Bildung im Ländervergleich Vom Pisa-Schock erholt

Im Unterricht
Im Unterricht | Foto (Ausschnitt): © Kuzmichstudio/iStock

Das deutsche Schulsystem steht heute besser da als bei Erscheinen der ersten Pisa-Studie 2001. Doch mit der Digitalisierung wartet schon die nächste Herausforderung.

Es war ein Schock mit Ankündigung. „Sitzen geblieben“, titelte die Wochenzeitung Die Zeit schon eine Woche bevor die Ergebnisse der ersten Internationalen Schulleistungsstudie der OECD veröffentlicht wurden. Im Dezember 2001 war es dann soweit: „Viele Schüler auf dem untersten Niveau“, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die Pisa-Studie, ihre Leistungen seien im internationalen Vergleich „weit unterdurchschnittlich“.

Die Deutschen waren erschüttert, hatten sie doch geglaubt, über ein herausragendes Bildungssystem zu verfügen. Und dann das: Beim Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften landeten ihre Kinder auf den hinteren Plätzen, konkret: zwischen Rang 19 und 25 von 32 Teilnehmerstaaten. Getestet wurden Neuntklässler, und die taten sich besonders mit anspruchsvollen Aufgaben schwer, bei denen es um das Reflektieren, Bewerten und Anwenden von Wissen ging. Noch in den 1960er-Jahren sei Deutschland „absoluter Spitzenreiter“ bei der Bildung gewesen“, sagte Pisa-Koordinator Andreas Schleicher mit Blick auf die Ergebnisse. „Das geht seitdem langsam runter.“ In den Jahren nach dem Pisa-Schock musste Schleicher viel Kritik ertragen. Politiker forderten seine Entlassung und warfen ihm vor, er wolle sich zum Retter der deutschen Schulen stilisieren.

Mehr Abiturienten und Studienanfänger

Schleicher war es aber auch, der – inzwischen als OECD-Bildungsdirektor – Deutschland im September 2016 bescheinigte, sein Bildungssystem wie kaum ein anderes Land verbessert zu haben. Deutschland sei noch immer nicht Musterschüler in Sachen Bildung, sagte er bei der Vorstellung des jährlichen OECD-Berichts „Bildung auf einen Blick“, aber es habe sich viel getan. In kaum einem anderen Industrieland gebe es so wenige junge Menschen ohne Ausbildung oder Job. Zudem sei die Zahl der Abiturienten und der Studienanfänger schneller gewachsen als anderswo.

Schon die Pisa-Studien der Jahre 2003, 2006, 2009 und 2012 deuteten an: Deutschlands Bildungssystem hat den Schock verarbeitet, die Schüler sind im internationalen Vergleich leistungsstärker geworden. Zuletzt lagen sie in allen getesteten Fächern im ersten Drittel des Staatenvergleichs. So blicken die deutschen Schulpolitiker denn auch mit etwas Furcht auf die Veröffentlichung des neuen Pisa-Berichts im Dezember 2016. Wird sich der fast schon vertraute Aufwärtstrend fortsetzen? Oder kommt jetzt der Dämpfer?

Zu viele Reformen?

Wie groß die Verunsicherung in Deutschlands Schulen noch immer ist, zeigt die Reaktion auf den Vergleich der Bundesländer, den das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Oktober 2016 veröffentlichte. Ausgerechnet Baden-Württembergs Schüler, in den ersten Jahren nach dem Pisa-Schock stets vorn in nationalen Vergleichstests, schnitten besonders schlecht ab. Daraufhin entbrannte eine Debatte über das vermeintliche „Reform-Wirrwarr“. Angefangen mit der „überstürzten Schulzeitverkürzung“ von 13 auf 12 Jahre, hätten viele erratische Entscheidungen der vergangenen Jahre zum Absturz beigetragen, befand Die Zeit. Der Spiegel forderte: „Bitte keine Experimente!“

Tatsächlich ist die Liste der Reformen lang, die Deutschlands Schulen in den vergangenen 15 Jahren erlebt haben: über den Ausbau der Ganztagsschulen bis hin zum weitgehenden Abschied von der Hauptschule. Das Lehramtsstudium wurde auf das Bachelor- und Mastersystem umgestellt, viele Bundesländer führten das Zentralabitur ein. Und 2017 wollen die Bundesländer sich erstmals aus einem Pool gemeinsamer Abituraufgaben bedienen.

Also genug der Reformen? Haben sie am Ende sogar geschadet? Zumindest behaupten das jene, die beispielsweise die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren durchgesetzt haben, wie in Niedersachsen. Fest steht jedoch: Der erstaunliche Aufschwung des deutschen Bildungssystems in den vergangenen 15 Jahren spricht eher für als gegen die Reformen – nicht für jede einzelne, aber für den dahinter stehenden Eifer. Wie die Debatte weitergeht, wird entscheidend von den Ergebnissen der neuen Pisa-Studie abhängen. 

Weniger Investitionen in die Hochschulen

Genug Baustellen bleiben in jedem Fall. Auch auf sie hat OECD-Bildungsdirektor Schleicher hingewiesen. So habe Deutschland zwar die Bildungsausgaben pro Schüler seit 2008 um zwölf Prozent erhöht, im Bereich der Hochschulen jedoch investiere die Bundesrepublik heute zehn Prozent weniger pro Studierendem. Und auch wenn die Zahl der Abiturienten und Schulanfänger gewachsen ist: Der Anteil der Geringqualifizierten ohne abgeschlossene Berufsausbildung verharrt bei im internationalen Vergleich hohen 13 Prozent.

Die nächste Herausforderung ist auch schon längst da, denn mit ihren digitalen Kompetenzen sind deutsche Schüler nur Mittelmaß. Quelle dieser Erkenntnis: eine internationale Vergleichsstudie. 
 

Fokus Naturwissenschaften – die sechste Pisa-Studie

Die Leistungen 15-Jähriger in Deutschland in den wichtigsten Schulfächern liegen deutlich über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Das ist eines der Ergebnisse der sechsten Pisa-Studie, die Anfang Dezember 2016 vorgestellt wurden. Der Schwerpunkt der Untersuchung lag auf den Naturwissenschaften. Hier blieben die Leistungen deutscher Schüler gegenüber 2006 auf einem ähnlichen Niveau. Beim Lesen verbesserten sich die Leistungen, in Mathematik änderten sie sich kaum. Minuspunkte gab es erneut bei der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in das Schulsystem. Zudem bestätigte die Studie, dass digitale Medien im Unterricht noch zu selten genutzt werden.