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Thomas Melle
Die Welt im Rücken

Rowohlt Berlin Verlag, 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-87134-170-0



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Die Welt im Rücken

Über das Buch

© 2016 Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin

Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren. Was sonst vielleicht als Gedanke kurz aufleuchtet, um sofort verworfen zu werden, wird im manischen Kurzschluss zur Tat. Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund, und was Sie jahrelang von sich wussten, wird innerhalb kürzester Zeit ungültig. Sie fangen nicht bei null an, nein, Sie rutschen ins Minus, und nichts mehr ist mit Ihnen auf verlässliche Weise verbunden.
 

INTERNATIONALE RECHTE

Tatjana Jandt
Rowohlt Verlag, Hamburg
tatiana.jandt@rowohlt.de
Übersetzt in Frankreich, Niederlande, Dänemark, China, Japan, Russland (unter anderen)


Rezension

Paulo Rêgo (Übersetzer)

In Die Welt im Rücken versucht Thomas Melle, die bipolare Störung zu erklären, die ihn jahrelang gequält hat, und sie anderen, aber auch sich selbst verständlich zu machen. Ein Befreiungsschlag, um nicht mehr „im eigenen Saft zu schmoren“ – in den Figuren früherer Bücher, hinter denen er sich teilweise selbst verbirgt und die ihn als Menschen zugleich zeigen und verbergen. Er hat das Bedürfnis, den Ursprung seiner Erkrankung auszumachen, zu verstehen, worum es in den psychotischen Episoden eigentlich geht, und warum er in den manischen Phasen beispielsweise glaubt, dass alles in seiner Umgebung mit ihm zu tun hat: Alles, was er liest, sieht und hört, scheint sich auf ihn selbst zu beziehen.

Dieses Buch handelt von vergänglichem Glück und der ständig drohenden Tragödie. Dennoch verzichtet die Erzählung nicht ganz auf verschiedene Mittel, welche die Ernsthaftigkeit des Themas abmildern, wie zum Beispiel im Fall des übersetzten Textauszugs, der die „Beziehung“ von Melle mit Madonna und Björk schildert und am Anfang sogar unterhaltsam klingt. Auf die Exzesse dieser manischen Episoden folgen jedoch unweigerlich die Leere und Apathie der depressiven Episoden. Und auch die Scham stellt sich unweigerlich ein, sobald Melle sich der begangenen Exzesse bewusst wird.

Melle wagt sich an ein Thema, das oft falsch verstanden wird, und macht es durch seine direkten und offenen Ansatz verständlicher, als dies in einem eher dokumentarischen, faktisch-distanzierten Text möglich wäre. Eine solche Distanzierung wäre ab dem Moment auch sinnlos, in dem der Erkrankte begreift, dass die Erkrankung ihn sein ganzes Leben begleiten wird, dass es keine Heilung gibt, sondern nur eine vorübergehende Abwesenheit von Symptomen. Und die Hoffnung, dass der nächste Schub lange auf sich warten lässt und kurz sein wird..

Zweifellos ist dieses Buch eine harte, nicht immer angenehme Lektüre. Dafür ist es weder gedacht, noch wurde es dafür geschrieben. Die Grausamkeit einer Erfahrung, die an die Grenzen des Verstandes geht, lässt sich kaum hinter literarischer Fiktion verstecken. Dennoch lässt Melle dem Thema eine „literarische Behandlung“ angedeihen, wenn auch nicht im Gewand eines Romans (wie seine früheren Werke), sondern einer autobiografischen Erzählung, die ein ungleich höheres Maß an Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ermöglicht als das rein fiktionale Genre.

Die Lektüre dieses Buch ist sinnvoll und, in gewisser Weise, lehrreich, jedoch nicht auf dieselbe Art wie ein medizinisches Lehrbuch. Dennoch greift Melle die eine oder andere  wissenschaftliche Erkenntnis zur manisch-depressiven Störung auf: Man erfährt, dass diese relativ häufig auftritt, dass drei bis sechs Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens wenigstens einmal an einer ihrer Varianten erkranken; dass ungefähr die Hälfte der an einer bipolaren Störung Erkrankten niemals die richtige Diagnose erhält; dass viele Betroffene in der depressiven Phase einen Suizid in Betracht ziehen, 25% einen Suizidversuch unternehmen und 15% durch Suizid aus dem Leben scheiden. Allein diese wenigen Zahlen zeigen, wie relevant dieses Thema ist.

Das Wichtigste ist vielleicht, dass das Buch eine „wahrhaftige Lektüre“ bietet, die manchmal so roh und radikal daherkommt, sodass sich der Verdacht, dass es sich um eine literarische Pose Melles handeln könnte, gar nicht erst einstellt.


Thomas Melle

Thomas Melle Foto (Ausschnitt): dpa Thomas Melle, geboren am 17.03.1975 in Bonn, ist Schriftsteller und Übersetzer und studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin/Texas und Berlin. Er schreibt erzählende Werke, Theaterstücke und übersetzt aus dem Englischen, darunter Werke von William T. Vollmann und Tom McCarthy. Sein erster Roman Sickster aus dem Jahr 2011 stand auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Melles 2016 erschienenes autobiografisch grundiertes Werk Die Welt im Rücken thematisiert seine bipolare Störung. Neben vielen anderen Auszeichnungen gelangte er damit ein weiteres Mal auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Thomas Melle lebt in Berlin.

Auszeichnungen:
2016: Shortlist Deutscher Buchpreis (Die Welt im Rücken)
2015: Kunstpreis Berlin
2014: Shortlist Deutscher Buchpreis (3.000 Euro
2009: Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler
2008: Förderpreis zum Bremer Literaturpreis
 
Veröffentlichungen:

Die Welt im Rücken. Rowohlt Berlin, Berlin 2016
3000 Euro. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2014
Sickster. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2011
Raumforderung. Erzählungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007

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