Wohltätigkeit in Russland Mitja Aleschkowski im Gespräch

Mitja Aleschkowski
Mitja Aleschkowski | Foto: privat

Wir baten den Leiter des Projekts „Nushna pomoschtsch“ („Hilfe gesucht“), den Blogger und Fotografen Mitja Aleschkowski um Auskunft, wie es in Russland mit der Wohltätigkeit steht, warum projektbezogene Hilfe besser ist als personengebundene und in welchem Verhältnis die Wohltätigkeitsorganisationen zum Staat stehen.

In der Rankingliste des World Giving Index 2013 nimmt die Russische Föderation unter den Ländern der Welt einen ehrenvollen 123. Platz ein und verbesserte sich, im Vergleich zum 127. Platz des Vorjahres, sprunghaft um ganze vier Plätze. Keine der ehemaligen Sowjetrepubliken liegt in dieser Rangliste dabei weiter hinten als Russland: Turkmenistan belegt weltweit den 23. Platz, Usbekistan den 50., Tadschikistan den 64., Kasachstan den 66., Aserbaidschan den 69., Kirgisistan den 73., Moldau den 88., Lettland, Estland und Belarus teilen sich zu dritt die Position 93, die Ukraine belegt Platz 102 und auf den Rängen 113, 116 und 120 folgen Armenien, Georgien und Litauen.

Mehr noch: Laut Angaben einer Studie des Projekts Dobro Mail.ru und des Allrussischen Zentrums für Meinungsforschung WZIOM rangiert die Hilfe für Erwachsene erst auf Rang 5 der Beliebtheitsskala – hinter der Hilfe für Kinder, alte Menschen, Tiere und ökologische Projekte. 49 Prozent der russischen Bevölkerung haben kein Vertrauen zu Wohltätigkeitsorganisationen, weil die Stiftungen ihrer Meinung nach Geldwäsche betreiben oder ineffizient sind. Das Wort „Stiftung“ an sich wirkt abschreckend und ist für die Mehrheit der Bevölkerung negativ besetzt.

Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Non-Profit-Organisationen wird durch die Politik des Staates wesentlich verstärkt, der – mit Hilfe der staatlichen Propagandamaschine – den Eindruck einer ständigen Suche nach „ausländischen Agenten“ unter den Vertretern des nichtkommerziellen Sektors vermittelt. Der Status eines ausländischen Agenten wird – vor dem Hintergrund politischer Instabilität und eines wachsenden Hurra-Patriotismus – in den Augen der Öffentlichkeit immer häufiger praktisch mit Verrat gleichgesetzt. In Wirklichkeit aber sieht der Staat in den Non-Profit-Organisationen, deren Konkurrenz er fürchtet und die häufig effizienter und besser informiert sind als offizielle Strukturen, nicht nur politische Konkurrenten, sondern auch eine reale Alternative zu den staatlichen Instituten.

"Laut Expertenmeinungen sind ein Viertel bis ein Drittel aller privaten Spendensammlungen im Netz auf Betrug angelegt."

Wohltätigkeit wird in Russland vorrangig in Form von Hilfe realisiert, die einem konkreten Individuum zukommt. Im Verständnis der russischen Bevölkerung garantiert nur diese Form Transparenz und Effizienz und verhindert vor allem, dass karitative Organisationen einen Teil der Spenden für ihre satzungsgemäße Tätigkeit einbehalten. Der Durchschnittsspender kommt nicht auf die Idee, dass die Mittel, die eine Wohltätigkeitsstiftung für die Gehälter ihrer Mitarbeiter und satzungsgemäße Aktivitäten ausgibt, die Sammlung von Spenden für Bedürftige ermöglichen, deren Umfang mehrere hundertmal größer ist.

Das machen sich mit großem Erfolg Betrüger zunutze, die unzählige Gruppen und Seiten in den sozialen Netzwerken einrichten mit dringenden Hilfsaufrufen, ein Kind zu retten und zu unterstützen, das an einer unheilbaren Krankheit zu sterben droht. In solchen Gruppen werden die Spendengelder auf persönlichen Bankkonten, -karten und in E-Wallets gesammelt, was es unmöglich macht die eingegangenen Gelder zu kontrollieren, dafür aber die Illusion einer direkten Hilfe für Bedürftige weckt. Eine offizielle Statistik hierüber existiert nicht, aber laut Expertenmeinungen sind ein Viertel bis ein Drittel aller privaten Spendensammlungen im Netz auf Betrug angelegt.

Mangelnde Informiertheit und die ablehnende Haltung der Bevölkerung gegenüber Wohltätigkeitsorganisationen sind der Auslöser für eine unübersehbare Zahl eigenständiger, wenig effizienter und mitunter auch Schaden bringender Aktivitäten mit scheinbar guten Absichten.

Zahlreiche kranke Kinder könnten in Russland kostenfrei geheilt werden, wenn ihre Eltern rechtzeitig Hilfe bei einer Wohltätigkeitsstiftung suchen und bei der Rettung nicht auf Internet-Suchmaschinen setzen würden. Einschlägig profilierte Stiftungen haben jahrelange praktische Erfahrung in der erfolgreichen Behandlung seltener und komplizierter Erkrankungen, mit denen Patienten erstmals konfrontiert werden, und verfügen bereits über fertige Handlungsalgorithmen.

In Russland ist es außerordentlich verbreitet, Kinder in Heimen zu allen möglichen Feiertagen zu beschenken. Die Folgen dieser Aktivitäten sind erschreckend: zirka 80 Prozent der Zöglinge aus russischen Kinderheimen schaffen es nicht, den Schritt in ein selbstständiges Erwachsenenleben zu gehen. Ein Kind, das in einem Kinderheim erzogen wird, gewöhnt sich daran, dass es alles kostenlos und ohne Mühe bekommt, und erwartet, dass es ein Leben lang so weiter geht.

"Es hapert an einer Kleinigkeit: Man muss der Gesellschaft diese Vorzüge anhand von Beispielen und Ergebnissen plausibel erklären."

Das Spektrum an Aufgaben, mit denen sich die Wohltätigkeitsorganisationen in Russland konfrontiert sehen, geht jedoch weit über die Behandlung kranker Kinder hinaus. Die Gesellschaft widmet sich dem Bau von Brücken und Kirchen, der Sammlung von Schrott, der Sorge um Tiere und Natur, der Ausstattung von Sportplätzen, der Suche nach Vermissten, der Unterstützung sozial Schwacher, der Hilfe für Obdachlose und Behinderte, der Hilfe für HIV-Infizierte und Aidskranke, der Hilfe für Krebspatienten, der Rettung von Krankenhäusern, der verbesserten Ausstattung bereits funktionierender Krankenhäuser, der Ausbildung von Ärzten, es gibt Hilfe für Mütter, deren Söhne im Krieg gefallen sind und schließlich auch Unterstützung bei einem würdevollen Abschied vom Leben.

Es waren seltsamerweise gesellschaftliche Organisationen, denen die Bürger Russlands mehrheitlich ihre Spenden anvertrauten, als im Jahr 2012 die Stadt Krymsk und im Jahr 2013 der Ferne Osten von schrecklichen Überschwemmungen betroffen waren. Sogar Großunternehmen überwiesen ihre Spenden häufig nicht an staatliche, sondern an gesellschaftliche Strukturen, weil ihnen klar war, dass die vom Staat unabhängigen Organisationen wesentlich effizienter und frei von Korruption sind.

Leider hat es die Bevölkerung nicht eilig, die in Notsituationen gewonnene Erfahrung in den Alltag zu übertragen, und setzt ihre Aktivitäten in Form individualisierter Hilfsmaßnahmen massiv fort.

Der Ausweg aus der entstandenen Situation könnte in einem Komplex von Bildungsmaßnahmen liegen für alle jene, die in karitative Prozesse eingebunden sind – die Wirtschaft, die Medien, die Wohltätigkeitsstiftungen, die Spender und Freiwilligen, sowie in einem fließenden Übergang vom personengebundenen Modell der Hilfe für Bedürftige zu einem infrastrukturgebundenen, das heißt: projektbezogenen Modell.

Die Vorzüge des projektbezogenen Modells sind offensichtlich: Sie liegen in der Ausrichtung auf alle Bevölkerungsgruppen und nicht nur diejenigen, die Mitleid erregen, außerdem in der Professionalität, da Projekte von Stiftungen realisiert werden und nicht von Privatpersonen, und daraus resultierend in der Effizienz.

Es hapert an einer Kleinigkeit: Man muss der Gesellschaft diese Vorzüge anhand von Beispielen und Ergebnissen plausibel erklären. Darin besteht meiner Auffassung nach die gegenwärtige Hauptaufgabe für alle Wohltätigkeitsorganisationen in Russland.