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Uwe Timm
Ikarien

Kiepenheuer & Witsch, 2017
512 Seiten
978-3-462-05048-6

LESEPROBEN:

Uwe Timm Ikarius

Über das Buch

© 2017 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Deutschland Ende April 1945: Michael Hansen, 25, kehrt als amerikanischer Offizier in das Land seiner Geburt zurück und übernimmt einen Auftrag des Geheimdienstes. Er soll herausfinden, welche Rolle ein bedeutender Wissenschaftler im Nazireich gespielt hat.

Während regional noch der Krieg tobt, bricht Hansen von Frankfurt nach Bayern auf und bezieht Quartier am Ammersee. In einem Münchner Antiquariat findet er einen frühen Weggefährten des Eugenikers Professor Ploetz, den Dissidenten Wagner. Von ihm lässt er sich die Geschichte einer Freundschaft erzählen, die Ende des 19. Jahrhunderts in Breslau begann und die beiden Studenten über Zürich bis nach Amerika führte – und mitten hinein in die Auseinandersetzung um die beste gesellschaftliche Ordnung: Hier ein Sozialismus nachMarx, dort das utopische Projekt der Gemeinde Ikarien, die vom französischen Revolutionär Étienne Cabet in Amerika gegründet wurde.

Hansen kommt durch die Lebensbeichte Wagners dem faustischen Pakt auf die Spur, den der Rassenhygieniker Ploetz mit den Nazis einging, und dem ganz anderen Schicksal, das den Antiquar wegen seiner widerständigen Haltung ereilte. Seine Reise durch das materiell und moralisch zerstörte Land lässt Hansen Zeuge eines Aufbruchs werden, der die deutsche Geschichte prägen sollte. Zugleich wird sie zu einer éducation sentimentale – auch in der Liebe werden ihm einige Lektionen erteilt.

Eine gleichermaßen erschreckende wie berührende Geschichte von der Suche nach Alternativen zum Bestehenden und nach einem anderen Leben.
 

INTERNATIONALE RECHTE

Aleksandra Erakovic (Rechte und Lizensen) 
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
aerakovic@kiwi-verlag.de
Übersetzungsrechte ins Spanische, Italienische, Niederlandische und Swedische (u.a.) verkauft.


Rezension

Pedro Garcia Rosado (Übersetzer)

Die deutsche Geschichte umfasst mehr als die beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts, und neben den Geschichtsbüchern sind es vor allem die Romane, die uns berichten, was vorgefallen ist, mit der ihn eigenen Dramatik, die große Literatur auszeichnet.

Ikarien von Uwe Timm ist einer dieser Romane: Eine leidvolle Reise durch die Ruinen Deutschlands, während die Alliierten durch das besiegte Land vorrücken, und ein Ausflug in das eher magische als wissenschaftliche Denken, das der offiziellen Wissenschaft des nationalsozialistischen Regimes zugrunde lag. Unser Reiseführer ist Michael Hansen, Oberleutnant in der Armee der Vereinigten Staaten, der auf eine geradezu philosophische Mission geschickt wurde. Und es ist durch seine Augen, dass wir die Folgen des Krieges für die Menschen und in den Köpfen zu sehen bekommen.

Hansen stellt Nachforschungen zur Persönlichkeit und zum Werk des Mediziners und Biologen Alfred Ploetz (1860 – 1940) an, des Eugenikers und Vaters der Theorie der „Rassenhygiene“, des „Herren der tausend Kaninchen“ (an denen er u.a. seine Versuche machte). In Deutschland geboren und als Kind von der Familie in die U.S.A. gebracht, ist er der Zeremonienmeister dieser Geschichte, ein Beobachter, der treffend erzählt, was in seinem Geburtsland vorgeht, und ein Jugendlicher, der sich im Labyrinth seiner Liebesgefühle verliert. Die Niederlage Deutschlands ist auch seine eigene.

Die anfängliche Utopie, die eine der Säulen des offiziellen Wissenschaft der Nazis werden sollte, verbunden mit der beinahe marxistischen Ikarien-Theorie des französischen Revolutionärs Étienne Cabet, zerbricht an der nationalsozialistischen Praxis, verliert sich in der militärischen Niederlage (die zweite Deutschlands innerhalb von nur 27 Jahren) und versinkt in einer ironischen Kehrtwende, die ein allzu fröhlichen Fest und betrunkenen Raben einschließt – jene Vögel, die einer der Protagonisten als „utopische“ Vögel bezeichnet: „Trauer stecke in dem zugegeben herben Gesang. Die ewige Trauer um ein verloren gegangenes Stück Käse“ Die Raben, die Boten der Götter, spielen in Ikarien eine bedeutende symbolische Rolle.

Uwe Timms Roman ist dennoch kein nihilistisches oder pessimistisches Buch. Der eigenen Kriegserfahrung des Autors zum Trotz, dessen Bruder an der Front war, endet es mit einer Hoffnungsbotschaft, die dem „Engel“ Michael in den Mund gelegt wird: „Erstaunlich an den Deutschen ist das Zupacken, das Handeln, das Sich-gegen-das-Sckicksal-Stemmen. Vielleicht eine Folge der Geschichte, dieser katastrophalen Geschichte, all die Kriege, die das Land erlebt und auch selbst ausgelöst hat. Ich sehe kaum Lethargie, kaum Resignation, dagegen Entschlossenheit, Anpacken, eine trotzige Entschlossenheit.“


Uwe Timm

Uwe Timm Uwe Timm | Foto: © dpa Uwe Timm studierte Philosophie und Germanistik in München. Sein Romandebüt erfolgte 1974 mit Heißer Sommer. Große Erfolge feierte Timm mit seiner 1993 veröffentlichten Novelle Die Erfindung der Currywurst. Seine Erzählung Am Beispiel meines Bruders aus dem Jahr 2003 löste eine Diskussion über Erinnerungskultur und Nationalsozialismus aus. Timms Werk umfasst auch vier Kinderbücher. Für seine Romane und Erzählungen erhielt Uwe Timm zahlreiche Auszeichnungen und Preise: etwa 2001 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 2003 den Schubart-Literaturpreis, 2009 den Heinrich-Böll-Preis und 2018 den Schillerpreis der Stadt Mannheim. Uwe Timm lebt in München und Berlin.


Auszeichungen:
2021: Pro meritis scientiae et litterarum
2018:  Schillerpreis der Stadt Mannheim
2013:  Kultureller Ehrenpreis der Landeshauptstadt München
2012:  Carl-Zuckmayer-Medaille
2009:  Heinrich-Böll-Preis
2006:  Premio Napoli
2006:  Premio Mondello
2006:  Jakob-Wassermann-Literaturpreis
2003:  Schubart-Literaturpreis
2001:  Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
1990:  Deutscher Jugendliteraturpreis
1989:  Literaturpreis der Stadt München

Veröffentlichungen (Auswahl):
Der Verrückte in den Dünen. Über Utopie und Literatur. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2020
Ikarien. Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2017
Montaignes Turm. Essays. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2015
Vogelweide. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2013.
Freitisch. Novelle. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2011
Halbschatten. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2008.
Der Freund und der Fremde. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2005
Am Beispiel meines Bruders. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2003
Rot. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2001
Nicht morgen, nicht gestern. Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1999
Johannisnacht. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1996
Die Entdeckung der Currywurst. Novelle. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1993.
Kopfjäger. Bericht aus dem Innern des Landes. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1991
Vogel, friss die Feige nicht. Römische Aufzeichnungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1989
Der Schlangenbaum. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1986
1980. Kerbels Flucht. Roman. AutorenEdition, Gütersloh, 1980
Morenga. Roman. AutorenEdition, Gütersloh, 1978
Heißer Sommer. Roman. Bertelsmann Verlag, München/Gütersloh/Wien, 1974

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