Meinung Christoph Butterwegge über Armut

Armut
Armut | Foto (Ausschnitt): © perfectlab/Fotolia

Autoren und Vertreter des öffentlichen Lebens schreiben für goethe.de/kultur persönliche Beiträge über einen Begriff, der ihr Leben prägt. Der Armutsforscher Christoph Butterwegge findet: Armut entsteht nicht trotz, sondern durch Reichtum.

Hartz IV ist das europaweit bekannteste Symbol für den Um- und Abbau des Sozialstaates und meines Erachtens die markanteste Chiffre für staatlicherseits geförderte Armut. Bei dem 2005 in Kraft getretenen Gesetz handelte es sich um die tiefste Zäsur in der Entwicklung des deutschen Wohlfahrtsstaates nach 1945: Zum ersten Mal wurde damit eine für Millionen Menschen existenziell wichtige Lohnersatzleistung, die Arbeitslosenhilfe, abgeschafft und durch eine bloße Fürsorgeleistung, das Arbeitslosengeld II, ersetzt. Letzteres liegt für Singles fast überall in Deutschland unter der EU-offiziellen Armuts(risiko)grenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens.

Die nach dem damaligen Volkswagen-Manager Peter Hartz benannte Reform hat das Armutsrisiko von Erwerbslosen und ihren Familien, aber auch von prekär Beschäftigten spürbar erhöht und einschüchternd auf weitere Bevölkerungskreise gewirkt: Belegschaften, Betriebsräte und Gewerkschaften sahen sich unter dem Damoklesschwert von Hartz IV genötigt, prekäre Beschäftigungsbedingungen und sinkende Reallöhne zu akzeptieren. Der fast ein Viertel aller Beschäftigten umfassende Niedriglohnsektor ist heute das Haupteinfallstor für Erwerbs- und spätere Altersarmut. 

„Warme Milch gegen den Hunger“

Persönlich sehr berührt und tief geschockt hat mich der Bericht einer Kleinstrentnerin über ihren Alltag. Die Witwe eines Druckereibesitzers aus München schilderte in einer Livesendung, bei der ich im Studio des Radiosenders saß, wie sie abends – um Strom zu sparen – im Dunkeln vor einem Glas warmer Milch sitzt, weil ihre Oma ihr im Kindesalter erzählt hat, dass man den Hunger nicht spürt, wenn man warme Milch trinkt. München – das ist die Stadt, in der beispielsweise BMW seinen Sitz hat. Die Firmenerben Susanne Klatten und Stefan Quandt erhielten für 2016 nicht weniger als 1,074 Milliarden Euro an Dividenden aus ihren Aktien.

„Armut entsteht nicht trotz, sondern durch Reichtum“

Christoph Butterwegge Christoph Butterwegge | Foto (Ausschnitt): © Wolfgang Schmidt Armut ist nicht aus sich heraus, sondern nur im Kontext ihres begrifflichen Pendants, des Reichtums, zu verstehen. Daher kann man sagen: Wer vom Reichtum nicht sprechen will, sollte auch von der Armut schweigen! Anders formuliert: Gäbe es keine riesigen Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen den Menschen, würde man zumindest in einem reichen Land wie der Bundesrepublik auch niemanden arm nennen können. Armut entsteht folglich nicht trotz, sondern durch Reichtum.

Bertolt Brecht hat es 1934 in einem Gedicht so ausgedrückt: „Armer Mann und reicher Mann / standen da und sah’n sich an. / Und der Arme sagte bleich: / Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Diese Feststellung gilt auch heute noch: Wenn in einer Finanzkrise mehr Menschen ihr Girokonto überziehen und hohe Dispozinsen zahlen müssen, werden diejenigen noch reicher, denen die Banken gehören. Und wenn in einer Wirtschaftskrise mehr Menschen beim Lebensmittel-Discounter einkaufen (müssen), werden die Unternehmerfamilien noch reicher, denen Ketten wie Aldi und Lidl gehören und die ohnehin zu den Reichsten im Land gehören.

„Erniedrigt, gedemütigt, entrechtet“

Armut ist weltweit sehr unterschiedlich ausgeprägt, aber sie hat einen gemeinsamen Kern. Man unterscheidet zwischen absoluter, extremer oder existenzieller Armut einerseits sowie relativer Armut andererseits. Absolut arm ist, wer seine Grundbedürfnisse nicht zu befriedigen vermag, wem also Nahrungsmittel, sicheres Trinkwasser, eine den klimatischen Bedingungen angemessene Kleidung, ein Dach über dem Kopf oder eine medizinische Basisversorgung fehlen. Relativ arm ist, wer sich mangels finanzieller Ressourcen nicht oder nur in unzureichendem Maße am gesellschaftlichen Leben beteiligen kann und den üblichen Lebensstandard weit unterschreitet. Ein deutscher Hochhausbewohner, der Hartz IV bekommt, erlebt Armut mit Sicherheit ganz anders als ein Hüttenbewohner der Dritten oder Vierten Welt. Gemeinsam ist beiden die bedrückende Grunderfahrung, erniedrigt, gedemütigt und entrechtet zu sein.

Christoph Butterwegge

war bis 2016 Professor für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Sozialpolitik und den Ursachen und Folgen von Armut. 2017 nominierte ihn die Partei Die Linke als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. 

 

Autoren und Vertreter des öffentlichen Lebens schreiben für goethe.de/kultur persönliche Beiträge über einen Begriff, der ihr Leben prägt.

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