Deutsche Einheit Die Suche nach dem Wenderoman

Eugen Ruge, Christa Wolf, Uwe Tellkamp (v.l.);
Eugen Ruge, Christa Wolf, Uwe Tellkamp (v.l.); | Foto (Montage): © privat, Archiv Gerhard Wolf, Sven Döring/Suhrkamp Verlag

„Immer wieder machen Schriftsteller in ihren Büchern die Wiedervereinigung zum Thema. Das Etikett „Wenderoman“ weisen viele von ihnen dennoch zurück.

Kruso sei kein Wenderoman, versicherte der Schriftsteller Lutz Seiler im Herbst 2014, als er für dieses Werk den Deutschen Buchpreis erhielt. Tatsächlich dringen die historischen Ereignisse der deutschen Wiedervereinigung in Seilers 1989 spielende Geschichte nur von Ferne ein: durch ein Radio, das am äußersten Rand der DDR auf der Insel Hiddensee steht, wo sich eine Gruppe von Menschen jenseits von Staatsfragen in einer poetischen Utopie eingerichtet hat.

Seilers Zurückweisung des Begriffs „Wenderoman“ mag aber auch darin begründet sein, dass sich heute, ein Vierteljahrhundert nach den Ereignissen, ein Paradigma der Literaturkritik umgekehrt hat: Aus der vielfach wiederholten Forderung „Wo bleibt der Wenderoman?“ ist inzwischen die Gewissheit geworden, dass es schon sehr viele Wenderomane gibt. Man könnte sogar behaupten, dass die meisten deutschsprachigen Schriftsteller von Rang sich doch auf die eine oder andere Weise dem Thema genähert haben, wenn auch oft mit einer ähnlichen Skepsis vor dem Etikett wie Seiler.
 

Lutz Seiler über „Kruso“

Wenn es also eine Skepsis gegenüber dem Begriff „Wenderoman“ gibt, stellt sich umso mehr die Frage, was er eigentlich meint. Dass die literarische Auseinandersetzung mit der Wende mehr sein sollte als eine sprachliche Chronik der schnell zu ikonischen Fernsehbildern geronnenen kollektiven Erinnerung, ließ manche Autoren gerade in den frühen 1990er-Jahren zu der Ansicht gelangen, sie sei besser im Essay oder im Tagebuch zu leisten. Wenn Schriftsteller sich dem Thema doch fiktional näherten, dann wählten viele eine Poetik der Leerstellen und der Verrätselung: Die Wende als „Nicht-Ereignis“ in Romanen, die die Umbruchszeit aber doch zum Thema haben, hat jedenfalls schon vor Kruso eine gewisse Tradition, von Monika Marons Stille Zeile Sechs (1991), in dem eine kritische Historikerin die Memoiren eines Altkommunisten schreibt, über Reinhard Jirgls formal und chronologisch schwierige Geschichte eines durch die deutsche Teilung getrennten Bruderpaars in Abschied von den Feinden (1995) bis zu Sven Regeners Roman Herr Lehmann (2001), der zwar im Herbst 1989 spielt, aber fast nur in Kneipen in Berlin-Kreuzberg.

Hanebüchene Alternativgeschichte zum Mauerfall

Thematisierte die Literatur doch einmal direkt die Nacht des 9. November 1989, musste sie mit scharfer Kritik rechnen: So erkannte Volker Hage, Kulturredakteur beim Magazin Der Spiegel, in Thomas Hettches Kurzroman Nox (1995), der darin etwa einen Ost und West vereinigenden Oralsex beschreibt, nur „die plumpe Vermengung von Geschlechts- und Maueröffnungen“. Auf satirische Weise versuchte eine solche Vermengung auch Thomas Brussigs zum Bestseller avancierter Roman Helden wie wir (1995), dessen schelmenhafter Erzähler eine hanebüchene Alternativgeschichte des Mauerfalls erzählt.

Als „große Wenderomane“ wurden von der Kritik zumeist eher jene als Panorama angelegten Werke gefeiert, die im Grunde eine ganze oder zumindest weit ausgreifende Geschichte der DDR mitlieferten, so wie Michael Kumpfmüllers Hampels Fluchten (2000), Uwe Tellkamps Der Turm (2008) oder Eugen Ruges In Zeiten des abnehmenden Lichts (2011).

Andererseits wurde der Begriff des Wenderomans auch oft als bloße Wunschvorstellung von Literaturkritik und Werbeabteilungen der Verlage kritisiert. Er sei zudem salopp und missverständlich, weil er oft nur die Nachwendeliteratur bezeichne und solche Literatur, welche die Wende womöglich mit herbeigeführt hat, ausklammere: Die Rede von der „geistig-ideologischen Wende“ sei schließlich schon innerhalb der späten DDR entstanden.

Eine „ostdeutsche Männerangelegenheit“?

Mit einer zunehmenden Historisierung des Gegenstandes fragte man bald auch, von wem eigentlich Wenderomane geschrieben werden. Man kann zwar mit Blick auf Namen wie Jurek Becker, Wolfgang Hilbig, Clemens Meyer, Ingo Schulze, Uwe Tellkamp und Lutz Seiler den Eindruck haben, der Wenderoman sei „eine ostdeutsche Männerangelegenheit“, so der Literaturkritiker Andreas Platthaus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Doch im mittlerweile sehr weiten Feld dieser Romane lassen sich zahlreiche Gegenbeispiele finden, von denen die Werke von Christa Wolf, Monika Maron, Julia Schoch, Kathrin Aehnlich, Peter Schneider, Ernst-Wilhelm Händler, Jan Böttcher, Sven Regener und Günter Grass nur einen Bruchteil darstellen. Sogar fremdsprachige Bücher wie Nicholas Shakespeares Snowleg (2004) kann man zu den Wenderomanen zählen.

Während also immer neue Wenderomane entstehen und besonders zu den Gedenkjubiläen wohl auch weiter entstehen werden – 2014 beziehungsweise 2015 erschienen etwa André Kubiczeks Der kurze Sommer der Anarchie und Peter Richters 89/90 –, sind Tendenzen nur schwer auszumachen. Gerade wenn man meint, von der stärker durch ideologische Debatten geprägten Frühzeit eine Entwicklung zum leichteren, auch popliterarischen Ton zu hören, wird man durch hochpoetische, literatur- wie zeitgeschichtlich überreiche Werke wie eben Kruso eines Besseren belehrt.