Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Filmfestival Blick'19
Maskulinität jemand niemand irgendwer

Michael Baute
© Markus Nechleba

Im Fokus der „diesjährigen Ausgabe des „Blick“-Festivals des Goethe-Instituts Moskau steht das Thema „Maskulinität. Die ausgewählten Filme denken über Bilder, Begriffe und Vorstellungen von Männlichkeit nach. Sie laden zum Schauen ein, und zum Denken und Sprechen darüber, wie der Film männliche Identitäten darstellt und reflektiert.

Von Michael Baute

Die Perspektive der Filme auf das Thema „Maskulinität“ ist dezidiert offen. Im Darstellen und Reflektieren von Männlichkeitskonstruktionen illustrieren die Filme keine übergeordneten Thesen und degradieren auch die Darsteller*innen nicht zu Lautsprechern von Ansichten oder Meinungen der Regisseur*innen. Stattdessen bewegen sich die Filme, der Eigenlogik ihres filmischen Fabulierens folgend, frei, jenseits überkommener, eindeutiger Repräsentationen und versetzen gerade deswegen Konzepte von Maskulinität in Film-Bewegung.
 
Die Auswahl umfasst zeitgenössische Filme des deutschen Kinos sowie einen Film aus den letzten Tagen der DDR. Fünf der Filme des Festivals sind Spielfilme unterschiedlicher Genres, dazu kommen eine dokumentarische Arbeit sowie ein Kurzfilm und ein Kinderfilm. Zwei der Filme sind von Regisseurinnen inszeniert, fünf von Regisseuren. An dem Kinderfilm „Auf Augenhöhe“ haben die Regisseurin Evi Goldbrunner und der Regisseur Joachim Dollhopf zusammengearbeitet.
 
Gemeinsam ist allen Filmen, dass sie ihre Protagonist*innen als psychische und physische, interne und externe Schauplätze der Aushandlung von Identität ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rücken. Sie umreißen Männlichkeit nicht als starren Begriff, sondern als relationales Verhalten. Sie beobachten, untersuchen, testen und prüfen männliche Verhaltensweisen. Dabei werden unterschiedliche Verhältnisse in den Blick genommen, in denen sich männliche Identitäten artikulieren.
 
So ist Maren Ades „Alle Anderen“ (2009) ein Film über ein heterosexuelles Paar. Ein Paar allerdings, wie es nur existieren kann, wenn es für sich allein (im Urlaub) ist: Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger) zeigen dabei offensichtliche und geheime Paar-Rituale, die von Albernheiten, unerfüllten Wünschen und Machtkämpfen geprägt sind. Der Film interessiert sich für die Dynamiken, die entstehen, wenn die Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau nicht auf eine festgeschriebene Eindeutigkeit abzielt und stattdessen in ein stets neu auszuhandelndes Spiel gerät. Der vom Paar aufgefächerte Katalog stereotyper Verhaltensmuster heterosexueller Beziehungen ist von einer ironischen Suspense geprägt. Diese Suspense überträgt sich auf die Zuschauer als eine Methode, die zugeschriebene Eigentlichkeit von Geschlechterrollen freizusetzen und zu hinterfragen.
 
In Till Kleinerts „Der Samurai“ (2014) ist die männliche Hauptfigur Jakob (Michel Diercks) vorrangig mit dem „eigenen“ Ich beschäftigt — und mit der Auseinandersetzung mit den selbstgegebenen und zugeschriebenen, bisweilen toxisch maskulinen Rollenvorgaben, die dieses „Ich“ konturieren. Für den brandenburgischen Dorfpolizisten ist die Begegnung mit dem titelgebenden Samurai — einem namenlosen Fremden, der mit einem Schwert bewaffnet auftaucht und eine Spur der Verwüstung durch den Ort zieht — eine Konfrontation mit den eigenen Dämonen. Mit den Mitteln des Horror-Genres inszeniert Kleinert diese Auseinandersetzung als bedrohlichen Kampf um eine bedrohte männliche Identität.
 
Auch in Ulrich Köhlers „In My Room“ (2018) steht ein einzelner Mann im Mittelpunkt. Als Armin (Hans Löw) eines Morgens aufwacht, ist es totenstill: Die Welt sieht aus wie immer, aber die Menschheit ist verschwunden. Als letzter, alleingelassener Mann sieht er sich gezwungen, eine neue Existenzform für sich zu finden. „In My Room“ kann man als zeitgenössische Adaption des „Robinson Crusoe“-Stoffs vom Mann als Weltentwerfer verstehen. Sie fabuliert darüber, was geschieht, wenn soziale Rollenbilder für die Produktion männlicher Identität wertlos geworden sind, wenn Konventionen durch die beängstigende Freiheit abgelöst werden, ein Leben (als Mann) vollkommen autonom — und daher beziehungslos? — entwerfen zu müssen.
 
In Valeska Grisebachs „Western“ (2017) geht es stattdessen um die Relationen unterschiedlicher Gruppen, um innere und äußere Beziehungsdynamiken, die Innen- und Außenseiten männlicher Bezugssysteme markieren. Als Weiterschreibung des Western-Genres nimmt der Film mit dokumentarischer Genauigkeit Vorstellungen von Männlichkeit in den Blick. Meinhard (Meinhard Neumann), der Held des Films, muss im Inneren der männlichen Gruppe deutscher Bauarbeiter in eine Auseinandersetzung um die interne Hierarchie eintreten und dabei seine Position finden und besetzen. Zugleich tritt er mit der Außenwelt (einer bulgarischen Kleinstadt und ihrer Bewohner*innen) in Kontakt. In beiden Fällen spielt Wortsprache eine eher untergeordnete Rolle. Die Aushandlungen werden durch nonverbale Signale, Gesten und Verhalten kommuniziert. Grisebachs Film beobachtet gespannt und aufmerksam die zugleich „archetypisch-universalen“ wie auch flexiblen und im Fluss befindlichen Codes dieser Aushandlungen.
 
So wie Grisebachs Film an ein klassisches Kinogenre (den Western) anknüpft und es dabei aktualisiert, so arbeitet Gerd Kroskes Dokumentarfilm „Der Boxprinz“ (2002), ein Porträt des Boxers und Schauspielers Norbert Grupe, mit dem Einhalten und der Verweigerung von Topoi des Boxfilm-Genres. Renitenter Widerstand gegen die zugeschriebene Rolle auf der einen Seite, auf der anderen Seite eine fast karikierende Überaffirmation von Stereotypen treibt den unter seinem Kampfnamen „Prinz von Homburg“ bekannt gewordenen Norbert Grupe an. Kroskes Film handelt von der abgründigen Wirkungsmacht männlicher Klischees. Zum Vorschein gebracht werden die subtilen Nuancen, feinen Brüche und beunruhigenden Deformationen, die sich hinter vermeintlich stabilen stereotypen Männerrollen und -bildern abzeichnen.
 
Von destabilisierenden Nuancen und Brüchen handelt auch Heiner Carows „Coming Out“ (1989). Der erste DEFA-Film zum Thema Homosexualität in der DDR ist zugleich einer der feinfühligsten des zum Genre gewordenen „Coming Out“ Films. Der Film erzählt vom Lehrer Philipp (Matthias Freihof), dem seine jahrelang unterdrückte sexuelle Neigung bewusst wird und der diese — unfreiwillig — offenbaren muss. Der Film besticht durch seine souveräne Inszenierung und sein behutsames psychologisches Gespür.
 
Der kürzeste Film der Reihe ist Christoph Girardets und Matthias Müllers „personne“ (2016). Die Found-Footage Collage aus Szenen des europäischen und amerikanischen Kinos der (vornehmlich) 60-er und 70-er Jahre lenkt den Blick auf Figurationen von Männlichkeit, die mehr von Leere und Angst als von konventioneller Virilität geprägt sind. Was die Regisseure über ihren Film schreiben, lässt sich wie ein Motto der ganzen Filmreihe verstehen: „‚personne’ — das ist jemand und niemand und irgendwer. Das sind wir selbst im Laufe der Zeit. Unentwegt, vergeblich. Das Ich bleibt notwendige Selbstbehauptung.“
 
Bei der Filmauswahl halfen mir Christoph Hochhäusler, Regina Kräh, Mina Lunzer und Franz Müller mit Hinweisen und kritischen Kommentaren. Vielen Dank dafür.

Top