familie dazu aufgefordert wurde, Renovierungsarbeiten durchzuführen, erlebt sie, wie durch ein Baggermanöver versehentlich (?) fast das gesamte Gebäude eingerissen wird. Dieses Ereignis wird die Familiengeschichte jahrelang prägen: das darauf folgende Gerichtsverfahren und der Versuch der Eltern des Erzählers, den juristischen Folgen zu entgehen, zerstört nach und nach das Vertrauen des Erzählers zu seinen Eltern. Verschwiegenheit und fehlende Erklärungen umhüllen schließlich alles. Das Familienleben wird zerstört.

Dies ist das zentrale Motiv dieses Romans von Andreas Maier, welches ironisch und stellenweise humorvoll dargestellt wird. Es umfasst die Geschehnisse der Familiengeschichte im Laufe von zwei Jahrzehnten (vom 8. bis zum 28. Lebensjahr des Erzählers). Als Erwachsener erkennt er die Verhaltensmuster des Familienclans und wie die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge zerfließt. Denn nicht nur der Abriss der denkmalgeschützten Mühle geschah unter zweifelhaften Umständen: ebenso wird hinterfragt, wie seine Vorfahren während der Nazizeit zu dem Grundstückseigentum gekommen sind. Obwohl der Verdacht bezüglich der Übernahme sich nicht bestätigt, stellt sich heraus, dass der Vorbesitzer Jude war. Diese Tatsache wurde von der Familie jedoch verzerrt, „retuschiert“, und nach außen hin durch eine akzeptablere Alternative ersetzt.

Seine Eltern sind rechts konservativ und dulden die linkspolitischen Ideen des älteren Bruders nicht, was schlussendlich zum Bruch zwischen Eltern und Sohn führt. Die Schwester zieht, sobald es ihr möglich wird, auch aus dem Elternhaus aus. Sie nistet sich danach jedoch immer wieder auf Kosten der im Grunde genommen eher toleranten als repressiven Eltern dort ein. Der jüngste Bruder und Erzähler ist der einzige, der lange einen regelmäßigen Kontakt zu seinen Eltern pflegt. Er wird ihn aber letztendlich auch aufgeben.

Maiers Fokus liegt auf dem familiären Geschehen, aber der Leser wird in diesem auch die Entwicklung der Gesellschaft der BRD in der Nachkriegszeit gespiegelt sehen, eine Entwicklung die aus heutiger Sicht schwer zu akzeptieren ist.

Der Erbstreit, die begrenzte Macht der Lokalpolitiker, die Halbwahrheiten, die das Familienleben im Privaten und in der Öffentlichkeit bestimmen, geben Maiers Handlung eine Universalität, die das Verlagern der Handlung in irgendeine andere kleine Gemeinde Europas ermöglichen. Dies ist einer der Gründe, weshalb der Roman das Interesse der portugiesischen Leser wecken wird. Und es wird bestätigt, dass man sich seine Familie nicht auswählen kann…


Andreas Maier

Andreas Maier Andreas Maier | Foto: © dpa Andreas Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, ist Schriftsteller. Maier studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main. Er promovierte über den österreichischen Autor Thomas Bernhard. 2000 erschien sein Romandebüt Wäldchestag. Im selben Jahr erhielt er den Ernst-Willner-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Weitere Romane folgten, etwa Der Kreis (2016), Die Universität (2018) und Die Familie (2019). Andreas Maier wurden u. a. der Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung, der aspekte-Literaturpreis und verschiedene Stipendien verliehen. Er lebt in Hamburg. 

Auszeichungen (Auswahl):
2012: Franz-Hessel-Preis
2011: Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis
2010: Wilhelm-Raabe-Literaturpreis
2010: Hugo-Ball-Preis
2009: Robert-Gernhardt-Preis
2004: Mindener Candide-Preis
2003: Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg
2001: Wetterauer Kulturpreis
2000: Ernst-Willner-Preis
2000: Literaturförderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung
2000: ZDF aspekte-Literaturpreis 

Veröffentlichungen:
Die Familie. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2019
Die Universität. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2018
Der Kreis. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
Mein Jahr ohne Udo Jürgens. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
Der Ort. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2015
Die Straße. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2013
Das Haus. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011
Das Zimmer. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011
Onkel J. Heimatkunde. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010
Sanssouci. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2009
Bullau. Versuch über Natur. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2008
Ich. Frankfurter Poetikvorlesungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2006
Kirillow. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2006
Klausen. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2002
Wäldchestag. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2000

 

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