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Sind alle bereit zu partizipieren?

Art-Labor Schule 238
Foto: Natalia Bulkina

Von Julia Potselueva

Mit den Projektwochen „Woche der Veränderungen“ (2016/19) habe ich 16 Schulen besucht. In jeder Schule kommen wir wie auf einem unbekannten Planeten an, der nach seinen eigenen Regeln funktioniert; wir können lediglich Instrumente anbieten, die wir beherrschen und abwarten, welche Reaktion dies bei den Teilnehmenden auslöst.
 
Das Format der Projektwoche ermöglich es in einem kurzen Zeitraum, Probleme zu formulieren, zu verstehen, worauf es ankommt und eine kreative Lösung vorzuschlagen, sei es durch Tanz, Forumtheater oder visuelle Veränderungen. Wir möchten die Fantasie der Teilnehmenden wecken und einen Impuls für einen freien kreativen Prozess geben. Zugleich schlagen wir vor, die Ideen in die Wirklichkeit zu integrieren und legen den Rahmen fest: Fünf Tage, kleines Budget, Erörterung der Ideen mit der Schulleitung oder den „Nutzenden vor Ort“. Das Ausgedachte muss realisiert werden.
 
Ich bin davon überzeugt, dass das vorliegende Projekt großes Potential hat. Diese fünf Tage geben den Teilnehmenden Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, lassen sie verstehen, dass sie ihre Umgebung verändern können. Die Schulleitung und die Lehrpersonen können mit den Augen der Lernenden auf die Schule und die darin stattfindenden Prozesse blicken; die Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen sammeln einzigartige berufliche Erfahrungen in partizipativen Projekten, im Delegieren der Verantwortung und in der Co-Autorschaft. Die Möglichkeit zum Dialog innerhalb des Projekts ist für mich ebenfalls wichtig: zwischen den Lernenden und den Kunstschaffenden, der Schulleitung und den Jugendlichen, den Kunstschaffenden und der Schule.
 
In diesem Artikel befasse ich mich jedoch mit den Herausforderungen, die uns manchmal begegnen, und mit Wegen, diese zu bewältigen.

1. Das Problem der Freiwilligkeit

Es gibt einen gewissen Widerspruch. Ein partizipatives Projekt setzt die freiwillige Einbeziehung der Teilnehmenden in den Prozess, ihre Initiative, den gleichberechtigten Dialog und ein gemeinsames Festlegen von Regeln voraus. Unsere „Projektwochen“ sind jedoch ein Teil der Lerntätigkeit der Zehntklässlerinnen und Zehntklässler: Wir befreien eine Klassenstufe vom Unterricht, sodass die Projektteilnahme verpflichtend ist. Wir halten uns bewusst an diese Vorgehensweise. An einem fakultativen Projekt würden Jugendliche teilnehmen, die auch sonst entweder eine Kunst-, Musik- oder Theaterschule besuchen. Den Kuratorinnen und Kuratoren sowie Tutorinnen und Tutoren geht es darum, die Begegnung mit der Kunst aber auch für diejenigen Jugendlichen zu initiieren, die noch nie ein Theater oder Museum betreten haben.

Wir arbeiten von Anfang an mit einer Gruppe, in der es mehrere motivierte Teilnehmende gibt – und etliche Teilnehmende, die eher weniger über uns erfreut sind.

Lösungsansätze und Schlussfolgerungen

  • Vorbereitende ausführliche Informationen über das Projekt an die Schülerinnen und Schüler geben
  • Freiwillige Verteilung auf drei Themenbereiche
  • Im Vorfeld verschiedene Ebenen der Teilhabe einplanen, die Möglichkeit für verschiedene Rollen innerhalb des Projekts schaffen: Gestalterin / Gestalter, Ausführende, Beobachtende, Dokumentierende etc.
  • Einplanen einer Alternative (für diejenigen, die nicht beim Projekt mitmachen, sondern weiterhin am Unterricht teilnehmen oder selbständig dem Unterrichtsplan folgen wollen)

Teilnahmebereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen

Im Projektschlagen wir den Jugendlichen vor, etwas prinzipiell Furchterregendes zu tun: Verantwortung für den Schulraum und dessen kreative Umgestaltung sowie für sich selbst, das eigene Handeln bzw. Handlungslosigkeit auf sich zu nehmen. Nicht jede und jeder Erwachsene ist dazu bereit.
 
In den ersten Tagen überwinden wir mit den Teilnehmenden aufkommende Stereotype: „Die (Schulleitung, Hausmeister, Erwachsene) sollen das einrichten“, „Sie (Tutorin, Tutor) sagen uns, was wir tun sollen und wir machen das“, „Wir werden nie eine Genehmigung bekommen“, „Das ist in unserer Schule unvorstellbar“. Das gehört zum normalen Verlauf. Wenn die Teilnehmenden begreifen, dass wir ihnen keine imitierende Tätigkeit, sondern tatsächliche Veränderungen anbieten, die man aus eigenen Kräften umsetzen kann, entsteht eine enorme Energie. Die Verwirklichung des Projekts, von der Erfassung des Problems bis zur Idee, von der Suche nach Mitstreiterinnen und Mitstreitern bis zur Kostenberechnung, vom Entwurf bis zur Realisierung ist eine wesentliche Erfahrung der Selbständigkeit und des Erwachsenenwerdens. Zu den wertvollsten Ergebnissen des Projekts zählt für mich, wenn die Teilnehmenden das Gefühl bekommen: „Ja, das kann ich selbst schaffen“.
 
Aber so ist es nicht immer. Manchmal sind innere Blockaden verschiedener Art oder ein fehlendes Selbstbewusstsein stärker. Und nicht unbedingt ist immer die Schulleitung ein Zerberus, der alle Initiativen verbietet. Möglicherweise wendet sich einfach niemand an sie oder ihn. Zuweilen hat die Schulleitung ein mannigfaltiges Image, ist Symbol einer Macht, mit der die Schülerschaft nicht bereit ist, zu interagieren. Ich schildere zwei Fälle, die mir in den Gruppen „Soziale Interaktionen“ begegnet sind.
 
In der ersten Schule befürchteten die Schülerinnen und Schüler, dass jedes offengelegte Problem einen Schatten auf das Verhältnis zumLehrkollegium und zur Schulleitung wirft und sie in den Augen der Erwachsenen nicht mehr gut dastehen. In diesem Fall war es wichtig, eine Brücke für den Dialog zu bauen. Wir haben erklärt, dass sich nur dann etwas verändern lässt, wenn zuerst das Problem benannt und dann Lösungsvorschläge unterbreitet werden. Wie es gelang, die Jugendlichen zu einem Gespräch zu bewegen und welche Formen das partizipative Projekt in dieser Gruppe annahm, legt Maria Kolosova ausführlich in ihrem Artikel dar.
 
Ein anderes Mal wurden wir mit dem Problem emotionaler Unreife konfrontiert. Kluge, begabte junge Menschen, die viel Zeit mit Schularbeiten verbringen undgute Plätze bei Schulolympiaden belegen, hatten noch keine Situationen erlebt, die sie erwachsener werden ließen. Deshalb wurde unser Angebot – Verantwortung übernehmen, selbst Regeln festlegen, eigene Ideen vorschlagen – sehr ungern aufgenommen, rief Ratlosigkeit und sogar Protest hervor.

Lösungsansätze und Schlussfolgerungen

Man muss zugeben: Ein Reifungsprozess findet nicht innerhalb von fünf Projekttagen statt. Wir müssen erkennen, inwiefern eine Gruppe von Beginn an zu einem partizipativen Format bereit ist, eigene Ideen vorschlagen und diese selbständig realisieren kann. Unsere Aufgabe besteht darin, die Realität nüchtern einzuschätzen und einen Plan B zu entwerfen. Wenn Eigenverantwortlichkeit von den Teilnehmenden als unzumutbare Last empfunden wird, müssen in der Projektwoche andere Regeln für Interaktionen formuliert werden; man muss das richtige Maß an Eigenverantwortlichkeit finden, das die Schülerinnen und Schüler bereit sind, in dem Moment auf sich zu nehmen. Man muss es ihnen ermöglichen, in irgendeiner kleineren Sache erfolgreich zu sein.

3. Künstlerisches Ergebnis

Wir machen uns Kunstpädagogik zunutze: Theaterpädagogik, Tanzimprovisation, Grafik oder Design etc. In beiden von mir beschriebenen Fällen herrschte in den Gruppen „Soziale Interaktionen“ jedoch ein derartiges Defizit an Interaktion, dass wir dazu gezwungen waren, einen weiten Weg zurückzulegen, um kollektive Kreativität zu ermöglichen. Und das führte zu keinem künstlerischen Ergebnis, das für das breitere Publikum interessant gewesen wäre. In beiden Gruppen wurden weitaus wesentlichere und brennende Fragen offengelegt: die Möglichkeit, zu einem Dialog finden, sich über Regeln und Rahmenbedingungen der Interaktion verständigen. Solange die Gruppe ihre dringlichsten Probleme nicht löst (von der Anbringung von Haken zum Absperren der Toiletten bis hin zur fehlenden Kommunikation), wird sie möglicherweise nicht bereit sein, sich am künstlerischen Prozess zu beteiligen. Es ist so, als wenn ein Mensch hungrig ist: dann braucht er ein Stück Brot und keinen feinen Kuchen.

Lösungsansätze und Schlussfolgerungen

Kunstschaffende können und sollen nicht die Rolle von Psychologinnen und Psychologen oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten übernehmen, müssen jedoch darauf gefasst sein, dass der kreative Prozess kein künstlerisches Ergebnis hervorbringt. Oder dass dieses Ergebnis weit entfernt von gewohnten Formaten ist, z.B. eine Diskussion statt eines Kunstobjekts oder eine Performance für fünf Zuschauer*innen.
 
Das ist die wesentliche Besonderheit partizipativer Projekte: Es kommt kein Ergebnis, genauer gesagt, kein sichtbares Ergebnis heraus, das für ein breiteres Publikum bedeutsam ist. Es gibt jedoch andere Effekte, die schwerer messbar sind und nicht sofort zum Ausdruck kommen.
 
Ich schließe mit einem Zitat aus Claire Bishops Buch Articifial Hells. Participatory Art and the Politics of Spectatorship: „By contrast, today’s participatory art is often at pains to emphasise process over a definitive image, concept or object. It tends to value what is invisible: a group dynamic, a social situation, a change of energy, a raised consciousness.“1
 
Solche Prozesse sind natürlich schwerer nachzuvollziehen und durch Beobachtungen oder Befragungen offenzulegen. Umso wertvoller ist die Möglichkeit, sie innerhalb des Schulsystems zu realisieren, wo den Noten und den Ergebnissen so viel Aufmerksamkeit beigemessen wird.

1 „Die zeitgenössische partizipative Kunst versucht hingegen, bewusst den Vorrang des Prozesses gegenüber der finalen Darstellung, der Idee oder des Objekts hervorzuheben. Häufig wird darin vor allem das Nichtsichtbare geschätzt: die Gruppendynamik, die soziale Situation, die Veränderung der Energie, die Steigerung des Bewusstseins.” Aus: Artificial Hells: Participatory Art and the Politics of Spectatorship, Claire Bishops. London, 2012
 

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