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Interview 2019
Über partizipative Projektarbeit

ART-LABOR in Zapoljarnij
Foto: Yulia Kaminskaja

Ekaterina Barsukowa: Designerin, Expertin für Designforschung, Expertin der Forschungsabteilung Bildungsinfrastruktur des Instituts für Systemprojekte der Städtischen Pädagogischen Universität Moskau (MGPU). Workshopleiterin in den Projekten „Woche der Veränderungen“, 2017 und „ART-LABOR“, 2018.

Vor dem Projekt „Woche der Veränderungen“ war ich Teil eines Teams, das die Raumausstattung der besten Schulen Moskaus entwickelt. Wir folgten den gegenwärtigen weltweiten Tendenzen in der Pädagogik und Architektur. Die Budgets für hochwertige Materialien, die Kommunikation mit den Lehrenden und die durch die Auftraggebenden ermöglichte freie Auswahl ließen uns wirklich einzigartige Räume erschaffen. Das war meine Traumarbeit, wir bauten die Zukunft.
 
Murmansk war für mich eine ohrenbetäubend schwere Landung in der Wirklichkeit. Es verlief alles anders, als ich es mir anfangs vorgestellt habe. Das rief einen zweifachen Schmerz hervor: Die Unmöglichkeit, wirklich relevante Probleme aus der Perspektive des sozialen Designs zu lösen und überdies die deutliche Einsicht, dass alles was ich früher tat, ich nicht richtig oder nicht für die Richtigen machte. Wenn man darüber nachdenkt, dann bauen und reformieren wir Erwachsenen auf dem staatlichen Niveau Schulen für Erwachsene, indem wir es nach erwachsenen Maßstäben realisieren.
 
Oberschüler aus Murmansk haben sich als ernstzunehmende, entwickelte, ausgeglichene Menschen erwiesen, die sich auf die Lösung großer Aufgaben einstellten: Und so sprachen wir über soziales Design, Sicherheit, Respekt für den Einzelnen, Navigation, Einklang zwischen dem Raummaßstab und dem Kind, Selbstverwirklichung. Die brisantesten und wirklich sozial wichtigen Projekte haben die normativen Forderungen nicht erfüllt, dennoch gelang einiges. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass durch die notwendige Unterstützung und Ermunterung durch die Workshopleitenden, die Jugendlichen in der Lage sind, selbständig beeindruckende, ansehnliche und, noch wichtiger, funktionierende kreative Lösungen zu finden. Das war schwierig, aber unglaublich inspirierend.
 
Nachdem ich zurückgekehrt bin, konnte ich mich nicht erneut im Privatschulsystem einfinden, kündigte zwei Wochen später und bin an die Städtische Universität Moskau gewechselt. Die neue Arbeit ermöglichte es mir, die Innenausstattung der städtischen Bildungsorganisationen zu erforschen und auf diese einzuwirken, die Lehrenden im richtigen Umgang mit Räumen anzuleiten und, am wichtigsten, zu versuchen, Kinder in den Prozess der Schulgestaltung einzubinden.
  
Die Erfahrung in Murmansk hat Spuren hinterlassen, die mich noch mehrere Monate verfolgten, fortwährend reflektierend versuchte ich diese zu verarbeiten: Wie kann man innerhalb dieser Zeitspannen den Schulinnenraum lesen und begreifen, was mit diesem gemacht werden kann und muss? Allmählich nahm im Kopf eine Methodik Gestalt an, die ich „emotionale Bewertung“ der Schule genannt habe. Anfänglich war diese auf Schülerinnen und Schüler der 6-8 Klassen ausgerichtet, doch im Folgenden ist es uns gelungen, sie auch bei älteren Lernenden und sogar bei Lehrkräften zu erproben. In spielerischer Form ermöglicht die „emotionale Bewertung“, die wichtigsten sensiblen Punkte des Raums offenzulegen, die, wie sich herausstellen sollte, bei Weitem nicht immer mit der Bewertung eines externen Fachmanns und der Schulleitung übereinstimmen. Unter der Mitwirkung von Kolleginnen und Kollegen aus unserer universitären Forschungsabteilung konnte ich mit der Anwendung der eigenen Methodik beginnen.
 
Noch zur Studienzeit begann ich - begeistert von der Theorie der Kriminalprävention durch Umweltdesign (CPTED) – Ideen dieser Theorie in meine Arbeit einzubeziehen. Eines der Schlüsselpunkte von CPTED ist die Einbeziehung der Gemeinschaft in den Prozess der Umweltgestaltung: Eine Person, die an der Entwicklung und Gestaltung eines Raums beteiligt ist, ist viel weniger zum Vandalismus geneigt als eine, die einen bereits „rundum fertigen Raum“ betritt. Und eine weitere wichtige Hypothese, die dank CPTED und Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen entstand: Wenn einem Kind tatsächlich die freie Gedankenäußerung erlaubt ist, ist dieses zur Selbstkontrolle fähig.
 
Alle diese Überlegungen führten uns zu dem Gedanken über partizipative Planung von Schulräumen. Mir gefällt vor allen der Begriff „Teilhabe“, da dieser mehr Verantwortung für das Ergebnis, Nähe zum Prozess und Signifikanz jedes Teilnehmers impliziert. Die Idee ist nicht neu: Viele skandinavische Städte versuchen, die Umwelt mit Beteiligung der Einwohner zu gestalten und das ist ein schwieriger, interessanter und vielschichtiger Prozess, der in Russland bislang noch nicht die notwendige Verbreitung erfahren hat.
 
Partizipative Planung beginnt mit der emotionalen Bewertung der Schule. Die Teilnehmenden erforschen den Raum und bestimmen dessen Problempunkte. Daraufhin denken wir uns während der kreativen Seminare und Spiele mögliche, zumindest partielle Lösungswege für die herausgestellten Probleme aus. Ich erzähle den Jugendlichen über die Prinzipien des sicheren Designs, über den gegenseitigen Einfluss von Raum und Mensch und sie versuchen, die innere Erfahrung verarbeitend, ihre eigenen Projekte zu entwickeln. Gleichzeitig kommunizieren wir mit den Lehrkräften und der Schulleitung, beziehen diese auch in den Prozess ein. Danach werden alle Vorarbeiten zu einem professionellen Designprojekt synthetisiert, das als Vorlage für die Renovierung dient. Das ist ein langwieriger Prozess und bisher konnten wir nur partiell die Ergebnisse aus der partizipativen Planung in einigen Schulen umsetzen. Es gab leider auch eine negative Erfahrung als die Administration einer Bildungseinrichtung auf halber Strecke Veränderungen stoppte oder diese nur in sehr geringem Maße umsetzte. Momentan arbeitet das Team unseres universitären Forschungsbereichs an einer wissenschaftlichen Grundlage und Methodenbeschreibung, damit diese auf regionalem Niveau skaliert werden kann.
 
Als man mich zu dem Projekt „ART-LABOR“ einlud, habe ich keine Sekunde gezweifelt. Die einjährige Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen gab ein bescheidenes aber wichtiges Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die Sommerschule hat sich als sehr sinnvoll erwiesen: Diese senkte den Pegel der Aufregung, half dabei, sich emotional den Schulvertreterinnen und Schulvertretern und anderen Workshopleiterinnen und Workshopleitern anzunähern und einige interessante Arbeitsverfahren der Kolleginnen und Kollegen zu erlernen.
 
Ich brach mit aufgeregtem Gefühl nach Sapoljarny auf und habe mich nicht getäuscht.  Die zweite Projektwoche stellte sich als das völlige Gegenteil der ersten heraus. Die Schulleitung war zugänglich in der Kommunikation, unterstützte unseren Prozess, die Arbeitsgruppenteilnehmenden haben mit offensichtlicher Freude geforscht, entworfen und anschließend das Geplante realisiert. Alle vier Projekteinheiten der Gruppe „visuelle Veränderungen“ wurden von der Schulleitung angenommen. Die Schuldirektorin versprach, drei Projekteinheiten nach Abschluss des Projekts „ART-LABOR“ aus eigenen Kräften zu realisieren, wobei der Sieger durch eine große Abstimmung gewählt wurde. Am Ende haben sogar skeptisch gestimmte Jugendliche sich überwunden und der Arbeit angeschlossen. Das Realisierte überschreitet den Rahmen einer kosmetischen Renovierung: Der entstandene Raum verwirklicht das Prinzip der Schülerselbstverwaltung und künstlerischen Freiheit. Ich bekomme nach wie vor wunderschöne Fotos von Zeichnungen und Wandsprüchen, die auf Kreidewänden entstehen. Diese Kreidewände konnten wir trotz aller technologischen Hürden anbringen.
 
Es gab aber auch einen Haken: Die Jugendlichen zeigten keinerlei Interesse, soziale Probleme zu lösen. Sie fühlten sich weder von sicherem Design noch dem Umwelteinfluss auf den Menschen und auch nicht davon, wie verschiedene ethische Fragen, die Alter, Geschlecht, Generationsverhältnisse betreffen, im Raum reflektiert werden können, angesprochen. Das hat mich sehr verwundert. In allen Schulen, mit denen ich früher gearbeitet habe, riefen besonders diese Themen sehr große Resonanz hervor. Es entstand der Eindruck, dass die Jugendlichen das Geschehen als etwas Temporäres wahrnehmen und sich bewusst von wirklichen Problemen distanzieren. Als ob die jungen Erwachsenen auf den Schulabschluss warten, um die Stadt zu verlassen und erst dann das wirkliche Leben zu beginnen.
 
Nach meiner Rückkehr nach Moskau habe ich mich in Schulaufgaben vertieft, die   für unsere schwierige, widersprüchliche Megapolis aktuell sind, aber regelmäßig kehrt der Gedanke an Monostädte und deren Schicksal zu mir zurück und lässt immer wieder daran zurückdenken. Keimt auf diese Weise vielleicht ein neues Projekt
 

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