Neues aus dem Haus!

Abschied von Bukarest

Die Zeit fliegt! Es scheint noch gar nicht lange her, dass Frau Dr. Evelin Hust ihre Stelle als Institutsleiterin des Goethe-Instituts Bukarest angetreten hat. Doch schon ist die Zeit gekommen, dass sie nach Budapest weiterzieht, um die Leitung des dortigen Goethe-Instituts zu übernehmen.
 
Wenn Sie sich in den Juni 2015 zurückversetzen: Was waren Ihre ersten Eindrücke von Bukarest und was hat Sie an Rumänien besonders gereizt?

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© Iulia Mizgan
Ich war sehr fasziniert von der Atmosphäre, die mich stark an Berlin in den frühen 1990er Jahren erinnert hat – eine Lässigkeit, ein buntes Gemisch unterschiedlichster spannender Orte und Architekturen, ein kreatives Chaos. Ich war sofort begeistert von den vielen kleinen Kneipen in Hinterhöfen, den Keller-Bars und den zahlreichen anderen alternativen Plätzen für Kultur. Die Stadt empfand ich als angenehm lebendig und Laissez-faire.
An Rumänien hat mich besonders interessiert, dass es kulturell auf der Verwerfungslinie zwischen Ost und West liegt - also zwischen dem christlichen Abendland und der historisch vom osmanischen Reich beeinflussten Sphäre. Hinzukommt, dass das Goethe-Institut hier nicht nur für unsere Arbeit in Rumänien, sondern auch in der Republik Moldau zuständig ist – und somit neben einem Land in der EU mit einem postsowjetisch geprägten Land betraut ist. Das ist unglaublich reizvoll, denn trotz des Bindegliedes der gemeinsamen Sprache gibt es natürlich immense Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Überhaupt hat mich an Rumänien sehr der Pluralismus begeistert – nicht zuletzt durch die Präsenz der Minderheiten und die unterschiedlichen Regionen ist das Land kulturell und landschaftlich sehr vielfältig.
 
Was bedeutet es für Sie persönlich, wenn man alle fünf Jahre das Institut und damit auch das Land wechselt?
 
Es ist immer eine Herausforderung, einen Ort, der mehrere Jahre das zu Hause war, zu verlassen, um in eine neue Umgebung zu gehen. Ich empfinde das aber immer noch als sehr positiv und stimulierend. Das Besondere an Rumänien war für mich, dass ich bis dahin wenig persönliche Erfahrungen in Osteuropa hatte. Ich habe mich privat und beruflich lange Zeit in Indien aufgehalten, und während meiner Schulzeit, die zeitgleich mit der Wende 1989 endete, bin ich in Westeuropa gereist. So war sehr vieles neu für mich – denn angelesenes Wissen gewinnt oft erst am Ort richtig an Bedeutung, bzw. wird dort viel greifbarer. Aber das Befriedigende ist, dass man dann in sehr kurzer Zeit unheimlich viel lernt und man sich oft gar nicht mehr vorstellen kann, was man alles nicht wusste -  denn nach kurzer Zeit ist es schon so selbstverständlich! 

Was waren Ihre Vorsätze als neue Institutsleiterin in Bukarest?
 
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©Goethe-Institut
Die vorrangige Aufgabe war die Suche nach einer neuen Liegenschaft für das Goethe-Institut – und diese hat mich fast meine gesamte Amtszeit hier auf Trab gehalten! Denn es war natürlich sehr zeitintensiv, aber auch sehr befriedigend – weil es sich wirklich gelohnt hat!
Ansonsten versuche ich zunächst immer die Kultur- und Bildungsszene kennenzulernen, und durch Besuche vor Ort und Gespräche mit möglichst vielen Leuten herauszufinden, wo es interessante Anknüpfungspunkte gibt. In vielen Diskussionen mit den Kolleg*innen am Institut legen wir dann fest, wo wir unsere inhaltlichen Schwerpunkte setzen sollten.

Eine lustige Erinnerung?
 
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©Goethe-Institut
Eine lustige und nostalgische Erinnerung betrifft unsere Institutskatze Charlotte - wie viele Tiere, die dem Goethe-Institut zulaufen, nach der Geliebten Goethes benannt. Ich war immer sehr amüsiert, wie alle Kolleginnen (einschließlich meiner selbst) zur Katzenmutti mutierten, wenn Charlotte vorbei lief. Und alle fühlten sich besonders geehrt, wenn sie es sich im eigenen Büro gemütlich machte. Ich glaube, dies ist der einzige Aspekt, in dem wir uns mit dem neuen Institut verschlechtert haben: Charlotte ist leider in der Tudor Arghezi Straße geblieben…
 
Etwas, dass Sie in diesen vier Jahren an der kulturellen Szene in Rumänien sehr beeindruckt hat?

 
Die kulturelle Szene ist unglaublich lebendig und vielseitig – in Bukarest selbst, aber auch in Hinblick auf die anderen Städte wie Cluj, Temeswar, Iasi und viele mehr, die ein jeweils eigenes kulturelles Profil haben oder dabei sind, dieses stärker herauszubilden. Und mich beeindrucken immer wieder die erstklassigen Künstler*innen  und ihre herausragenden Produktionen, die am Puls der Zeit sind. Dies finde ich deshalb so beachtlich, weil die Rahmenbedingungen für zeitgenössische künstlerische Projekte v.a. für die unabhängige Szene, aber selbst für die öffentlichen Kultureinrichtungen, hier doch sehr schwierig sind. Aber es gibt hier einfach einen großen Pool an wirklich talentierten Menschen, die trotz dieser Widrigkeiten tolle Kunst machen und anspruchsvolle Projekte realisieren. Besonders gefreut hat es mich, dass viele dieser Kulturschaffenden enge Beziehungen zu Deutschland pflegen und auch viele Projekte dort oder mit Beteiligten aus Deutschland realisieren können.
 
Wie hat sich die kulturelle Arbeit des Goethe-Instituts in den letzten 4 Jahren verändert?

 
Wir haben sehr bewusst neue Themen aufgegriffen, die über einen längeren Zeitraum aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden, wie z.B. „Kunst und Kultur im digitalen Zeitalter“. Es gibt z.B. seit zwei Jahren einen Fokus auf Gaming, angefangen mit einem Komponisten-Workshop zu Game Music und einem abendfüllenden Game Music Concert, der Ausstellung „Games & Politics“, einem Game Jam etc.  – und wir haben dadurch viele neue Partner gewonnen, von denen wir sehr viel gelernt haben.
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©Goethe-Institut

Grundsätzlich habe ich Spaß daran, neue Inhalte und Formate auszuprobieren, frische Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu bilden. Ein Projekt, das wir in Zusammenarbeit mit anderen  Goethe-Instituten in der Region, EUNIC (Verband der europäischen Kulturinstitute) und zahlreichen lokalen Partnern in Rumänien lanciert haben, ist die Kulturmanagement-Akademie, deren dritte Ausgabe in Kürze ebenfalls zu Kultur im digitalen Zeitalter stattfinden wird.
Zum anderen eröffnet uns seit einem knappen Jahr der Kulturpavillon unserer neuen Liegenschaft ganz neue Möglichkeiten für unsere Projekte. Angefangen mit technisch anspruchsvollen Ausstellungen, wie Harun Farocki im April, eignet sich der Raum insbesondere für performative Formate jenseits der klassischen Guckkastenbühne, wie szenische Lesungen oder  multimediale Aufführungen im Raum, zuletzt Bobi Pricops. Auch fördern wir jetzt verstärkt Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen Themen, wie Umweltschutz (z.B. Plastik) oder auch begleitend zu wichtigen Ausstellungen von Partnern, z.B. wie das Künstlergespräch mit Thomas Ruff.
 
Das neue Institut: Drei Jahre lang Planung, Umsetzung und Umzug – und nun hatten Sie nur ein Jahr Zeit, dies zu genießen! Könnten Sie dem rumänischen Publikum ein paar Empfehlungen geben, warum es sich lohnt, die neue Liegenschaft zu besuchen und allgemein an den Veranstaltungen des Goethe-Instituts teilzunehmen?
 
Das Besondere an diesem Institut ist zunächst die Architektur, denn wir haben hier für jede unserer Aktivitäten einen optimalen Rahmen gefunden: lichtdurchflutete, moderne neue Klassenzimmer auf einem Stockwerk sowie den Pavilion 32 mit Bibliothek und Veranstaltungsraum unter einem Dach – beides Neubauten mit besten technischen Bedingung. Und als Sahnehäubchen ein wunderschönes historisches Gebäude für unsere Büros. 
Bild ©Goethe-Institut

Kommen sollte man aber natürlich nicht für die äußere Hülle, sondern für das, was darin geboten wird:  Neben dem besten Deutschunterricht, den Sie in Bukarest finden können, und der kleinen aber sehr feinen Bibliothek mit viel interessanter Literatur und der „Bibliothek der Dinge“, organisieren wir eine Vielzahl von Veranstaltungen, die für unterschiedlichste Interessen und Neigungen, mit oder ohne Deutschkenntnisse, etwas bieten. Auch wenn wir inhaltlich wie formal ein recht breites Spektrum abdecken – an oberster Stelle steht immer die Qualität und Relevanz. Kommen Sie und überzeugen Sie sich selbst davon!

Wie verlief die Kooperation mit den Kulturzentren in Siebenbürgen, im Banat, der Moldau und in der Republik Moldau?
 
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©Goethe-Institut
Für das Goethe-Institut ist es ein großer Reichtum, dass wir diese lokal verfassten Kulturzentren, ein Netzwerk von fünf Zentren in Rumänien und einem in der Republik Moldau, als Partner haben. Denn sie sind fest in den Szenen der Städte verankert und können deshalb den Unterricht der deutschen Sprache und den interkulturellen Dialog viel nachhaltiger gestalten, als wir das von Bukarest aus könnten. So beraten wir die Zentren inhaltlich, fördern die Qualität des Sprachunterrichts und stellen Finanzierung für Kulturprojekte oder auch für Medien der Bibliotheken und Fortbildungen zur Verfügung. Dies wird dann vor Ort teils sehr unterschiedlich umgesetzt – und ich habe in den letzten Jahren den Austausch darüber als sehr bereichernd erlebt!

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den anderen europäischen Partnern erlebt? Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?
 
Wir haben in Rumänien einen 18 Mitglieder starken EUNIC-Cluster, also einen Verbund der hier tätigen Europäischen Nationalen Kultur-Institute. Und wir organisieren mittlerweile gemeinsame Projekte, von denen wir früher nur träumen konnten! Ein ganz wichtiger Schritt war, dass wir uns seit 2016 einmal jährlich zu einem 1,5 tägigen Strategietreffen in Constanta treffen, um uns besser kennenzulernen und um mehr Zeit zum gemeinsamen Austausch und zur besseren Koordinierung und Planung unserer Arbeit zu haben.
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©Goethe-Institut

Gelernt habe ich, dass EUNIC in vielen Aspekten funktioniert wie die Europäische Union: Es gibt viele Diskussionen -  nicht immer mit Ergebnis; manches dauert länger, als wenn man es „alleine“ machen würde, man muss Kompromisse schließen, etc. – ABER: ich habe erlebt, wir wertvoll es ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein! Wie sehr wir davon profitieren, gemeinsam zu arbeiten, Ressourcen gemeinsam zu nutzen, uns gegenseitig zu unterstützen. Eine ganz wichtige Voraussetzung dafür ist, dass wir uns besser kennenlernen und dadurch gegenseitiges Vertrauen entwickeln können. Und dies hat mir nochmals deutlich gemacht, wie bedeutsam unsere Arbeit für einen intensiveren kulturellen Austausch gerade auch in Europa selbst ist! 

Was werden Sie von hier vermissen?

 
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©Goethe-Institut
Neben all den tollen Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, werde ich kulinarisch Papanasi und Salata de Vinete vermissen. Auch die vielen tollen Parks und das Vacaresti Delta, und dass Bukarest und Rumänien im Allgemeinen an vielen Orten noch nicht so dem Massentourismus erlegen ist  - das sehe ich als große Stärke und nicht als Nachteil!

Eine Sache, die sie bereuen, die Ihnen Leid tut, wofür sie keine Zeit mehr hatten?

 
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©Goethe-Institut, Marius Dinca
Dass ich in den letzten zwei bis drei Jahren nicht mehr so viel vom Land gesehen habe, da mich die Tätigkeiten für die neue Liegenschaft sehr an Bukarest gebunden haben.  Auch hätte ich gerne noch etwas länger das Potential des neuen Pavilion 32 ausgelotet! Diese schöne Beschäftigung kann ich nun meinem Nachfolger Joachim Umlauf übergeben, der ab September mit frischem Blick und neuer Energie aus Frankreich kommen und sich dieser Aufgabe annehmen wird. Und dazu wünsche ich ihm viel Erfolg und alles Gute!

 

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