Freizeitarchitektur Räume für Sport und Bewegung

Parkdeck Göttingen
Parkdeck Göttingen | Foto: Fabian Lippert

Die Stadt zum Spielplatz zu wandeln und ihre besonderen Orte und Räume für Sport und Bewegung zu nutzen, ist längst nicht mehr nur ein jugendlicher Traum von Freiheit. Immer mehr Menschen wünschen sich wandelbare, öffentliche Bewegungsräume und Architekturen, die mehr als nur eine Funktion haben.

Die Leinewelle ist ein neues Sport- und Freizeitprojekt, das Surfbegeisterte mitten im Zentrum von Hannover errichten wollen – zu Füßen des von Georg Ludwig Laves im 19. Jahrhundert umgebauten und heute vom Niedersächsischen Landtag genutzten Schlosses. Der Architekt Heiko Heybey aus Hannover hat 2013 erste Pläne für eine stehende Welle direkt vor dem Leinewehr am Landtag vorgestellt.

Flusssurfen

Der Fluss Leine soll dafür an dieser Stelle mit einem Betonbett und einer darüber liegenden Kunststoffbahn aus Tartan ausgekleidet werden. Wenn die Breite des Gewässers reduziert wird, erhöht sich die Fließgeschwindigkeit, und über zwei Hindernissen auf dem Grund des Flusses kann sich das Wasser zu zwei Wellen auftürmen. Eine Treppe in der Flussmauer am Leibnizufer bietet Platz zum Zuschauen und Entspannen. Vorbild für diese Idee ist der Eisbach in München, der nicht nur Flusssurfer aus aller Welt begeistert, sondern auch ein Magnet für Touristen geworden ist. Längst gibt es viele Gleichgesinnte, die sich auch in anderen Teilen Deutschlands über die Nutzung von innerstädtischen Fließgewässern für Sport und Freizeit austauschen. Viel zu lange hat man die Flusslandschaften in den Städten vernachlässigt oder unsichtbar in unterirdische Leitungen versenkt.
 
  • Leinewelle Hannover Visualisierung: © Eric Meier
    Leinewelle Hannover
  • Leinewelle Hannover Visualisierung: © Eric Meier
    Leinewelle Hannover
  • Badeschiff Berlin Credits: Arena Berlin Betriebs GmbH
    Badeschiff Berlin
  • Badeschiff Berlin Credits: Arena Berlin Betriebs GmbH
    Badeschiff Berlin
  • Fechthalle Göttingen Foto: Judith Kara
    Fechthalle Göttingen
  • Fechthalle Göttingen Foto: Judith Kara
    Fechthalle Göttingen
  • Parkdeck Göttingen Foto: Christine Erhard
    Parkdeck Göttingen
  • Parkdeck Göttingen Foto: Fabian Lippert
    Parkdeck Göttingen
  • Parkdeck Göttingen Foto: Christine Erhard
    Parkdeck Göttingen
  • Parkdeck Göttingen Foto: Christine Erhard
    Parkdeck Göttingen
 

Wasser erlebbar und spürbar machen

Im Kontext der Debatten um die Verdichtung des innerstädtischen Wohnraums erscheint die Umdeutung dieser zentralen Flussräume naheliegend, um die Lebensqualität für die Bewohner zu verbessern und das Wasser erleb- und spürbar zu machen. Auch die Macher des Berliner Badeschiffs wollen den Erholungsfaktor des Wassers mitten in der Stadt nutzen. Der Entwurf des Badeschiffs geht zurück auf einen interdisziplinären Kunstwettbewerb und wurde 2004 von AMP Arquitectos und Wilk-Salinas Architekten mit dem Architekten Thomas Freiwald sowie der Künstlerin Susanne Lorenz realisiert. Sie wandelten einen alten Lastkahn für Sand und Kies ohne Eigenantrieb zu einem 32 Meter langen Pool um und ließen ihn mit sauberem Wasser gefüllt als Schwimmkörper in die Spree. Als schwimmendes Becken ist dieser am Ufer fest verankert. Beim Schwimmen kann man so den Blick auf den Fluss genießen, die Wasserflächen der Spree und die des Bassins scheinen sich zu überlagern.

Räume zur „Ertüchtigung der Jugend“

Flussbäder, Badeschiffe, Räume für Bewegung, Sport und Spiel haben Städter bereits seit Beginn der Neuzeit eingerichtet. Dazu gehörten Ballhöfe, Turnier-, Reit- und Schützenplätze, im 19. Jahrhundert kamen im Zuge der Turnerbewegung mit Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) zahlreiche Turnhallen und Sportplätze dazu. Fechthallen zählten insbesondere an Universitäts- und Militärstandorten zum Stadtbild. Im Stadtzentrum von Göttingen ist in der Geiststraße eine dieser Fechthallen erhalten. Der Fachwerkbau aus der Zeit der Jahrhundertwende wird seit seiner Renovierung 2007 von der Ballettschule Art la danse und als nicht kommerzielles Kulturzentrum für Veranstaltungen und unterschiedliche Kunstformen wie Musik, Tanz, Literatur und Schauspiel genutzt. Der Raum ist hell und von Klarheit und Konzentration bestimmt. Von der Straße aus ist die Halle einsehbar und durch große Fenster eng mit der Parklandschaft der alten Wallanlagen verbunden.

Individuelle Sport- und Aktionsräume

Parkour, Skateboarden, Inlineskaten, Tricking, Slacklinen, Highfall, Crossgolf oder Bouldern sind moderne Bewegungs- und Sportarten, denen inmitten urbaner Landschaften nachgegangen wird. Betonflächen, Geländer, Brücken, Mauern, Dächer oder Haus- und Einfahrtslücken erhalten dabei von jungen Menschen neue Bestimmungen. Mehr als standardisierte Sport- oder Spielgeräte brauchen Jugendliche für ihre Aktionen und Treffpunkte vor allem Schutz, Rückzug, Selbstbestimmung, Räume für Selbstdarstellung und Kommunikation. Im sozialen Brennpunkt Grone in Göttingen haben die Berliner Lippert Kavelly Architekten aus einem alten Parkdeck aus den 1970er-Jahren einen Ort gestaltet, in dem Jugendliche viele freie Flächen, aber auch eine Bühne für ihre Aktivitäten haben. Treppenanlagen aus Betonfertigteilen, eine Zickzackrampe, eine sparsame Möblierung mit zwei hohen Pergolen aus Stahl als Regenschutz und eine vielseitig nutzbare Sitzbank, dazu knallige Farben, Linien und Formen am Boden, die Bahnen und Felder andeuten, bieten einen nicht normierten und vor allem individuell nutz- und veränderbaren Raum.