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Das Forumtheater. Soziale Interaktion

Das Forumtheater. Soziale Interaktion
Alexej Fariew © Goethe-Institut

Von Maria Kolosova

Die Methode von Forumtheater – im 20. Jh. von Augusto Boal entwickelt – ist ein sehr effektives Verfahren, um einen Dialog zu initiieren und etwas zu verändern; um Ungerechtigkeit zu beseitigen. Boal war der Meinung, dass jeder von uns in einer Situation, in der er keine Stimme hat, in die Rolle des Unterdrückten gerät. Die gegenwärtige Weltordnung – Politik, Wirtschaft, Bildung – übertönt oft die Stimmen der Menschen. Das Forumtheater entwickelt ein Stück, das auf einer realen Geschichte basiert. Im Forumtheater geht es immer um eine Geschichte der Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Den Zuschauer*innen wird eine Frage gestellt, die sie beantworten können, indem sie auf die Bühne kommen. Solange wir spielen, haben wir keine Antwort. Diese suchen wir gemeinsam mit dem Publikum während der Aufführung.

In der Regel wird das Stück nicht von professionellen Darstellern, sondern von denjenigen gespielt, die zu der zugrundliegenden Geschichte einen Bezug haben. Mithilfe bestimmter Übungen und Techniken entwickeln die Teilnehmer*innen ihre Rollen und spielen ein Stück bis zum Höhepunkt, sodass darauffolgend der Moderator als Joker, dem Publikum die Gelegenheit gibt, einen Darsteller in der Rolle des Unterdrückten zu ersetzen und eine alternative Lösung des dargestellten Problems vorzuschlagen. Die Zuschauer*innen kommen auf die Bühne, spielen ihre eigene Version und die Darsteller*innen improvisieren. Auf diese Weise erkennt derjenige, dessen Problem in dem Stück zu sehen ist, viele Möglichkeiten, um seine Interessen zu verteidigen.

Es können verschiedene Problemlösungen angeboten werden, z. B. sich selbst aus der Situation völlig herauszunehmen. Dennoch besteht die Aufgabe des Forums darin, Beziehungen umzugestalten, nach Kommunikationsmitteln zu suchen, um den vorhandenen Widerspruch zu glätten.

Stimme und Dialog

In Schule gibt es viele Anordnungen, Regeln, Verbote, Gesetze... Darin muss man existieren. Für die Erwachsenen gibt es Lehrergewerkschaften. Eine Schülergewerkschaft gibt es hingegen nicht. Es gibt Schülerräte und Schülerparlamente, aber das sind normalerweise eher formale Organisationen. Im letzten Jahr entschieden sich die Jugendlichen einer Schule, das Forumtheater einem solchen Schülerparament zu widmen: Wir spielten eine Szene, in der die Leiterin den Schüler*innen nicht erlaubte ihre Ideen voranzutreiben. Das Forum hat funktioniert und die Schüler*innen wurden zu Teilnehmer*innen des Schülerrats; ich hoffe, dass sie die Möglichkeit haben auf das Schulleben einzuwirken. Ein Dialog mit der Lehrerin, der Leiterin dieser Organisation hat jedoch nicht stattgefunden. Als sie über die Szene erfuhr, hat sie die Leitung abgegeben...

Projektwoche

In fünf Tagen müssen wir viel schaffen. Der Montag ist zum Kennenlernen da, auch wenn sich die Gruppe seit der ersten Klasse kennt. Dabei geht es nicht nur um die Namen, sondern auch um den Austausch: Eine andere Person berühren, sich gemeinsam bewegen, lernen einem Partner zu vertrauen. Am Montag zeige ich viele Übungen. Am selben Tag zeige ich Videos und erzähle über das Forumtheater.

Den Dienstag beginnen wir mit einem Gespräch darüber, was ein Konflikt und was Unterdrückung ist. Ich erkläre, wie ein klassisches Stück aufgebaut ist, das eine Exposition, einen Höhepunkt und eine Lösung enthält. Wir finden heraus, welche Konflikte es unter den Teilnehmer*innen der Gruppe gibt, welche Konflikttypen prinzipiell existieren. Am Ende des Tages gebe ich eine „Hausaufgabe“ auf: Sie sollen darüber nachdenken, welche Unterdrückungssituationen im Leben jedes einzelnen von ihnen vorkommen.

Am Mittwoch wählen wir nach einer bestimmten Methode die Themen und Sujets aus. Jeder bringt seine Geschichte durch „Skulpturen aus Menschen“ zum Ausdruck, d.h. es wird nicht direkt erzählt. Diese „Skulpturen“ interpretieren wir und gruppieren sie nach Themen. Danach bilden die Teilnehmer*innen Teams nach Themen und jedes Team entwickelt eine Szene aus dem eigenen Material. Am Ende des Tages (oder erst Donnerstagvormittag) wählen wir das aus, womit wir weiterarbeiten. Wir entfalten die Protagonisten, stellen Beziehungen zwischen ihnen her. Zugleich versuchen wir zu verstehen, wie die Inszenierung aussieht, wie die Bühne gestaltet wird.

Am Freitag schließen wir die Vorbereitung des Stücks ab. Wir versuchen uns gegenseitig zu ersetzen, eigene Versionen des Stückverlaufs innerhalb der Arbeitsgruppe vorzuschlagen, damit sich die Jugendlichen vorstellen können, wie das mit den Zuschauer*innen ablaufen wird. Und danach machen wir eine Aufführung.

Direkt vor der Aufführung gibt es immer jemanden, der „aufwacht“ und fragt: Wie, die Zuschauer*innen werden wirklich auf die Bühne kommen?

Weshalb?

In der üblichen Praxis des Forumtheaters wird ein Thema bekanntgegeben, und in die Gruppe kommen interessierte Menschen. Das heißt, sie möchten bereits etwas verändern.
 
Bei „Art-Labor“ werden wir nicht von den einzelnen Schüler*innen, sondern von den Schulen eingeladen. Und die Schüler*innen brauchen möglicherweise nicht unbedingt Forumtheater. Wenn keine Energie und Wille zu Veränderungen vorhanden sind, dann ist Forumtheater unmöglich. Deshalb ist es wichtig, den Wunsch zu erwecken, über Veränderungen nachzudenken.
 
Im Leben trifft man selten Menschen, die sich regelmäßig die Frage stellen, was sie möchten und wofür sie leben. Das wird uns von niemandem und nirgendwo beigebracht. Um bei den Schüler*innen ein Bewusstsein zu wecken, muss man ihnen erst einmal zu verstehen geben, dass sie für sich selbst leben: Sie besuchen die Schule nicht für ihre Eltern, sie lernen nicht für Noten. Wichtig ist, dass die Schule zu einem Raum wird, in dem sich alle wohl fühlen und wo es interessant ist.
 
Wir bestimmen in jedem Fall gemeinsam über das Material des Stückes. Es ist sehr wichtig, dass die Frage, die von der Gruppe in das Forum eingebracht wird, für alle aktuell ist, damit ein akuter Wunsch vorhanden ist, diese zu lösen. Wenn eine Frage alle berührt, dann werden alle versuchen, etwas zu verändern. Solange das nicht vorhanden ist, kann das Forum nicht gelingen.
 
Zum Beispiel wollten die Schüler*innen einer Schule das Verhältnis zu den Lehrer*innen und dem Direktor nicht verderben. So waren sie eingestellt: Sie brauchen gute Noten, um an einer guten Hochschule aufgenommen zu werden und keine Probleme. Und diese Schüler*innen begeisterten sich solange für keine gemeinsame Idee bis die Geschichte über das Zehn-Punkte-Bewertungssystem aufkam, das bei ihnen eingeführt wurde. Es war so, dass den Schüler*innen niemand genauer erklärt hat, wie das funktionieren wird, man teilte ihnen nur eine Beschreibung des neuen Bewertungssystems aus.  Und die Lehrer*innen kannten sich offenbar auch nicht wirklich damit aus. Wir machten kein Forumtheater, sondern wählten ein anderes Format und organisierten ein Treffen zwischen den Zehntklässler*innen und dem Direktor. Die Jugendlichen führten eine Umfrage durch und stellten eine Statistik darüber auf, wie die neuen Noten ausgewertet werden. Sie stellten alle Angaben dem Direktor vor, besprachen notwenige Schritte, um diese Frage zu klären. Nach unserer Präsentation lud man die Schüler*innen in den Lehrerrat ein, um gemeinsam über die zehn Punkte zu diskutieren.

Sicherheitstechnik

Ich sage von Beginn an: Das Projekt wird von Jugendlichen und für Jugendliche gemacht; aber das wird wahrscheinlich in den ersten beiden Tagen vor dem Hintergrund der Schauspielübungen nicht allen bewusst. Aber wenn sie bereits einige persönliche Geschichten gefunden haben, beginnen sie zu verstehen, dass sie das gerade erzählen und diskutieren, während sie in einem geschützten Raum sind, es ihnen jedoch bevorsteht, diese Geschichten der gesamten Schule zu zeigen. Und sie überlegen, ob sie dazu bereit sind. Und ich erinnere sie beharrlich daran: Ihr tragt die Verantwortung dafür, welche Geschichte ihr jetzt erzählen werdet und dafür, wie auf diese reagiert wird. Denn sie werden weiterhin in jedem Fall mit den Menschen, die im Publikum sind, zu tun haben, mit den Schüler*innen und den Lehrer*innen.

Präzisierung des Anliegens

Im Forumtheater gibt es einen Protagonisten, der „bestimmt“ und einen Antagonisten, über den bestimmt wird. Bei Boal gibt es die folgende Übung: Der Moderator schlägt dem Darsteller-Protagonisten vor, zu überlegen, wie aus seiner Sicht die ideale Situation für seinen Protagonisten aussehen sollte; das heißt, was dieser mehr als alles andere auf der Welt bekommen möchte. Dem Darsteller sind drei bis vier Schritte zur idealen Situation erlaubt. Der erste Schritt ist meist die Entfernung des Antagonisten. Ganz und gar. Weg aus meinem Leben! Der zweite Schritt: sich von Freunden umgeben. Der dritte Schritt: Alle Freunde lächeln mich an und wir umarmen uns. Mit dem vierten, fünften, sechsten Schritt kommen Probleme auf. Was kann ich noch gebrauchen?! An dieser Stelle fragt der Moderator: Was hat sich nach der Entfernung des Antagonisten verändert? An dessen Stelle kann genau die gleiche Person treten. Der Protagonist muss unbedingt verstehen, welche Veränderung es in seinem Leben geben soll, was er bewirken will! Forumtheater fordert uns dazu auf, sich nicht an einem gemütlichen Ort zu verstecken, wo alle Freunde sind, sondern eine aktive Position einzunehmen, deutlich seine Anliegen zu formulieren und den Mut zu haben, den ersten Schritt zu ihrer Realisierung zu tun.

Den Antagonisten verstehen

Die Jugendlichen entscheiden selbst, welche Rollen wem besser gelingen. Der Antagonist ist eine sehr wichtige Rolle, in der man viel improvisieren muss. Wir versuchen die Geschichte der Figur durchzunehmen: Wir beantworten uns Fragen, beispielsweise wie lange arbeitet die Person in der Schule, kann sie sich an den ersten Arbeitstag erinnern, hat sie Lieblinge usw. Die Jugendlichen beginnen aus der Sicht der Person diese Fragen zu beantworten. Wir finden heraus, wovor sich die Person ängstigt, was sie will. Ich versuche Verständnis zu vermitteln: Der Mensch kann nicht einfach die Verkörperung des Bösen sein, jeder hat Gründe so oder anders zu handeln.
 
Bei der Aufführung ist ein ausführliches „Portrait“ des Antagonisten unverzichtbar.

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