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Maskulinität
Mann sein: auf Deutsch und Russisch

Maskulinität
© Hans Winkler

Was macht einen „echten Mann“ aus? Diese Frage hat das Magazin des Goethe-Instituts gestellt – Männer aus Russland und Deutschland haben sie beantwortet. Und dabei versucht, einzuschätzen, inwiefern sie selbst diesem Ideal entsprechen.
 

Guntram Gleiß, 35 Jahre, z. Z. arbeitssuchend, Deutschland

Гунтрам Гляйс © из личного архива Im traditionellen Sinne ist ein „echter Mann“ so etwas wie James Bond. Stark, selbstbewusst, unabhängig. Und wahrscheinlich macht er irgendetwas mit großen schweren Maschinen oder etwas grobes Handwerkliches. Vor vielen Jahren, als ich ein Junge, Jugendlicher und junger Mann war, war das für mich ein selbstverständliches Ideal, das ich angestrebt habe. Früher habe ich gerne Fleisch gegessen und meinen Wehrdienst beim Militär gemacht. Heute würde ich das eher nicht mehr tun, mittlerweile bin ich Vegetarier. Als mir ein Freund vor Jahren Yoga empfohlen hat, dachte ich: „Das ist nichts für mich, ich bin doch kein Mädchen". Aber ich habe es ausprobiert und es hat mir gefallen. Daher würde ich mich nicht sonderlich nah an diesem Bild des „echten Mannes“ verorten.
Meine Freundin ist zur Zeit die Hauptverdienerin, und das ist völlig ok für mich, obwohl es nicht dem
männlichen "Versorger"-Bild entspricht. Es stört mich nicht als "Männer-Frauen-Ding", sondern weil es einfach gerechter wäre, die Verantwortung zu teilen. Wichtiger als ein „echter Mann“ zu sein, ist es mir, ein verantwortungsvoller Mensch zu sein. Deswegen kann man sagen, dass sich die Prioritäten mit den Jahren verschoben haben: von der "Bud Spencer-Mentalität", dass man stark und grob sein muss, habe ich mich verabschiedet. Mit dem Älterwerden treten andere Dinge in den Vordergrund. Man stellt fest, dass man kein James Bond ist. Und das ist auch gut so.
 
 
Igor Kusnezow, 35 Jahre, Führungskraft im Bereich IT-Produkte, Russland

Игорь Кузнецов © из личного архива In meinen Augen ist es für das Verständnis vom Mannsein am Wichtigsten, Verantwortung zu tragen und die stärkste und verlässlichste Person in der eigenen Familie oder einer anderen Gruppe zu sein. Ich habe keine starken orthodoxen Überzeugungen und stehe der modernen Auffassung einer Aufweichung der Unterschiede zwischen Mann und Frau gelassen gegenüber. Aber dennoch hat es die Natur so eingerichtet, dass wir verschieden und für unterschiedliche Aufgaben gemacht sind. Es wird wohl niemand bestreiten, dass Männer physisch gesehen mit einem stärkeren Organismus ausgestattet sind, was bedeutet, dass sich dieser besser für die Beschaffung von Ressourcen eignet. Männer neigen dazu, mehr zu riskieren, und ihre Handlungen sind öfter offensiv. Frauen sind im Durchschnitt introvertierter und konservativer. Sie können Risiken gut abschätzen und bemühen sich darum, Werte zu wahren. Ob ich selbst dem Bild eines „echten Mannes“ entspreche, darüber denke ich gar nicht nach. Ich habe keine Zeit, mit mir selbst herumzuwurschteln.
 
Oliver Kunze, 52 Jahre, Ingenieur, Deutschland

Oliver Kunze © privat Mann zu sein bedeutet für mich, Verantwortung zu übernehmen, Werte und Prinzipien zu haben und diesen zu entsprechen. Einen eigenen Stil zu haben. Ob ich diesem Bild entspreche? Ich denke, dass der Weg das Ziel ist. Möchte ich ihm entsprechen? Ja, wenn es um das Ideal geht, das ich beschrieben habe. Aber wenn es andere Definitionen betrifft, dann eher nicht. Mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd sitzen? Wozu? Ich habe nicht das Ziel, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen.
 
 
Wladimir Poljakow, 36 Jahre, leitende Fachkraft für Robotersysteme, Russland


Vladimir Polyakov © privat Meinem Verständnis nach sollte ein Mann erwachsen handeln und sich von der Frau unterscheiden. Ein Erwachsener ist nicht abhängig von den Meinungen seiner Eltern oder anderer Menschen um ihn herum. Er muss anderen nichts beweisen, sondern nur sich selbst. Ein gestandener Mann verlässt sich nicht auf Autoritäten, er analysiert Informationen immer selbst. Er ist nicht eingeschnappt, sondern kommt zu Schlüssen und macht Erfahrungen.  
Wenn ich betone, dass sich der Mann von der Frau unterscheiden muss, dann meine ich damit vor allem die Emotionen. In ein und derselben Situation können sie eine Frau absolut überwältigen, ein Mann aber bleibt rational und logisch. Das bedeutet nicht, dass Männer gefühllose Brocken sind – wir sind genauso wütend, haben Angst, sind gerührt oder freuen uns. Wir verstehen es eben nur, unsere Emotionen auf später zu verlagern. Erst einmal kümmern wir uns um die Aufgabe, treffen eine Entscheidung, und danach erst lassen wir den Gefühlen ihren Lauf. Genau deswegen ist ein Mann wie ein Fels in der Brandung: er kann sich vor diejenigen stellen, die um ihn sind, und sie beschützen. Ein Mann weiß immer, was er will und was er tun muss, um etwas zu erreichen.  
Viele gehen auf naive Weise davon aus, dass es gewisse materielle Merkmale von Männlichkeit gibt, und wenn man die besitzt, dann ist man ein echter Mann. Zum Beispiel einen großer Pnick-up oder eine abgeschabte Lederjacke. Doch in Wirklichkeit sind solche Attribute für einen richtigen Mann nur die Konsequenzen seiner Entscheidungen. Den Pick-up braucht er, um an Orte zu gelangen, die für leichtere Autos nicht erreichbar sind. Und die Jacke war irgendwann einmal neu, aber sie hat im Wald Äste und Steine abbekommen, den kalten Asphalt während einer plötzlichen Autoreparatur, und so sind an ihr die Spuren der Zeit haften geblieben – im Prinzip auch die Lebensgeschichte ihres Besitzers.
Ein richtiger Mann ist außerdem stark in Geist und Willen.  Er verliert in schwierigen Zeiten nicht den Mut, setzt sich hohe Ziele und erreicht sie.
Ich denke, dass ich diesem Bild gerade in vielerlei Hinsicht entspreche. Vielleicht komme ich mit der Zeit noch auf weitere Kriterien und ändere meine Meinung, aber jetzt gerade kann ich mich als einen echten Mann bezeichnen.
 
 
Lucas B., 31 Jahre, Student, Deutschland


Лукас Б © из личного архива Ich habe keine festen Satz von Kriterien oder Qualitäten, die ein „richtiger“ Mann erfüllen muss. Ich kenne ganz unterschiedliche Männer, die in meinen Augen „richtige“ Männer sind. Jeder muss das für sich und mit sich selbst aushandeln. Für mich sollte ein „echter“ Mann aber gewisse Eigenschaften besitzen und Verhaltensweisen zeigen: ehrlich, geradeheraus, nicht übermäßig eitel oder empfindlich, großzügig, geduldig, hilfsbereit und mit einer gewissen Härte gegen sich selbst. Männer sollten nicht jammern, sondern die Herausforderungen des Lebens gelassen und bereitwillig annehmen. Sie sollten bereit sein, ihre eigenen Bedürfnisse denen ihrer Familie unterzuordnen. Männer sollten sich benehmen können und andere mit Respekt behandeln, sich aber nicht „herumschubsen“ lassen. Kurz, um ein richtiger Mann zu sein, sollte man das Gedicht „If“ von Rudyard Kipling kennen.
Alle diese Eigenschaften sind aber nicht Männern exklusiv vorenthalten. Frauen, die diese Qualitäten verinnerlichen, sind auch bessere Menschen. Ein Mann nach dieser Definition zu sein ist nicht leicht, aber ich gebe mir Mühe. Das sind hohe Ideale, die einem viel abverlangen, denn die inneren Impulse sind oft andere. Man muss sich oft daran erinnern, was man sein möchte, und sein eigenes Verhalten korrigieren. Ich glaube aber, dass es sich lohnt.
 
Boris Kusin, 28 Jahre, Urologe und Chirurg, Russland

Борис Кузин © из личного архива Mann zu sein bedeutet für mich persönlich, Verantwortung für das eigene Handeln und die eigenen Aussprüche zu tragen. Dahinter verbirgt sich eine Gesamtheit an Eigenschaften, die ein Mann selbst oder mit der Hilfe seiner Eltern, ihm nahestehender Menschen und mit zunehmender Erfahrung in sich entwickeln sollte. Es geht hier nicht um Orientierung oder um die äußere Erscheinung. Im weiblichen Organismus laufen jeden Monat zyklisch hormonelle Veränderungen ab, von einer Schwangerschaft einmal ganz zu schweigen. Eine Frau kann es sich leisten, „im Eifer des Gefechts“ etwas zu sagen, und sie kann sich impulsive Handlungen erlauben. Ein Mann nicht. Ein Mann hat für jedes Wort, das er alleine oder öffentlich ausspricht, sich selbst und der Umgebung gegenüber Rechenschaft zu tragen – insbesondere dann, wenn es laute Meinungsäußerungen sind. Er sollte sich sehr genau bewusst sein, was er zu wem sagt und zu welchen Handlungen er nach dem Gesagten bereit ist. Ein eingehaltenes Versprechen ist auch eine solche Handlung. Ob das gut oder schlecht ist, charakterisiert einen Menschen an sich, aber nicht einen Mann. Ob ich diesem Bild entspreche? Nicht immer. Es ist unmöglich, immer die Beherrschung zu behalten. Ich bin schließlich kein Roboter, sondern ein lebendiger Mensch. Natürlich möchte man sich manchmal in die Kindheit zurückflüchten, doch man muss eben immer öfter Entscheidungen für sich selbst und die einem nahestehenden Menschen treffen und nicht immer das sagen und tun, was von einem erwartet wird. Und das ist für mich die Norm.
 
 
 

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