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Lutz Seiler
Stern 111

Suhrkamp Verlag, 2020
528 Seiten
978-3-51842-925-9

LESEPROBEN:

Lutz Seiler: Stern 111

Über das Buch

© 2020 Suhrkamp Verlag, Berlim

Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verlassen Inge und Walter Bischoff ihr altes Leben – die Wohnung, den Garten, ihre Arbeit und das Land. Ihre Reise führt die beiden Fünfzigjährigen weit hinaus: Über Notaufnahmelager und Durchgangswohnheime folgen sie einem lange gehegten Traum, einem »Lebensgeheimnis«, von dem selbst ihr Sohn Carl nichts weiß. Carl wiederum, der den Auftrag verweigert, das elterliche Erbe zu übernehmen, flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des »klugen Rudels« aufgenommen wird, einer Gruppe junger Frauen und Männer, die dunkle Geschäfte, einen Guerillakampf um leerstehende Häuser und die Kellerkneipe Assel betreibt. Im U-Boot der Assel schlingert Carl durch das archaische Chaos der Nachwendezeit, immer in der Hoffnung, Effi wiederzusehen, »die einzige Frau, in die er je verliebt gewesen war«.

Ein Panorama der ersten Nachwendejahre in Ost und West, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse: Nach dem prämierten Bestseller Kruso führt Lutz Seiler die Geschichte in zwei großen Erzählbögen fort – in einem Roadtrip, der seine Bahn um den halben Erdball zieht, und in einem Berlin-Roman, der uns die ersten Tage einer neuen Welt vor Augen führt. Und ganz nebenbei wird die Geschichte einer Familie erzählt, die der Herbst 89 sprengt und die nun versuchen muss, neu zueinander zu finden.
 

INTERNATIONALE RECHTE

Jan-Philipp Martin (Rechte und Lizenzen)
Suhrkamp Verlag / Insel Verlag, Berlin
martin@suhrkamp.de
Übersetzungsrechte ins Englische, Arabische, Französische, Niederländische, Dänische, Schwedische und Griechische schon verkauft.


Rezension

Helena Topa (Übersetzerin)

In Lutz Seilers zweitem Roman, Stern 111, steht das Leben der Familie Bischoff nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Mittelpunkt. Die Eltern, Inge und Walter, entscheiden sich, die ehemalige DDR zu verlassen, um sich im Westen niederzulassen. Der Sohn Carl bleibt mit der schweren Aufgabe zurück, das Elternhaus in der Stadt zu hüten, wo sie seit eh und je gewohnt hatten. Doch nach einiger Zeit verlässt Carl das Elternhaus, um in Ost-Berlin ein neues Leben zu beginnen und sich einer Gruppe Hausbesetzer anzuschließen, die zu seiner neuen Familie wird. Er lebt in ärmlichen Verhältnissen auf der Straße und dann in einer verlassenen Wohnung, arbeitet in der Gemeinschaftskneipe, der “Assel”, und bereitet sich auf eine Existenz als Dichter vor.

Seine Eltern versuchen inzwischen in Westdeutschland einen Neubeginn, wo sie zuletzt eine gut bezahlte Arbeit finden und ihrem alten Traum der Auswanderung in die Vereinigten Staaten folgen. Die Pläne seiner Eltern sind für Carl überraschend. Er wird sich Jahre später mit ihnen in Kalifornien treffen und dann wieder nach Berlin zurückkehren. Am Ende lässt sich Carl etliche Jahre nach der Wiedervereinigung in einer Stadt nieder, die nicht mehr viel mit dem Berlin gemein hat, das er bei seiner ersten Ankunft kennenlernte.

Stern 111, so heißt ein in der DDR hergestelltes Kofferradio. Es symbolisiert die erste Hälfte des Lebens der Familie Bischoff – das Radio war die erste gemeinsame Anschaffung des jungen Paares. Mit dem Stern 111 konnte auch Westmusik gehört werden. Das Gerät hat in der Familie einen besonderen Stellenwert und es wird sie auf ihrem Lebensweg bis nach Amerika begleiten.

Wieviel aus der Vergangenheit ist noch im Hier und Jetzt dieser Personen zu finden? Dies könnte die Kernfrage des Romans sein. Die Wiedervereinigung wird hier paradoxerweise als Trennungsmoment dargestellt – die Familie trennt sich zwischen Ost und West – und die Wiedervereinigung erscheint als eine Art Betrug, ein Ereignis, dass lediglich Veränderungen beschleunigt. Manche dieser Veränderungen werden von den drei Familienmitgliedern ersehnt, andere nicht.

Berlin ist hier der Knotenpunkt, in dem sich alle Spaltungen Deutschlands spiegelten. Die Stadt hat in dem radikalen Lebenswandel der Personen einen besonderen Stellenwert: es ist die Stadt der Utopien, in der der Traum einer fairen und brüderlichen Gesellschaft für alle Raum findet, aber auch die kosmopolitische Metropole, in der der westliche Kapitalismus in seiner unbarmherzigen Logik der Sanierung, Säuberung und Immobilienspekulation alles aufsaugt und die charakteristischen Merkmale eines Gesellschaftsmodells, desjenigen der DDR, auslöscht, um es als etwas aus einer archaischen Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die Erzählperspektive pendelt zwischen der Carls und der der Eltern, und somit zwischen zwei verschiedenen und voneinander entfernten Orten. Der Leser wird nicht nur durch die verschiedenen Lebensgeschichten gefesselt, sondern auch durch die Erwartung eines Wiedertreffens von Eltern und Kind, zwischen denen die Kommunikation nur schwer und unregelmäßig zustande kommt. Das Wiedersehen wird überraschenderweise in einem anderen Land stattfinden, in den Vereinigten Staaten. Es wird auch ein realistisches Panorama der Veränderungen dargestellt, die Deutschland während und nach der Wiedervereinigung, vor allem im Osten, durchgemacht hat. Der Roman reiht sich so in die literarische Tradition ein, die nach der „Wende“ Deutschland noch als zweigeteiltes Land betrachtet (wie z.B. in „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf) und nicht an eine tatsächliche Wiedervereinigung glaubt.


Lutz Seiler

Lutz Seiler Foto: © dpa Lutz Seiler, geboren 1963 in Gera, ist Schriftsteller. Seiler absolvierte zunächst eine Lehre und arbeitete danach als Zimmermann und Maurer. Während seines Wehrdienstes verfasste er erste Gedichte. Er begann ein Germanistikstudium und wurde danach Mitbegründer und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift moosbrand. Sein Debüt, der Gedichtband berührt/geführt, erschien 1995. Es folgten weitere Werke mit Lyrik und Erzählungen, darunter die Erzählung Turksib, für die Seiler 2013 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis geehrt wurde. 2014 erhielt sein Debütroman Kruso den Deutschen Buchpreis. Lutz Seiler lebt in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm.

Auszeichungen:
2020: Preis der Leipziger Buchmesse - Belletristik
2017: Thüringer Literaturpreis
2015: Marie-Luise-Kaschnitz-Preis
2014: Deutscher Buchpreis
2014: Uwe-Johnson-Preis
2012: Christian-Wagner-Preis
2012: Rainer-Malkowski-Preis
2010: Fontane-Preis der Stadt Neuruppin
2010: Deutscher Erzählerpreis
2007: Ingeborg-Bachmann-Preis
2004: Bremer Literaturpreis
2002: Anna-Seghers-Preis

Veröffentlichungen (Auswahl):
Stern 111. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020.
Am Kap des guten Abends. Acht Bildgeschichten. Insel Verlag, Berlin, 2018
Kruso. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014
Im Kinobunker. Erzählung. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn, 2012
im felderlatein. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010
Die Zeitwaage. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2009
Turksib. Zwei Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2009
vierzig kilometer nacht. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2003
pech & blende. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2000
berührt / geführt. Gedichte. Oberbaum Verlag, Chemnitz, 1995

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