SCHNITTSTELLE / INTERFERENȚĂ

 SCHNITTSTELLE / INTERFERENȚĂ SCHNITTSTELLE / INTERFERENȚĂ

Mo, 14.09.2020 -
Sa, 19.09.2020

Goethe-Institut // Calea Dorobanți 32

Künstler*innen:
Uli M Schueppel:
Elektrokohle (Von Wegen) (VHS & HD-Video, 91 Min.), 2009
3 Filmstills aus DeKonstruktion, 2020

Tina Bara: Lange Weile (Stop-Motion-Film, 35mm, 61 Min.), 2016
18 Fotografien aus Lange Weile, 1983–1989
 
Kuratorin: Patricia Morosan

 
Veranstaltungen:
Ausstellung: 14.-19.09.2020
Eröffnung: 14.09.2020, 19:00 Uhr
Goethe-Institut Bukarest // Pavillon 32, Calea Dorobanți 32
Artist Talk: 18.09.2020, 19:00 Uhr, Online Live-Stream auf Facebook

Die Erinnerung der Orte ist wesentlich für die Bestimmung des Selbst. Je vielschichtiger und komplexer die persönlichen Erinnerungen sind, umso weiter entfalten sich die inneren Landschaften, die über das einzelne Individuum hinausgehen und weit mehr über Denken und Dasein einer historischen Zeit erzählen. Film und Fotografie sind Medien, die Orte und Tatsachen nicht einfach speichern, sondern vielmehr deren mentale Repräsentation festhalten. Das Spezifische dieser Medien ist eine implizite Auflösung von dem was repräsentiert ist, so wie auch die sich auflösende Erinnerung die eigene Interpretation durch das Prisma der Gegenwart trägt.
 
Die Suche nach einem existentiellen Sinn in Fragmenten von Erinnerung und das Bewusstsein der Unwiederbringlichkeit vergangener Ereignisse, verleiht den filmischen Bildern dieser Ausstellung eine Schwere und Langsamkeit, die von den Figuren beider Filme in gleichen Maßen empfunden zu werden scheinen. Es ist die Last der Geschichte – des gleichen Moments, der von beiden Filmen erfasst wird: der Fall des Ostblocks und das Bewusstwerden einer politischen Situation, die bereits alle Grenzen persönlicher und gesellschaftlicher Toleranz überschritten hatte.
 
Beide Arbeiten begegnen sich entlang einer Achse historischer und emotionaler Synchronizität. Auf ganz eigene Weise entwirft jeder Film ein Palimpsest aus Materialien, Augenblicken und Geschichten in Geschichten, in denen die kritische und nachdenkliche Distanz zu den Ereignissen selbst zur Hauptdarstellerin wird.
 
In Elektrokohle (Von Wegen) blendet Uli M Schueppel unterschiedliches Filmmaterial übereinander, das zu verschiedenen Zeiten aufgenommen wurde, und konstruiert daraus den Metadiskurs seines eigenen Films: ein Road-Movie– von Berlin (West) nach Berlin (Ost) – dokumentiert den Weg der Band Einstürzende Neubauten zu einem Konzert im Club VEB Elektrokohle nur einige Tage nach dem Fall der Mauer. Die 20 Jahre später aufgenommenen Aussagen von Zeitzeugen dieses legendären Konzerts setzen das 1989 gefilmte Material nicht nur in einen breiteren kulturellen Kontext, sondern verleihen den Bildern eine Tiefe, die die Unmittelbarkeit des damals gegenwärtigen Moments nicht offenzulegen vermochte.
 
Die Kuratorin Patricia Morosan zeigt in der Ausstellung auch Fragmente aus Uli M Schueppels Kurzfilm DeKonstruktion (Super-8, 2008). Die Filmstills zeigen den Abriss des Palasts der Republik, Sitz der ehemaligen Volkskammer der DDR, der unmittelbar nach dem Mauerfall geschlossen und zwischen 2004 und 2005 als Ort für Kulturveranstaltungen zwischengenutzt wurde. Trotz großer Proteste wurde das Gebäude 2006 abgerissen. An seiner Stelle wurde die äußerst umstrittene Rekonstruktion des Hohenzollern-Schlosses wieder aufgebaut, das bei den Bombardierungen im 2. Weltkrieg zerstört worden war und in diesem Jahr wieder eröffnen soll. In einem buchstäblichen Sinne ist der Palast der Republik eines dieser einstürzenden Neubauten und mit ihm stürzt auch das verheerende Erbe des Eisernen Vorhangs ein. Darauf schichten sich entlang der Zeit die poetischen Referenzen der Band als auch die Vorstellungen der damals Teilnehmenden, während der Film selbst als dritte Interpretationsebene fungiert. Man fühlt sich dabei an Slavoj Zizek[1] erinnert, der die Erfahrung der Realität als ein ‘Erwachen’ in der Irrealität, in Bezug zu einer vergangenen, traumatischen und im Unbewussten erhaltenen Realität, beschreibt.
 
Lange Weile von Tina Bara ist der zweite in der Ausstellung gezeigte Film. Der Film besteht aus einer Sammlung von Fotografien, die Bara vor allem in Ost-Berlin zwischen 1983 und 1989 kurz vor dem Mauerfall aufgenommen hat. Auf Veränderung wartend nimmt der Körper die aufgeschobene Zeit wahr, so wie auch die historische Zeit vor dem Mauerfall als scheinbar nicht endend wahrgenommen wurde. Der nackte Körper wird hier zur – einzigen – Schnittstelle, die dem totalitären und repressiven System einen Widerstand entgegenzustellen vermag. Die entstellte und amnestischen urbanen Landschaften Ost-Berlins (seine Viertel, Gebäude, Hinterhöfe, Einfahrten) sind selbst Archive, die das historische Gedächtnis verloren haben und damit auch all das, was sie zuvor gewesen sind. Die urbanen Ruinen archivieren die verbrauchten Ressourcen und Materialien, die ihrerseits die Individuen verbrauchen und eine alltägliche, fragmentierte Erfahrung hinterlassen.
 
Das Archivmaterial, das beiden Filmen zugrunde liegt und sich in die gegenwärtige Zeitlichkeit einfügt, produziert zugleich eine Hybridisierung der Formen und Techniken: Fotografie wird zu Film (bei Tina Bara) und analoges Video zum digitalem Video (bei Uli M Schueppel). Um hervorzuheben, dass jedes Medium auf seine ganz eigene Weise die Bedeutung der Bilder filtert, hat Patricia Morosan Filmstills aus Schueppels Super-8-Arbeit mit in die Ausstellung aufgenommen.
 
Wie der Film von Uli M Schueppel fängt auch der Film von Tina Bara das tagtägliche Leben dissidenter Subkulturen ein und deren Formen des Widerstands im Angesicht eines repressiven gesellschaftlichen Systems. Und wie in Uli M Schueppels Film, entsteht die narrative und politische Erzählung in der Gegenwart aus den ungezwungenen und spontanen Momenten, die jedoch zu den großen politischen und kulturellen Verschiebungen beigetragen haben. In beiden Filmen setzt die Kunst eine kathartische Energie frei, die zu langersehnten Veränderungen führt – die Zeitlichkeit dieser Narration aber ist eine verinnerlichte.
 
(Text: Marta Jecu, Übersetzung:bellu&bellu)
 
 
Organisatoren: Switch Lab in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Bukarest
Die Ausstellung wurde von AFCN ( Verwaltung des Nationalen Kunstfonds) kofinanziert. Es repräsentiert nicht unbedingt die Position der AFCN. AFCN ist nicht verantwortlich für den Inhalt des Projekts oder die Art, wie die Projektergebnisse verwendet werden können. Das liegt ausschliesslich in der Verantwortung des Begünstigten der Finanzierung. 
 
 
 
BIOGRAPHIEN:
 
Tina Bara (1962) begann ihre Karriere als Fotografin in der DDR und engagierte sich vor der Wiedervereinigung in politischen Gruppierungen wie Frauen für den Frieden. Bara studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Arno Fischer. Seit 1993 ist sie dort Professorin für künstlerische Fotografie. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Galerien und Museen international gezeigt, u.a. Galerie EIGEN+ART, Leipzig und der Kunsthalle Erfurt. Letzte Ausstellungen sind Not everything means something, honey in der Galerie EIGEN+ART, Leipzig, 2019, Ego Sum… im Prima Center Berlin, 2019, In einem anderen Land in der Kunsthalle Erfurt, 2018.
 
 
Uli M Schueppel (1958) studierte Germanistik, Romanistik und Linguistik in Heidelberg, sowie Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Neben zahlreichen Kurzfilmen, Musikvideos und Animationen bewegen sich seine Langfilme zwischen unterschiedlichen Genres und wurden auf vielen internationalen Filmfestivals gezeigt, u.a. auf der Berlinale wie Der Atem (2019), Brötzmann – Da gehört die Welt mal mir (2012), Elektrokohle (Von Wegen) (2009). Seit 2006 werden Schueppels Videoinstallationen und Fotoarbeiten international ausgestellt, u.a. im Museum of Modern Art, New York, Institute of Contemporary Arts, London und im Haus der Kunst, München.
 
 

[1]             
Žižek, S. (1996), ‘From virtual reality to the virtualization of reality’, in T. Druckrey (ed.), Electronic Culture: Technology and Visual Representation, New York: Aperture, pp. 290–295.

 
Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung von COVID-19
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