Modelabel People Berlin Streetstyle mit Mehrwert

People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models
People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models | Fotos © Sebastian Mayer

Ayleen Meissner und Eva Sichelstiel machen Mode – gemeinsam mit Jugendlichen, die zum Teil auf der Straße leben, Drogenprobleme haben oder aus anderen Gründen in Schwierigkeiten stecken. Für die Designerinnen geht es darum, offen für alle Ideen, Eindrücke und Gedankenblitze zu sein.

Die schwarze Hose aus edlem Stoff hat zwei farblich exakt abgesetzte Löcher an den Knien, für mehr Freiheit. Der kornblumenblaue Sommerhut mit großem Schirm lässt eine Aussparung am Kopf frei, und das minimalistische Bikini-Oberteil ist auf ein Shirt mit langen Ärmeln gestickt. Die Edition Schnee im Sommer des Berliner Modelabels People Berlin ist ein stilbewusstes Spiel mit Codes, verschiebt Normen und weicht in pointierten Details von üblichen Mustern ab. Aber People Berlin ist noch mehr. „Jedes Kleidungsstück, jedes Accessoire, erzählt eine ganz eigene Geschichte und hat einen sozialen Mehrwert“, sagt die Designerin Eva Sichelstiel. Anfang 2015 hat sie mit ihrer Kollegin Ayleen Meissner das Label People Berlin gegründet. Seither machen die beiden Designerinnen Mode mit Jugendlichen, die zum Teil auf der Straße leben, Drogenprobleme haben oder aus anderen Gründen in Schwierigkeiten stecken.

Jenseits der Logik: Collagen für die dritte Edition

Die Arbeit an der dritten Edition hat gerade begonnen. Eva Sichelstiel beschreibt den Arbeitsprozess: „Wir experimentieren mit Ideen, Materialien, Formen und Farben und entwickeln daraus ein Konzept, Entwürfe und Schnitte.“ In der Produktionsphase wird dann mit Hochdruck genäht, gewebt und gestickt. Es sind Abläufe wie bei jedem anderen Modelabel auch, nur dass bei People Berlin nicht im üblichen Fast-Fashion-Tempo gearbeitet wird. Denn vom Konzept bis zur fertigen Edition vergeht fast ein Jahr.

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  • People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models Fotos © Sebastian Mayer
    People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models
  • People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models Fotos © Sebastian Mayer
    People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models
  • People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models Fotos © Sebastian Mayer
    People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models
  • People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models Fotos © Sebastian Mayer
    People Berlin | Makeup: Artur Galeno/ Laura Sanson | Models: Lucy und Margaryta | Viva Models
  • People Berlin | Entwurf Fotos © Sebastian Mayer
    People Berlin | Entwurf
  • People Berlin | Entwurf Fotos © Sebastian Mayer
    People Berlin | Entwurf


Das Thema der neuen Kollektion steht noch nicht fest, „Rebellion“ ist eine Option. Zum Ideen-Workshop trifft sich das Team im „Drugstop“, einem Backsteinbau in Berlin-Lichtenberg, den der soziale Träger Karuna e. V. betreibt. Die Jugendlichen können dort essen, duschen – und bei Projekten mitmachen, die sie auf dem Weg in ein besseres Leben unterstützen. People Berlin ist eines davon. Ein langer Tisch, beladen mit Mode- und Lifestyle-Magazinen. Eva Sichelstiel verteilt Scheren und Klebstoff. In der Woche zuvor hat das Team eine Surrealismus-Ausstellung besucht. Jetzt sollen die Jugendlichen Collagen kleben, die sich jeder Logik entziehen. „Wenn mich meine Mutter jetzt sehen könnte …“, murmelt Nico* und sucht nach einem riesengroßen Hut für seine Collage. Ella, sorgfältig geschminkt, fällt es heute schwer, kreativ zu sein. Die Löcher in ihrer Strickjacke – ist das der angesagte Destroyed-Look? „Nö, die haben meine Ratten reingefressen“, erklärt die 17-Jährige lässig und streichelt ihren Hund, der ihr auf Schritt und Tritt folgt. Steven klebt eine Figur mit drei Beinen und erzählt, dass er letzte Nacht einen guten Schlafplatz in der Uni gefunden hat. Manuel neben ihm produziert Collagen in Serie und hält einen leidenschaftlichen Vortrag über Weltreligionen.

So viel Elan, so viel Frust

Für die Designerinnen geht es darum, offen für alle Ideen, Eindrücke und Gedankenblitze zu sein und dann den roten Faden zu finden, der alles zu einer Kollektion verbindet. Eva Sichelstiel: „Wir möchten jedem eine Stimme geben im Design.“ Ihr Lieblingsstück aus der vergangenen Edition ist eine gewebte Hose. „Wir haben den Stoff dafür selbst hergestellt, jeder im Team hat an diesem Teil mitgearbeitet. Da steckt so viel Elan und auch so viel Frust drin! Denn manchmal dachten wir, das wird nie eine Hose.“

 

Eva Sichelstiel über People Berlin
Eva Sichelstiel spricht über das Label People Berlin


Höhepunkt und Abschluss jeder Kollektion ist der Verkauf in einem Pop-up-Store im Szene-Bezirk Mitte. Dabei treffen die jungen Modemacher, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist, auf Leute, die 300 Euro für ein ungewöhnliches Kleidungsstück ausgeben können. Diese Begegnungen helfen, Sichtweisen zu öffnen und Vorurteile abzubauen – „auch die der Jugendlichen“, wie Eva Sichelstiel betont.

Neue Mode, neues Leben

Mode wird bei People Berlin zu einem Medium, das soziale Anliegen in der Gesellschaft platziert. Im Designprozess mit all seinen Fortschritten und Rückschlägen können die Jugendlichen lernen, ein Ziel im Blick zu behalten und Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu entwickeln. So lassen sich die üblichen Mode- und Lebensmuster durchbrechen, Neues entsteht. Eva Sichelstiel erzählt von Jugendlichen, die an der letzten Edition mitgearbeitet haben: „Ein Mädchen, deren Entwürfe sehr grafisch waren, macht jetzt eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Ein Junge, der immer sehr akkurat gearbeitet hat, wird Maurer.“

Für die innovative Vermittlung von Kunst und Kultur erhielt People Berlin 2015 den Preis der Bundesregierung für Kulturelle Bildung. Eva Sichelstiel und Ayleen Meissner haben Mode in Pforzheim studiert und dann einige Jahre in Herstellung, Design und PR gearbeitet. „Für uns hat sich schnell die Frage nach dem Sinn gestellt“, sagt Eva Sichelstiel. „Wir wollten nicht Teil einer immer schneller laufenden Maschinerie sein.“ Sie entwickelten das Label People Berlin und finanzieren es mithilfe der VW-Mitarbeiterstiftung. Mit Spaß am Experiment und handwerklicher Professionalität erweitern sie seither die Vorstellung von dem, was Mode sein kann.
 
* Die Namen der im Text genannten Jugendlichen sind geändert.