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Berlinale-Blogger 2019
„Das schönste Paar“ – Premiere eines gehobenen Dramas, das auf Fragmenten niedriger Genres fußt

"Das schönste Paar" von Sven Taddicken 2018
Foto (Fragment): © "Das schönste Paar" von Sven Taddicken 2018

Es ist ein brillantes Drama, das leise, aber bestimmt Zeugnis von den positiven Veränderungen im aktuellen Filmwesen ablegt.

Die „Berlinale“ ist so aufgebaut, dass man alle Wettbewerbsfilme zwei bis drei Tage vor Ende des Festivals gesehen haben und sich dann reinen Gewissens auf die Suche nach Schätzen in den Parallelprogrammen machen kann. Eine solche Entdeckung ist der Film „Das schönste Paar“. Er erzählt die Geschichte eines Ehepaars, das sexuelle Gewalt erlebt und Jahre später die Möglichkeit bekommt, sich zu rächen. In der Filmgeschichte sind solche Themen in der Regel nicht gerade mit den erhabensten Genres verknüpft – eher mit Slashern, Sexploatation und primitiven Thrillern. Doch der Film des Hamburger Regisseurs Sven Taddicken ist ein Beispiel für die immer häufigeren Ausnahmen von dieser Regel. Es ist ein brillantes Drama, das leise, aber bestimmt Zeugnis von den positiven Veränderungen im aktuellen Filmwesen ablegt.
 
Das schönste Paar, das sind Malte und Liv, junge Lehrkräfte, die Urlaub auf Mallorca machen.  Der Film beginnt mit einer schönen, aber auch alarmierenden Szene: die beiden haben Sex am Strand und machen sich überhaupt keinen Kopf darum, dass sie jemand bemerken könnte. Doch sie werden bemerkt – und noch in der gleichen Nacht verschaffen sich drei betrunkene Zwanzigjährige Zugang zur Unterkunft des Paares. Einer von ihnen verprügelt Malte und vergewaltigt Liv.
 
Es vergehen zwei Jahre. Liv und Malte sind immer noch zusammen, sie arbeiten an der gleichen Schule und bemühen sich, ein normales Leben zu führen. Offensichtlich haben sie in diesen zwei Jahren auch geheiratet – zumindest wurden die Eheringe im Prolog nicht sonderlich betont. Andererseits wollte man bei diesem Prolog auch gar nicht so genau hinsehen, so beängstigend ist er. Doch das Leben geht weiter, und Liv schließt eine psychologische Langzeittherapie ab, während Malte im Fitnessstudio verschwindet, wo er mit anderen Männern heftige Boxkämpfe austrägt. Er spielt in einer Amateur-Rockband, sie zieht auf dem Balkon Basilikum. Der Therapeut bescheinigt, dass bei ihnen alles gut ist, doch sobald das Licht ausgeknipst wird, schafft es das Paar nicht mehr, seine früheren Ritualen wiederaufzunehmen. Es gibt die langsamen Küsse vom Strand nicht mehr, auch nicht das Lachen, mit dem Menschen, die schon lange Zeit aneinander gewöhnt sind, Sex haben.  
 
Trotz des herausragenden Psychologismus im Drehbuch liegt doch noch ein 90-minütiger Film mit seinen eigenen Eventualitäten und Gesetzen vor uns, und die drei symbolischsten Ereignisse finden im Film an nur einem einzigen Abend statt. Liv verabschiedet sich von ihrem Therapeuten. Malte reagiert sich auf der Bühne eines Rock-Clubs ab, spürt zum ersten Mal wieder Lust aufs Leben und spurtet quer über die Straße, um sich einen riesigen Döner zu holen. Dort aber trifft er auf Livs Vergewaltiger – der mit völliger Ruhe, seine Freundin im Arm, den arabischen Verkäufer dumm anmacht. Malte entschließt sich, dem Verbrecher zu folgen – und löst damit eine Kette an Ereignissen aus, die selbst ein Publikum, das Dutzende solcher Filme gesehen hat, überraschen.
 
Die hervorragenden Schauspieler*innen Luise Heyer und Maximilian Brückner sind aus deutschen Serien bekannt, einem internationalen Publikum (und die Premiere des Films fand 2018 auf dem Toronto International Film Festival statt) aber nicht – und das verringert die Distanz zwischen Charakteren und Zuschauer*innen beträchtlich. „Das schönste Paar“ ist ein Film über den Horror, der uns allen widerfahren kann, und daher erinnert sein (brillantes) Drehbuch an eine Case Study. Es ist nicht nur eine fesselnde künstlerische Geschichte, sondern auch eine fast dokumentarische Untersuchung menschlicher Reaktionen auf eine bestimmte traumatische Erfahrung. Und viele der Entscheidungen der Protagonist*innen im Film spiegeln Veränderungen wider, die in den westlichen Gesellschaften während der letzten Jahre vor sich gegangen sind. Auf einer Party mit Freunden erzählt Liv, dass sie zwei Jahre Arbeit mit ihrem Therapeuten gebraucht hat, um sich nicht mehr schuldig zu fühlen. Und ihr erschütternder Monolog führt uns nicht nur den Umstand des Victim Blaming vor Augen, sondern gibt den Zuschauer*innen außerdem zu verstehen, dass die Hauptfiguren des Films den Menschen, die ihnen nahe sind, bewusst davon erzählt haben, was ihnen zugestoßen ist. Malte hat ebenfalls eine Therapie gemacht, diese aber schneller abgeschlossen und doch noch nicht gelernt, wieder mit Liv zu sprechen. Sein Körper und seine Augen reden für ihn. Die Muskeln seines Körpers symbolisieren seinen Wunsch, die Kontrolle über die Situation und seinen männlichen Stolz zurückzugewinnen. Und der gejagte, schuldige Blick dient als Indiz dessen, dass Malte nicht verstehen kann, warum er zu einem anderen Menschen wird – sich selbst oder Liv zuliebe.
 
Die größte Errungenschaft von „Das schönste Paar“ besteht darin, wie geschickt der Streifen auf den Grenzen zwischen Genrekino (dessen Ziel es ist, zu erschrecken und gleichzeitig zu unterhalten) und einer psychologischen Etüde balanciert. Das Drehbuch ist so gestaltet, dass man jeden Moment damit rechnet, dass alles in den Abgrund stürzt – es scheint, als ob sich das intellektuelle Drama jede Sekunde in Revenge-Porn verkehren könnte; als ob sich der zusammengesetzte Horror in eine primitive Gruselgeschichte verwandelt, die aus der Perspektive eines Irren erzählt wird. Doch dazu kommt es nie. Seit den 70-er Jahren sind alle Filme über sexuelle Gewalt und Vergeltung nach ein und derselben dreiteiligen dramaturgischen Struktur aufgebaut. Im ersten Akt erleidet die weibliche Hauptfigur (fast nie die männliche) das Trauma. Im zweiten versucht sie, die Kontrolle über ihre Psyche, ihren Körper und über das eigene Schicksal zurückzugewinnen. Im dritten trifft sie auf den Verbrecher und findet Ruhe, in dem sie sich rächt. Independent-Filme haben mehr als einmal versucht, sich gegen diese oberflächliche Ausführung aufzulehnen, und der erfolgreichste Protest in diesem Zusammenhang entstand innerhalb des Genres. Der Film „Irreversibel“ von Gaspar Noé drehte den ersten und den dritten Akt von der Reihenfolge herum und wies hierdurch auf die Unendlichkeit von Gewalt und die Unheilbarkeit von Traumata hin.
 
„Das schönste Paar“ geht noch einen Schritt weiter. Um mit der eigenen Tragödie umzugehen, probieren die Hauptfiguren gewissenhaft alle Ratschläge der Gesellschaft, von Freunden und Ärzten durch. Doch zur wirklichen Heilkur wird für sie die Verfolgung des Vergewaltigers selbst, und der Verbrecher wird gegen seinen Willen zum Psychotherapeuten. Die Zuschauer*innen verstehen dennoch nicht, was die Hauptfiguren am Ende des Films durchleben – die totale Wiedergeburt oder lediglich eine zeitlich begrenzte Remission. „Das schönste Paar“ ist ein kleiner Film, der eine größtmögliche Diskussion wert ist. Filme, in denen eine tiefgründige psychologische Analyse mit paradoxen inhaltlichen Entwicklungen einhergeht und in denen die Charaktere dennoch aus einer allgemeingültigen Logik heraus handeln, findet man sehr selten. Dieser ist einer von ihnen.
 
 

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