Donaueschinger Musiktage 2016 Avantgarde denken!

Die Uraufführung in der Christuskirche von Joanna Bailies "Music from Public Places" mit dem SWR Vokalensemble und dem Améi Quartett
Joanna Bailies "Music from Public Places" in der Christuskirche | Foto ⓒ SWR / Ralf Brunner

Die Fußstapfen sind groß: Björn Gottstein ist neuer Leiter der Donaueschinger Musiktage – als Nachfolger des verstorbenen Armin Köhler, der das Festival seit dem Jahr 1992 leitete. Es ist ein Amt mit Erbe, aber auch mit Perspektiven.

Die Instrumente des Schweizer Trios Steamboat Switzerland – Hammond-Orgel, E-Bass und Drumset – sind keine Instrumente der Neuen Musik, sondern im Soul, Funk oder Rock beheimatet. Doch in Bernhard Ganders Cold Cadaver with Thirteen Scary Scars werden sie mit den klassischen Instrumenten des Klangforums Wien kombiniert. Dieses Zusammenspiel macht bei den Donaueschinger Musiktagen im Mozartsaal der Donauhallen Eindruck: Die Sechzehntelketten werden von Nachschlägen gehärtet und über die Bühne gejagt – von der Hammondorgel zu den Streichern und wieder zurück. Selbst der Beginn von Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie gerät in diesen Sog und wird vom Komponisten kunstvoll verhackstückt. Das ist körperliche, sinnliche Musik, die eher den Bauch anspricht als den Kopf. Musik, die Genregrenzen überschreitet. 

Neue Leitung, Erste Richtungen

In Auftrag gegeben wurde die Komposition von Festivalleiter Björn Gottstein. Wegen des Todes seines Vorgängers Armin Köhler im Jahr 2014 musste der Neue-Musik-Redakteur von SWR2 die Nachfolge drei Jahre früher als geplant übernehmen. Im Festivaljahr 2016 bestehen noch 60 Prozent des Programms aus den Kompositionsaufträgen Köhlers, erst im nächsten Jahr ist Gottstein für die gesamte Festivalplanung verantwortlich. „Mein Fazit ist durchaus positiv. Mir haben zwei Dinge besonders gut gefallen: die stilistische Vielfalt und das hohe Darbietungsniveau. Beides ist für Donaueschingen maßgebend“, sagt er auf der Abschlusspressekonferenz. Bereits Köhler, der das international renommierteste Festival für zeitgenössische Musik seit dem Jahr 1992 leitete, hatte die Musiktage stilistisch geweitet und einem größeren Publikum zugänglich gemacht. 

Gottstein will diese Öffnung weiterführen und noch verstärken. Jedoch: „Ich möchte die Musiktage nicht auf den Kopf stellen. Letztlich soll sich das Festival wandeln, und zwar gemeinsam mit der Musik. Die Neue Musik ist in einem Wandlungsprozess, wir haben andere Künstlertypen, andere Partiturformen, andere Konzertformen und andere technische Voraussetzungen als noch vor zehn oder 20 Jahren.“ 

Dabei sieht er sich nicht als Meinungsmacher – das traditionelle Vorwort des Festivalleiters im Programmheft hat er gestrichen. Doch dass Gottstein für eine Lecture ausgerechnet den konservativen englischen Philosophen Roger Scruton (On Zukunftsmusik) eingeladen hatte, der die Avantgarde als Sackgasse bezeichnet, wird nicht nur auf der Pressekonferenz heftig kritisiert. 

Avantgarde in der Diskussion 

Auch ein Werk wie Joanna Bailies Music from Public Places wäre vor Jahren in Donaueschingen kaum denkbar gewesen. Das vom SWR-Vokalensemble und dem Améi Quartett unter der Leitung von Marcus Creed zum Leben erweckte, tonal verankerte Stück kombiniert in der Christuskirche Klänge von Chor und Streichern mit Vogelgezwitscher und Glocken vom Zuspielband. Die meisten der eher sperrigen Werke wurden noch von Armin Köhler programmiert – etwa Rebecca Saunders hochdifferenzierte, fragile Komposition Skin für Sopran (Juliet Fraser) und 13 Instrumente. Das Streichquartettkonzert generiert eher experimentelle Klänge und elektronische Vielfalt: Gemeinsam mit dem fulminanten Calder Quartet präsentiert das IRCAM Paris, ein Forschungsinstitut im Bereich Akustik und Musik, neue Werke von Daniel Wohl, Peter Eötvös und auch Nathan Davis – seine Komposition Echeia beginnt mit tonlosem Streichen auf dem Holz der Instrumente. 

Unter den 17 Uraufführungen findet man Humorvolles, wenn etwa das Freiburger „ensemble recherche“ in Peter Ablingers Die schönsten Schlager der 60er und 70er Jahre verschollenes – im Programmtext als „Sondermüll“ bezeichnetes – Liedgut wiederentdeckt und durch den Neue-Musik-Häcksler schickt. Mit zehn verschiedenen Aufführungsstätten wird die ganze Stadt bespielt. Auch die Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen deutsch-französischen Kaserne ist mit dem Radioprojekt Good Morning, Deutschland Festivalort. 

Mit Spannung erwartet, aber durchwachsen

Das mit Spannung erwartete Debüt des fusionierten SWR-Symphonieorchesters fällt durchwachsen aus. Besonders beim Eröffnungskonzert in der Baar-Sporthalle vermisst man Präzision und Homogenität. Den stärksten Eindruck hinterlässt James Dillons klangsinnliches The Gates für Streichquartett und Orchester. Aus dem Zusammenwirken des Arditti String Quartet mit dem SWR-Symphonieorchester schafft der Brite inspirierte Dialoge. Das Orchester, das im Augenblick über 175 Mitglieder verfügt, spielt die beiden Konzerte mit ganz unterschiedlichen Besetzungen. Der Orchesterpreis, den das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg seit 2005 der besten Komposition des jeweiligen Jahrgangs verlieh, wird nicht mehr verliehen. „Da es unser Orchester nicht mehr gibt, gibt es auch den Preis nicht mehr“, sagt der Freiburger Orchestervorstand Peter Bromig. Wenn es ihn noch gäbe, wäre Georg Friedrich Haas’ neues, klangsinnliches Posaunenkonzert (Solist: Mike Svoboda) der aussichtsreichste Kandidat dafür. Es erntet großen Applaus am Ende der Donaueschinger Musiktage 2016.