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Deniz Ohde
Streulicht

Suhrkamp Verlag, 2020
288 Seiten
​978-3-518-42963-1

LESEPROBEN:

Streulicht

Über das Buch

© 2020 Suhrkamp Verlag, Berlin

Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis der Hausrat aus allen Schränken quoll. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, ehe sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst – zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden.

Wahrhaftig und einfühlsam erkundet Deniz Ohde in ihrem Debütroman die feinen Unterschiede in unserer Gesellschaft. Satz für Satz spürt sie den Sollbruchstellen im Leben der Erzählerin nach, den Zuschreibungen und Erwartungen an sie als Arbeiterkind, der Kluft zwischen Bildungsversprechen und erfahrener Ungleichheit, der verinnerlichten Abwertung und dem Versuch, sich davon zu befreien.
 

INTERNATIONALE RECHTE

Jan-Philipp Martin (Rechte und Lizenzen)
Suhrkamp Verlag, Berlin
martin@suhrkamp.de


Rezension

Bruno Monteiro (Übersetzer)

Ein kleines Dorf erstickt unter einer trüben und beißenden Atmosphäre, die von Fabrikdämpfen verpestet wird – und auch unter den sozialen Zwängen, die die Leben der von ihrem Arbeiter- und Migrantendasein und den Geschlechterrollen überforderten Männer und Frauen einengen. Deniz Ohdes erster Roman beginnt mit einer Reise in das Heimatdorf der Ich-Erzählerin, die in einer Arbeitersiedlung am Rande eines Industriekomplexes aufgewachsen ist, der dort alle Tagesabläufe reguliert und die umgebende Landschaft bestimmt.

Den Vorwand zu dieser Rückkehr in das elterliche Haus bietet die Hochzeit zweier Kindheitsfreunde, die, durch ihren wohlhabenden und gutsituierten Familienhintergrund, das Gegenbild zur Atmosphäre im Haus der Erzählerin darstellen, das vom Alkoholismus und der Gewalttätigkeit des Vaters und den Widerständen in der Schule geprägt wird, wo das "Deutschsein" der Protagonistin der türkischen Herkunft ihrer Mutter wegen fortwährend hinterfragt wird.

In dieser Umkehrung einer Initiationsfahrt, löst die Rückkehr nach Hause in der Erzählerin eine (Selbst-) Entdeckung der Erinnerungen aus, sie "macht das Licht auf", wie ihre Mutter gesagt hätte, für Erfahrungen, die im Dunkeln lagen, weil sie Grundüberzeugungen der deutschen Gegenwartsgesellschaft untergraben, wie die vom "sozialen Aufstieg", vom "Bildungserfolg" und von der "kulturellen Integration". Wir stehen in diesem Buch einem Negativabzug dieser Mythologie gegenüber, wo die Kosten zahlt, wer von außen in eine wohlhabende und harmonische Gesellschaft blickt. Obwohl auch sie an den Illusionen des Erfolgs und des Konsums teilhaben, sind diese Personen die "loser", die an "unsichtbaren Barrieren" (S. 271) scheitern, die sie manchmal auf brutale Weise, doch meistens implizit von den Versprechungen des Wohlstand fernhalten, auch wenn diese Versprechungen sich nur im Besitz von Markenschuhen manifestieren (die an den Füssen der Protagonistin durch Schuhe einer No Name-Marke ersetzt werden). Indem sie sich jeder Sentimentalität verweigert und sich stattdessen einer gewissenhaften (Selbst-) Erkundung hingibt, findet die Erzählerin in ihrem Standpunkt an den Randlinien den erforderlichen Blickwinkel, um durch die leuchtenden Oberflächen zu sehen, auf denen die Zauberbilder der Schule und des Zuhauses erscheinen. Ein zutiefst persönlicher Einblick auf die Mondseite der deutschen Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts.


Deniz Ohde

Deniz Ohde Deniz Ohde | Foto: © picture alliance/dpa | Helmut Fricke Deniz Ode, geboren 1988 in Frankfurt am Main, ist Schrifstellerin. Ohde studierte Germanistik in Leipzig und veröffentlichte erste Texte auf diversen Blogs. 2016 erschien ihre erste Erzählung 452 in einer Anthologie, mit zwei weiteren Texten war sie Finalistin der beiden Literaturwettbewerbe Open Mike und poet bewegt. 2020 veröffentlichte sie ihren Debütroman Streulicht, der es auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis schaffte. Deniz Ohde wurde mit dem aspekte-Literaturpreis und dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto Stiftung ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig.

Auszeichungen:
2020: aspekte-Literaturpreis für Streulicht
2020: Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung für Streulicht

Veröffentlichungen (Auswahl):
Streulicht. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2020

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