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Bodo Kirchhoff
Verlangen und Melancholie

Frankfurter Verlagsanstalt, 2014
448 Seiten
ISBN 978-3-627-00209-1

LESEPROBEN:

Verlangen und Melancholie

Über das Buch

© 2014 Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main

Hinrich, dem ein »e« zum eleganteren Heinrich fehlt, erhält einen Brief mit schwarzem Rand – wer kann da gestorben sein? Er hat nur vage Vermutungen und scheut sich, den Brief zu öffnen; ihn bewegt schon genug seit dem Ausscheiden bei einer großen Zeitung, dort einmal zuständig für Regionalkultur. Die Tage und Nächte gehören jetzt ihm und der Frage, warum sich Irene, seine Frau, vor Jahren das Leben genommen hat. Und mit jedem neuen Warum kommen die Erinnerungen: an Irene, die Übersetzerin italienischer Literatur, etwa die Gedichte Pasolinis, an die Sommer in Italien, an Orte wie Rom oder Pompeji, und nicht zuletzt an Irene als Mutter seiner nun erwachsenen Tochter Naomi. Deren Sohn Malte hilft Hinrich gerade durchs Abitur, und sein Enkel überredet ihn zu einem Abenteuer: Sie lösen ein Konto in der Schweiz auf und schaffen das Schwarzgeld über die Grenze – Geld, das Hinrich auf keinen Fall behalten will und das ihn nach Polen reisen lässt, zu jemandem, der es gebrauchen kann. In Warschau aber holt ihn sowohl das Leben mit Irene als auch die Zeit mit einer früheren Geliebten auf eine Weise ein, die alles auf den Kopf stellt, woran er geglaubt hat.

»Verlangen und Melancholie« ist eine Geschichte von Liebe und Verrat, in der mit wachsender Spannung unerbittlich die Frage nach dem Warum eines Freitods gestellt wird. Erst als mit der Antwort offenliegt, welches Leben sich der Mensch, den man am besten zu kennen glaubte, genommen hat, setzt das Verzeihen ein.

 

INTERNATIONALE RECHTE

Nadya Hartmann
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurter am Main
hartmann@fva.de

 


Rezension

Neuza da Silva Faustino (Übersetzerin)

Nach dem unerwarteten Tod seiner Frau Irene verliert Hinrich seinen emotionalen Halt. Auf der Suche nach den Gründen für den Selbstmord der Liebe seines Lebens reist er zu den Orten, die er mit ihr besuchte. Dabei begibt er sich auch auf eine innere Reise, bei der er in seinen Erinnerungen und in sich selbst Antworten auf existenzielle Fragen, auf Fragen zu zwischenmenschlichen Beziehungen und zum Thema Verrat sucht. Dabei sieht er sich immer wieder mit der Spannung zwischen Leben und Tod, Liebe und Verlust, Kraft und Zerbrechlichkeit konfrontiert.

Die Bezüge auf das kollektiv-historische Gedächtnis, wie die Erinnerung an den Holocaust, die als Vermächtnis an die folgenden Generationen bleibt, und auf die Situation der Flüchtlinge aus Syrien verleiht dem persönlichen Freud und Leid, der Trauer über vergangene Liebschaften, den bestehenden und zukünftigen Beziehungen mehr Tiefe.

Über die Familie verbindet Hinrich die Vergangenheit mit der Gegenwart und verarbeitet die Gefühle, die ihm neben den Erinnerungen noch geblieben sind. Seine Tochter Naomi ist die Verbindung zu jüngeren Generationen: ihr beweist er im Alltag seine Zuneigung durch praktische Gesten und das Interesse an ihrer Arbeit. Mit seinem Enkel Malte unternimmt er ein kleines Abenteuer und er hilft ihm bei seiner Vorbereitung auf eine Aufnahmeprüfung. So vereint er die moderne Lebensweise mit seinem romantischen Weltbild und ethischen Fragen. Er konzentriert sich auf seine Familie und wird auch den Kontakt zu jenen suchen, die er bisher noch nicht so gut kennenlernen konnte: Marianne, Jerzy, Zusan.

Hinrichs Geschichte handelt von Liebe und Verrat und zeigt das Leben in all seinen Facetten. Der Tod, der Verlust, die Erfahrungen, die kleinen Errungenschaften, diese Dramen des Alltags, die Hinrichs erlebt, könnten auch die des Lesers sein. Dadurch wird der Leser seinerseits zu existentieller Selbstreflexion und zum Nachdenken über das menschliche Miteinander eingeladen, in dem Akzeptanz, Vergebung und Solidarität zu Selbstfindung und zur Liebe führen.


Bodo Kirchhoff

Bodo Kirchhoff Bodo Kirchhoff | © dpa Bodo Kirchhoff, geboren 1948 in Hamburg, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Kirchhoff studierte in Frankfurt Psychologie und Soziologie und arbeitete kurze Zeit als Heilpädagoge, bevor er sich als Schriftsteller selbstständig machte. Er schrieb Essays, Reportagen, Erzählungen, Theaterstücke, Drehbücher und Romane. Sein Erstlingswerk Zwiefalten erschien 1983. Bodo Kirchhoffs Veröffentlichungen wurden vielfach ausgezeichnet. Er schaffte es 2012 mit Die Liebe in groben Zügen auf die Longlist des Deutschen Buchpreises, vier Jahre später erhielt der den Buchpreis für seinen Roman Widerfahrnis. Bodo Kirchhoff lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee, Italien.

Auszeichungen:
1999 Bayerischer Filmpreis – Drehbuchpreis
2001 Rheingau Literaturpreis
2001 Rheingau Literaturpreis
2002 Deutscher Kritikerpreis
2008 Carl-Zuckmayer-Medaille
2016 Deutscher Buchpreis
2019 Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt

Veröffentlichungen:
Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2018
Widerfahrnis. Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2016
Verlangen und Melancholie. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2014
Die Liebe in groben Zügen. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2012
Erinnerungen an meinen Porsche. Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2009
Eros und Asche. Ein Freundschaftsroman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2007
Die kleine Garbo. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2006
Wo das Meer beginnt. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt, 2004
Schundroman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2002
Parlando. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt, 2004
Infanta. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1990
Zwiefalten. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1983

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