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Heinz Helle
Die Überwindung der Schwerkraft

Suhrkamp Verlag, 2018
208 Seiten
ISBN 978-3-518-42823-8

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Die Überwindung der Schwerkraft

Über das Buch

© 2018 Suhrkamp Verlag, Berlin

Zwei Bier, und dann noch zwei – mehr braucht es nicht für etwas Nähe. Doch dass die Wärme des Alkohols nicht wirklich gegen die Kälte hilft, die draußen herrscht, wissen auch die beiden Brüder, die von Kneipe zu Kneipe ziehen. Der ältere trinkt längst ohne jeden Anlass, aus Trauer oder Wut angesichts einer Welt, die von Schmerzen und Leid, von Kriegen und Gewalt bestimmt ist. Und doch erzählt er dem jüngeren an diesem Abend nicht nur von Stalingrad und Marc Dutroux, sondern auch von seinem baldigen Vaterglück. Was beide nicht wissen: Es wird danach kein Wiedersehen geben. Nur einmal telefonieren sie noch miteinander. Der nächste Anruf, neun Monate später, ist die Nachricht vom Tod des älteren Bruders. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ihn und Fragen: Warum das Ganze? Was wollen wir auf der Welt? Und was genau soll das überhaupt sein, leben und sterben?

Virtuos verknüpft Heinz Helle in seinem neuen Roman die Suche nach den Spuren des verstorbenen Bruders mit der Suche nach den Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Wie genau er die Geschwister dabei seziert, ist schmerzhaft-schön: ein gezielter Schlag in die Magengrube, durchfunkelt von Trost und Hoffnung.

 

INTERNATIONALE RECHTE

Jan-Philipp Martin (Rechte und Lizenzen)
Suhrkamp Verlag, Berlin
martin@suhrkamp.de
Übersetzungsrechte für Griechisch verkauft.


Rezension

Paulo Rêgo (Übersetzer)

Zwei Halbbrüder, Söhne verschiedener Mütter, aber vom selben Vater. Erzählt wird in Rückblenden aus der Sicht des jüngeren Bruders. Der Roman beginnt mit seinen Erinnerungen an eine lange durchzechte Winternacht in München, in der beide von Kneipe zu Kneipe ziehen. Sie werden sich danach nicht mehr wiedersehen.
 
Als Leser wird man von dem ununterbrochenen Gedankenfluss des jüngeren Bruders mitgerissen, der in seinen Erinnerungen an Gespräche mit dem älteren Bruder dessen Versuche, die Welt zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden, rekonstruiert. Das Ergebnis ist eine dichte, aber dennoch flüssige Sprache, die einer aufmerksamen Lektüre bedarf.
 
In Die Überwindung der Schwerkraft werden philosophische Fragen angesprochen, wie z. B. der Sinn des Lebens oder das Verhältnis zwischen Gut und Böse; auch kristallisiert sich immer mehr der depressive und autodestruktive Gemütszustand des älteren Bruders heraus, der sich einer wachsenden lethargischen Melancholie hingibt und in den Alkoholrausch flüchtet. Dies wiederum hängt direkt mit einigen Themen zusammen, die ihn faszinieren, wie der Fall des belgischen Kriminellen Marc Dutroux und die Horrorszenarien des Zweiten Weltkriegs.
 
Der ältere Bruder ist ein Idealist von sensiblem Gemüt, der auf seine Umwelt reagiert. Der jüngere hingegen ist in sich gekehrt und rational, wodurch er besser mit der Welt zurechtkommt. Trotzdem entkommt er weder seiner Rolle des Zuhörers und treuen Freundes, der seinem Bruder während seiner Alkoholexzesse beisteht, noch den späteren Schuldgefühlen, da er meint, dem kranken Bruder nicht genug geholfen zu haben.
 
Dieses Buch als einen einzigen, 197 Seiten langen Absatz zu betrachten, ist sicherlich eine unzureichende Annäherung an den Roman von Heinz Helle. Auch wenn die Wahl des Autors gewagt erscheinen mag, so gibt seine Strategie der ununterbrochenen Erzählung jedoch virtuos den langen inneren Monolog des Erzählers wieder: Helle macht von langen, endlos scheinenden Satzgefügen Gebrauch, in denen er oft das Thema und die Perspektive wechselt: Eine Idee oder Erinnerung geht in die nächste über, es ist ein konstantes Fließen.
 
Die Perspektive des jüngeren Bruders und seine scheinbare Gefälligkeit angesichts der berichteten Exzesse mögen zunächst dazu verführen, die Erzählung beiseite zu legen, doch tatsächlich entwickelt der Text eine viel größere Tiefe, als seine Oberfläche vermuten lässt. Seine Tiefe und Helles kunstvolle Sprache rechtfertigen die Veröffentlichung dieses Werkes.


Heinz Helle

Heinz Helle Foto (Ausschnitt): picture alliance/dpa Heinz Helle, geboren 1978, studierte Philosophie in München und New York. Er arbeitete als Werbetexter in verschiedenen Agenturen. Sein 2014 erschienenes Debüt Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis, ebenso wie sein Roman Die Überwindung der Schwerkraft aus dem Jahr 2018. Heinz Helle lebt in Zürich.


Auszeichnungen:
2019: Förderpreis zum Bremer Literaturpreis
2018: Shortlist für den Schweizer Buchpreis
2018: Anerkennungsgabe der Stadt Zürich
2017: Kulturelle Auszeichnung der Stadt Zürich
2014: Literaturpreis des Kantons Bern
2013: Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
2011: Walter-Kempowski-Literaturpreis

 
Veröffentlichungen:

Die Überwindung der Schwerkraft, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
Eigentlich müssten wir tanzen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

 

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