Musikvermittlung Kommt und hört!

Auch Jazzfestivals suchen nach neuen Konzertformen: der experimentelle Pianist Matthew Bourne spielt beim Südtirol Jazz Festival Alto Adige 2015 mitten in der Sammlung für zeitgenössische Kunst des Museion.
Auch Jazzfestivals suchen nach neuen Konzertformen: der experimentelle Pianist Matthew Bourne spielt beim Südtirol Jazz Festival Alto Adige 2015 mitten in der Sammlung für zeitgenössische Kunst des Museion. | Foto: Ralf Dombrowski

Musik, die sich nicht selbst erklärt, ist ein Problem, denn sie braucht Spezialisten, die diese Aufgabe übernehmen. Musik, die nicht von selbst Publikum anlockt, ist eine noch größere Herausforderung, denn ohne Zuhörer bleibt sie für sich. Über Musikvermittlung wird zurzeit viel diskutiert, viel wird ausprobiert. Ein Überblick.

Dass die Klassische Musik in einer Krise stecke, ist seit geraumer Zeit im Musikbetrieb flächendeckend Konsens, ebenso wie die weitergehende Aussage, dass die Krise nicht eine der Musik, sondern vor allem eine der Aufführungsform des Konzerts sei. Die Suche nach einem Ausweg habe also an der Veränderung der Aufführungskultur anzusetzen. Im Musikbetrieb hat das zu einer Vielzahl von Initiativen, Publikationen und mehr oder weniger weitreichenden Neuerungen in der Gestaltung der Konzertsituation geführt – und hier und da auch schon zu Überdruss. Grundsätzliche Bedenken kulminieren in der Befürchtung, dass ausufernde Vermittlungsbemühungen die Musik selbst verändern könnten („Musikvermittlungsmusik“) und dass die Überbetonung der Vermittlungsidee komplexe Musik entwerten beziehungsweise mit einer „Leichtigkeitslüge“ (Holger Noltze) überziehen könnte.

Konzertsaal in der Krise

Solche Bedenken sind insofern nicht ganz von der Hand zu weisen, als Musik selbst, wie etwa der Musikjournalist Martin Hufner anmerkt, ein Vermittlungsorgan eigener Art sei und die Abtrennung der „Vermittlung“ von der „Musik“ und ihre nachträgliche pädagogische oder didaktische Wiederzusammenführung auf ein Problem verweise, es aber nicht löse. Das Problem besteht aber offensichtlich nicht allein darin, dass die Konzertsaal-Situation weitgehend in den ritualisierten Gepflogenheiten des späten 19. Jahrhunderts stehen geblieben ist. Wenn man die Kleiderordnung beiseitelässt – die sich in den letzten Jahren stark liberalisiert hat –, dann bleibt von der Konzertsituation vor allem die räumliche Anordnung, die in einem Saal ihren Ort hat und die frontal und statisch geformt ist. Daran ändert auch etwa eine vorgeschaltete (vermittelnde) Einführungsveranstaltung nichts.

Antworten der Komponisten

Gleichwohl ist die klassische Konzertsituation mit ihren rituellen, räumlichen und sozialen Komponenten in die Kritik geraten. Und diese Kritik ist durchaus nicht immer von außen, also etwa von interessierten Pädagogen, in den Betrieb hineingetragen worden, sondern hat sich in der Musik selbst artikuliert. Seit Mitte des 20. Jahrhundert haben immer mehr Komponisten in ihren Arbeiten zugleich alternative Aufführungssituationen entworfen. Sie haben alternative Räumlichkeiten gewählt oder sogar konstruiert wie Iannis Xenakis mit dem Philips-Pavillon bei der Brüsseler Weltausstellung 1958. Sie haben Außenräume und konzertfremde Orte bespielt wie am radikalsten wohl Karlheinz Stockhausen mit seinem zum ersten Mal 1996 aufgeführten Helikopter-Streichquartett. Sie haben im Saal die konfrontative Anordnung zwischen Podium/Bühne und Publikum verändert, das Publikum beispielsweise mit Musikern umgeben wie beispielsweise Luigi Nono in den 1980er-Jahren mit Prometeo – Tragedia dell’ascolto. Sie haben Konzerte entworfen, bei denen die Aufführung der Musik selbst zu einem szenischen bis musiktheatralen Ereignis wurde, wie am nachdrücklichsten wohl Heiner Goebbels in vielen seiner Konzerte, wobei er sich dabei aber durchaus auf Vorbilder beziehen kann wie den amerikanischen Komponisten Harry Partch.

Education hilft

All diesen Veränderungen der rituellen Konzertsituation ist gemeinsam, dass sie weder erdacht wurden, um für Musik zu werben, noch um beim Publikum die Schwellenangst vorm Konzertsaal zu senken oder um die Rezeption von Musik leichter und zugänglicher für einen breiteren Hörerkreis zu machen. In jedem der exemplarisch angeführten Fälle wie auch in vielen anderen ist die Veränderung der Konzertsituation untrennbarer Bestandteil der Musik selbst. Der aktuelle Musik- und Konzertbetrieb aber hat oft andere als künstlerische Kriterien im Auge. Er geht von dem betriebstypischen Bedürfnis aus, etwas gegen sich verringernde Publikumszahlen zu unternehmen oder, positiv formuliert, der Musik neue Publikumssegmente zu erschließen, vertritt also im engeren Sinne berufsständische und im weiteren Sinne soziale Interessen. Dabei kommt es gelegentlich zu erstaunlich erfolgreichen und beachtenswerten Prozessen und Ergebnissen, für die die Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker und ihr Projekt Rhythm is it! exemplarisch stehen kann oder auch die sozial enorm umtriebige und fantasievolle Arbeit der Opéra de Lyon unter ihrem Intendanten Serge Dorny.

Jeder für jeden

Bei der Wahl der Mittel haben der Konzertbetrieb und die seit etlichen Jahren wachsende Zahl der Musikvermittlungsinitiativen viel von den Komponisten selbst gelernt. Die klassische Konzertsituation wird immer öfter aufgebrochen. Klanginstallationen inszenieren Räume und Landschaftssegmente und ändern Erlebnisweisen. Dem Bedürfnis des Publikums, sich verbal über Musik zu verständigen und zu informieren, entspricht inzwischen eine Vielzahl von Veranstaltungsreihen und Gesprächskonzerten, bei denen etwa Komponisten vor und/oder nach Aufführung ihrer Werke auf der Bühne Rede und Antwort stehen; Pionier könnte hier das Ensemble Modern mit seiner Reihe Happy New Ears gewesen sein, die es seit 1993 in Kooperation mit der Oper Frankfurt betreibt. Die Suche nach neuen Aufführungsräumen und -kontexten ist im Gange, wobei immer öfter auch ein Kontext mit aktueller Popmusik auftritt. Der aktuelle Musikbetrieb bewegt sich, mit vielfältigen Motivationen und in viele Richtungen.
 

Weiterführende Literatur

Holger Noltze: Die Leichtigkeitslüge. Über Musik, Medien und Komplexität. Hamburg (edition Körber-Stiftung) 2010

Martin Tröndle (Hg.): Das Konzert. Neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form. Bielefeld (transcript) 2009

Julia Schröder: Zur Position der Musikhörenden. Konzeptionen ästhetischer Erfahrung im Konzert. Wolke-Verlag (Hofheim a.T.) 2014

Eleonore Büning/Kai Lührs-Kaiser: Das Konzert der Zukunft – die Zukunft des Konzerts. Ludwigshafener Dramaturgien, Band I. Bonn (Weidle Verlag) 2015