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Marx heute lesen in Portugal
Die Zeitlosigkeit von Karl Marx

Ausschnitt von "O Manifesto comunista" von Marx und Engels, Comicbuch von Ro Marcenaro (Lissabon, Editorial Teorema, 1977)
Ausschnitt von "O Manifesto comunista" von Marx und Engels, Comicbuch von Ro Marcenaro (Lissabon, Editorial Teorema, 1977) | Bild (Ausschnitt): Ro Marcenaro © Editorial Teorema

Wenn wir das Fenster aufstoßen in die turbulenten Zeiten des 19. Jahrhunderts, werden wir Zeugen des Beginns eines in der Geschichte Europas unvergleichlichen gesellschaftlichen und politischen Umbruchs, hinter den es kein Zurück mehr gab. Die revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 wurden in den intellektuellen Kreisen Deutschland intensiv debattiert und zeugen von dem Anspruch, denkerisch mit den gewaltigen historischen Entwicklungen Schritt zu halten.

Von Safaa Dib

Als Mitglied des neuen Bundes der Kommunisten erhielt der junge Karl Marx im Londoner Exil den Auftrag, gemeinsam mit Friedrich Engels ein Manifest zu verfassen. Dieses sollte, gleichsam als Antwort auf die die Ungleichheiten verstärkende Industrialisierung, überzeugt, leidenschaftlich und kompromisslos zum Klassenkampf aufrufen. So entstand das Kommunistische Manifest.
        
In literarischer Perspektive ist das Kommunistische Manifest eine einzigartige tour de force. Wahrscheinlich konnten sich nicht einmal seine jungen Verfasser ausmalen, dass sich dieser Text zu einem zeitlosen, für die das 20. Jahrhundert prägenden sozialistischen Ambitionen zentralen Dokument entwickeln würde. Das Kommunistische Manifest und spätere Schriften von Karl Marx bildeten eine ideologische Matrix, die in letzter Konsequenz zur Oktoberrevolution und der Bildung kommunistischer Regimes führte. 

Die Einführung der marxistischen Doktrin in Portugal

Welcher Text, mit Ausnahme religiöser Schriften, entfaltete eine solch große Reichweite und einen solch umfassenden Einfluss wie das Kommunistische Manifest? Welche Wirkung hatte es in Portugal? Eine größere, als man auf den ersten Blick annimmt. Blicken wir zurück auf den Beginn des 20. Jahrhunderts, um zu verstehen, wie das Kommunistische Manifest seine Wirkung in Portugal zu entfalten begann und wie der Geist von Marx einen großen Teil der kulturellen und literarischen Portugals des 20. Jahrhunderts formte.

Infolge des Kampfes der portugiesischen Arbeiterbewegung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und deren solidarischer Unterstützung der russischen Revolution von 1917 wird 1921 die Portugiesische Kommunistische Partei (Partido Comunista Português, PCP) gegründet. Fest im Parteiprogramm verankert, gewinnen die Lehren von Marx, Engels und Lenin in hohem Maße Eingang auch in das kulturelle Leben Portugals. Damit war der Boden bereitet für den Neorealismus, eine der bedeutendsten kulturellen Strömungen des 20. Jahrhunderts in Portugal, "der die Koordinaten des Handelns und Denkens neu definierte und einen neuen und fundamentalen Gegensatz zwischen dem kapitalistischen System und der kommunistischen Idee herausarbeitet" (Quelle: Museum des Neorealismus).

In der Literatur entstehen Werke, die von einem starken sozialen und politischen Bewusstsein zeugen. Das politische Engagement erobert das Werk namhafter Autoren und großer Romanciers dieser Zeit, der Inhalt wird wichtiger als die Form: Man denke an Alves Redol, Soeiro Pereira Gomes, Carlos de Oliveira, Mário Dionísio, Fernando Namora, Armindo Rodrigues, Mário Braga und weitere. Doch nicht nur Schriftsteller, auch bildende Künstler bringen ihre politischen und sozialen Überzeugungen in ihren Werken zum Ausdruck. Namen wie Júlio Pomar, Rogério Ribeiro, José Dias Coelho, Lima de Freitas oder Alice Jorge stehen hier an erster Stelle. Dahinter steht eine kollektive kulturelle Anstrengung, die ihrer Berufung zum Kampf gegen  das Regime folgt und der Verbreitung der marxistischen Ideen großen Auftrieb gibt.
 
Während die erste Generation neorealistischer Schriftsteller ihre soziale Verantwortung noch sehr ernst nimmt, zeichnet sich in den 1960er-Jahren eine politisch-ideologische Reifung sowie die Öffnung der Literatur für andere kulturelle Strömungen ab, die sich von der marxistisch-leninistischen Doktrin entfernen. Mit Augusto Abelaira, Ilse Losa, José Cardoso Pires oder Urbano Tavares Rodrigues und anderen bringt die neue ästhetisch-formale Vielfalt des Neorealismus eine neue Schriftstellergeneration hervor.

Mit der Nelkenrevolution geht die literarische zugunsten der Produktion von theoretischen und politischen Werken zurück. Der Hinweis auf die rege Aktivität portugiesischer Verlage gegen das Regime in den Jahren zwischen 1968 und 1974 bleibt auch heute relevant. In seiner Dissertation Livros que Tomaram Partido: a Edição Política em Portugal, 1968-1980 weist Flamarion Maués Pelúcio Silva darauf hin, dass zwischen 1968 und 1980 nicht weniger als 137 portugiesische Verlage politische Bücher veröffentlichten. Diese Zahlen überraschen angesichts der Größe Portugals und einer Analphabetenrate von nur 25,7% im Jahr 1970 (Quelle: INE, Pordata), eine direkte Folge der vier Jahrzehnte andauernden Diktatur.
 
In Eduarda Dionísios Buch zur Kultur in Portugal zwischen 1974 und 1994 findet sich eine Zusammenstellung der in der Presse veröffentlichten Bestseller-Listen seit 1974. In der Zeit des Processo Revolucionário em Curso (PREC, Laufender Revolutionärer Prozess) führen explizit politische und neorealistische Titel diese Listen an, wobei Das Kapital von Karl Marx häufig zu den zehn meistverkauften Büchern zählt. Aber auch andere Schriften wie Lohn, Preis und Profit sowie weitere marxistisch geprägte Werke, die den kritischen Geist der gelebten Revolution spiegeln, gehen häufig über den Ladentisch.
 

Die Geister von Marx gehen noch um

Ist die Lektüre von Marx heute noch relevant? Mehr denn je. Auch wenn er, vor allem in Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes des 20. Jahrhunderts, einiges an Strahlkraft verloren hat, bleibt Marx‘ Analyse des kapitalistischen Systems auch heute noch eine der schlagkräftigsten. Und seit der Lehmann-Pleite im Jahr 2008 füllen seine Bücher wieder die Regale der Buchhändler.

In Portugal führten die Folgen der globalen Wirtschaftskrise 2008, die anschließende Intervention der Troika und die Austeritätspolitik in den Jahren zwischen 2011 und 2015 zu einem Erstarken linker Kräfte, die in die größten Demonstrationen seit dem 25. April und 1. Mai 1974 mündeten. In einer seltsamen und ironischen Kehrtwende fiel der Aufruf zur Einheit von Marx bei der portugiesischen Linken auf fruchtbaren Boden: Diese schloss sich nach den Parlamentswahlen 2015 zu einer Koalition, die es so noch nie gegeben hatte (die berühmte Geringonça), zusammen und setzte der gescheiterten Austeritätspolitik mit gewissem Erfolg ein Ende.
 
Doch der Kampf ist noch lange nicht gefochten. Der Geist des jungen Revolutionärs Karl Marx geht weiter um und mahnt eine neue Welt an, während der Geist des alten Ökonomen Karl Marx heute noch vor der selbstzerstörerischen Natur des Kapitalismus warnt und dessen Ende voraussagt, den Kampf für Gleichheit und Freiheit niemals aus den Augen verlierend. Wer Marx liest, versteht, dass kein anderer Kampf unsere Zeit, die Zeit einer Menschheit am Scheideweg, so sehr prägt wie dieser.
 
BIBLIOGRAFIA

60 Anos de Luta. Editorial Avante, 1982.

Dionísio, Eduarda: Títulos, Ações, Obrigações (Sobre a Cultura em Portugal 1974-1994). Edições Salamandra, 1993.

Hobsbawm, Eric: The Age of Capital. Vintage, 1996.

Madeira, João: Engenheiros de Almas, o Partido Comunista e os Intelectuais. Editorial Estampa, 1996.

Silva, Flamarion Maués Pelúcio. Livros que Tomaram Partido: a Edição Política em Portugal, 1968-1980. São Paulo, Universidade de São Paulo, Faculdade de Filosofia, Letras e Ciências Humanas. 2013. Tese de Doutoramento.

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