25 Jahre Filmfestival Cottbus „Osteuropa bleibt interessant“

„Back Home“ von Inna Denisova
„Back Home“ von Inna Denisova | © Filmfestival Cottbus

Das Filmfestival Cottbus widmet sich seit 1991 dem osteuropäischen Film. Im Interview erklärt der Leiter Bernd Buder, warum das Festival gegründet wurde – und worin heute seine Aufgabe besteht.

Herr Buder, rund 200 Kurz- und Spielfilme aus Osteuropa waren Anfang November 2015 bei der Jubiläumsausgabe des Cottbuser Festivals im Programm. Es waren nicht immer so viele. Wie sah es beim ersten Festivaljahrgang 1991 aus?

Ich hatte neulich den Katalog von damals in der Hand: Es waren acht Filme. Die Zahl stieg dann aber relativ schnell rapide an. Neben dem Wettbewerb kamen weitere Reihen hinzu. Früh war der Wille erkennbar, Osteuropa umfänglich auf der Leinwand abzubilden.

Osteuropa kann man unterschiedlich definieren – geografisch, aber auch politisch.

Wir definieren es noch immer so wie in den Anfangstagen des Festivals: Osteuropa, das sind für uns die ehemals sozialistischen Länder. Deshalb zeigen wir beispielsweise keine Filme aus Griechenland, aber aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in Zentralasien.

Gesellschaftliche Veränderungen reflektieren

Das Filmfestival Cottbus wurde im zweiten Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer ins Leben gerufen. Welcher Gründungsgedanke stand dahinter?

Bernd Buder Bernd Buder | Foto (Ausschnitt): © Filmfestival Cottbus Das waren zwei Ideen: Zum einen gab es die Angst, dass der osteuropäische Film von der Leinwand verschwinden könnte. Das sollte mit dem Festival verhindert werden. Zum anderen wollten wir zeigen, wie die Filmemacher in Osteuropa die Veränderungen, die in ihren Gesellschaften absehbar waren, reflektieren und kommentieren. Diesen Anspruch hat das Festival bis heute.

Beim ersten Festival 1991 hatten gerade die sogenannten Jugoslawienkriege begonnen. Wie hat das Filmfestival Cottbus die Konflikte in Ex-Jugoslawien in den darauffolgenden Jahren begleitet?

Wir konnten immer eine Bühne bieten für die Filmemacher aus Ländern, die sich teilweise feindlich gegenüber standen. Ich glaube, ein neutraler Ort wie unser Festival ist sehr gut dafür geeignet, sich zu begegnen, ohne wirklich politisch Stellung beziehen zu müssen. Wir sind jedenfalls stolz darauf, dass wir dieses Forum bieten können. Eines unserer wichtigsten Ziele ist es, einen Dialog zu ermöglichen und ihn auch zu forcieren.

Wie hat sich nach dem Zerfall Jugoslawiens die Filmproduktion in den neu gegründeten Staaten entwickelt?

Anfangs war in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens das Bemühen da, sehr national zu denken. Auch die Filmförderung war entsprechend politisch gesteuert. Man hat versucht, sich voneinander abzugrenzen: Es war die Rede vom kroatischen Film, vom serbischen Film, vom mazedonischen Film. Seit mehr als zehn Jahren ist aber der Wille da, miteinander zu arbeiten. Es gibt unglaublich viele Koproduktionen – und die Filme bedienen ja auch einen gemeinsamen Markt. Einen Film alleine für das kroatische Publikum zu produzieren – ein Land mit vier Millionen Einwohnern –, würde sich nicht rechnen, selbst bei einem kommerziellen Film. Es besteht also auch ein ökonomischer Zwang zur Zusammenarbeit. Dennoch gibt es natürlich Unterschiede: Der serbische Film neigt zur schwarzen Komödie, der kroatische hat eher eine literarische Tradition – das war auch früher schon so.

Stellung beziehen durch Filme

Nicht nur in den Ländern Südosteuropas hat es in den vergangenen Jahren Kriege und Konflikte gegeben, sondern etwa auch in Georgien oder auf der Krim. Wie schwierig ist es, in solchen Situationen überhaupt noch Filme zu produzieren?

Unglaublich schwierig. In der Ukraine etwa ist zwar der Wille da, Filme zu machen, um die Geschehnisse in Echtzeit zu reflektieren, es gibt aber kaum Geld für solche Produktionen. Die Filmemacher müssen in anderen Ländern nach Koproduzenten suchen. Das wiederum ist schwierig, weil niemand weiß, wie es weitergeht. In der Ukraine sind Regisseure während der Dreharbeiten in die Armee eingezogen worden.

Nimmt das Festival Stellung zu den politischen Konflikten in Osteuropa oder bleiben Sie bewusst neutral?

Wir beziehen Stellung durch die Auswahl der Filme im Programm. Wir haben in diesem Jahr zum Beispiel den Film Back Home gezeigt. Darin setzt sich die in Simferopol geborene Filmemacherin Inna Denisova, die jetzt in Moskau lebt, sehr kritisch mit der Annexion der Krim auseinander. Sie zeigt, wie sich der Alltag, die politische Kultur und die gesamte Atmosphäre dort seither verschlechtert haben – gerade für Menschen, die etwas freier denken. Dass wir diesen Film überhaupt zeigen, ist schon ein Statement.

Wie soll sich das Festival in den nächsten Jahren weiter entwickeln, was ist Ihre Vision?

2016 wollen wir mit unserer Sektion Fokus untersuchen, welche Spuren der Sozialismus außerhalb von Europa hinterlassen hat. Es gab enge Verbindungen von osteuropäischen Filmhochschulen nach Kuba, Angola, Mosambik oder Vietnam. Filmemacher von dort haben auch in Moskau oder an der Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg studiert. Wir starten 2016 mit Kuba: Dort stehen politische Veränderungen an, die wahrscheinlich auch die Gesellschaft verändern werden. Aber wir wollen natürlich unser eigentliches Territorium nicht aus den Augen verlieren: Osteuropa bleibt interessant. Die Gesellschaften dort verändern und bewegen sich weiter – und das noch immer vor dem Hintergrund ihrer sozialistischen Geschichte.