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Berlinale-Blogger 2019
Das ewig russische Thema der Väter und Söhne

„Kislota“ von Alexander Gorchilin 2018
Filmszene aus „Kislota“ von Alexander Gorchilin. | Foto (Ausschnitt): © Studio SLON / Kislota​

Die beiden russischen Filme „Malchik Russkiy“ und „Kislota“ setzen sich mit der Zukunft und der Vergangenheit Russlands auseinander – beide eint mehr, als es zunächst den Anschein hat.

Von Egor Moskvitin

Die beiden russischen Filme, die auf der Berlinale präsentiert werden, haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Kislota (Acid) ist ein Film über eine Partyclique im heutigen Moskau. Es geht zum Beispiel um sexuelle Befreiung, die nicht nur als Privileg der Zeit daherkommt, sondern als ein Manifest. Regie-Debütant ist der Schauspieler Aleksandr Gortschilin aus dem Theater „Gogol Center“; in den Medien wird er als Protegé von Kirill Serebrennikov beschrieben, dessen Leto im vergangenen Jahr erfolgreich dem Berliner Filmmarkt vorgestellt wurde. In der Besetzung finden sich die besten Jungschauspielerinnen und -schauspieler des Landes: Aleksandr Kusnezow, Arina Schewzowa und Filipp Awdejew.

Dazu im Kontrast steht der bedrückende Film Malchik russkiy (A Russian Youth). Sein Regisseur Aleksandr Solotuchin gehört zu den Absolventinnen und Absolventen der Meisterklasse von Alexander Sokurow in Naltschik – der Hauptstadt Kabardino-Balkariens, einer der nordkaukasischen Republiken Russlands. Vorstellen muss man Sokurow den westlichen Zuschauerinnen und Zuschauern nicht: Er ist der Autor von Faust und Francofonia, Regisseur von Filmen über Lenin und Hitler. Und nun wird in Berlin ein Film von Sokurows Zögling Aleksandr Solotuchin über den Ersten Weltkrieg gezeigt. Es geht darin um einen jungen Mann, der im Krieg erblindet und daraufhin im übertragenen Sinne mehr sehen kann als alle anderen.

Zukunft und Vergangenheit Russlands 

Beide Filme verhandeln die Frage der Männlichkeit und das ewige russische Thema der Väter und Söhne. Die Protagonisten von Kislota sind Jungs, die von alleinerziehenden Müttern großgezogen wurden. Attraktiv und hungrig nach Lebenserfahrung, sind sie dennoch für keine der beiden gängigen Männerrollen bereit: die Rolle des Patriarchen und die Rolle des heldenhaften Liebhabers. Sex ist für sie eine Art Heilmittel gegen Frustration, doch selbst hohe Dosierungen bringen keine Linderung.

Eine der Hauptfiguren beschneidet sich selbst, um beim nächsten Mal unerträgliche Schmerzen zu fühlen. Ein anderer Protagonist verätzt sich den Hals, indem er Säure trinkt – womöglich, um seine eigene Stimme nicht mehr hören zu müssen. Säure ist im Film auch der Stoff, mit dem ein Künstler sowjetische Subkulturen in Kunstobjekte der Gegenwart verwandelt: Die neue Generation muss die alte auslöschen, um sich selbst zu finden – was allerdings im Film nicht erreicht werden kann. Die Zukunft findet keinen Ausweg aus der Vergangenheit.

Kislota | Acid von Alexander Gorchilin 2018 Foto (Ausschnitt): © Studio SLON / Kislota​ Ungelebte Träume

Obwohl Regisseur Solotuchin im Interview betont, dass er nie einen Film seines Meisters gesehen habe, hält sich Malchik russkiy dennoch an die Methodik Aleksandr Sokurows. Solotuchin nähert sich der Seele über die Körperlichkeit – und auch die Musik spielt in seinem Film eine bedeutsame Rolle. Aktuelle Aufnahmen eines Orchesters aus Sankt Petersburg begleiten die Filmaufnahmen.
 
Der im Filmtitel genannte Junge ist ungeschickt, ausgezehrt; ein betont „unmännlicher“ Junge vom Land. Er geht als Freiwilliger in den Krieg und verliert noch während des ersten Gefechts bei einem Gasangriff sein Augenlicht. Doch selbst als Versehrter setzt das Kind seinen Dienst fort und wird zu einem auf dem Gehör basierenden Frühwarnsystem sich nähernder deutscher Flugzeuge. Er wird schließlich zum Rädchen einer riesigen Kriegsmaschinerie – einem Krieg, für den er nicht geschaffen ist.
 
Der Protagonist aus Malchik russkiy hat ein großes Ziel, aber nicht die geringste Chance, dieses zu verwirklichen. Den Protagonisten von Kislota stehen alle Türen offen, doch sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Und das ist wohl auch alles, was sich in den letzten 100 Jahren verändert hat.
 

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