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Katharina Iva Nagel: Tanzpädagogik als Instrument kultureller Bildung

Sprachniveau: B2
Katharina Iva Nagel, Tanzkünstlerin und Tanzpädagogin,Tutorin des Projekts „Woche der Veränderungen“ im Jahr 2017 (Archangelsk, Murmansk) und des Projekts „Art-Labor“ im Jahr 2018 (Sewerodwinsk, Zapoljarnij) erzählt über Tanzpädagogik als Instrument kultureller Bildung.

Ich beschäftige mich mit Tanzimprovisation und Tanztheater. Bei diesen Techniken der Kulturellen Bildung geht es vor allem darum, die körperliche Ausdrucksfähigkeit zu stärken und eigene Ideen zu entwickeln. Wir trainieren unsere Körper- und Raumwahrnehmung sowie unsere individuelle Ausdrucksfähigkeit, um mit dem Tanz und der Bewegung Geschichten zu erzählen.
 
Dabei wird nicht mit festgelegten Bewegungen gearbeitet, die von Lehrenden vorgegebenen werden, sondern jede und jeder entwickelt kontinuierlich ihr bzw. sein persönliches Bewegungsmaterial. In diesem Sinne gibt es auch kein „richtig“ oder „falsch“ in der Improvisation, und das allein kann schon eine große Herausforderung für viele Teilnehmenden (sowohl Jugendliche als auch Erwachsene) sein. Wir alle sind es so gewohnt, auf die eine oder andere Art “gesagt” zu bekommen, was zu tun ist, bzw. wissen zu wollen, was „das Richtige” ist, dass die Freiheit, selber zu entscheiden, zunächst fast verwirrend und überfordernd wirken kann.
 
Das Training ist dann, sowohl den eigenen Körper wahrzunehmen als auch mit den Anderen in Austausch zu treten. Das Interessante in diesem Prozess ist, dass auf diese Weise viele verschiedene Interpretationen eines bestimmten Themas sichtbar werden können – eine Bewegung zum Thema Freiheit kann zum Beispiel ganz unterschiedlich ausfallen, je nachdem, was für mich Freiheit bedeutet. Und natürlich kann wiederum der oder die Mittanzende bzw. das Publikum die Bewegung anders wahrnehmen, je nachdem, welche Symbolik sie oder er selbst „hineinliest”. Gleichzeitig können mit der künstlerischen Arbeit oft auf unerwartete Weise gegenseitige Verbindungen und inhaltliche Überscheidungen sichtbar werden, wenn Themen universell erlebbar werden – wie etwa Momente von Trauer über eine Trennung oder Veränderung, die wir alle, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise, kennen.
 
Für mich ist der Tanz daher auch eine Form, jenes auszudrücken, was sich vielleicht sonst nicht so leicht in Worte fassen lässt – auch ambivalente Gefühle und schwierige Erfahrungen. Tanz kann so einen poetischen Raum zum Austausch eröffnen. Das funktioniert ähnlich wie bei Musik, die uns ansprechen kann, ohne dass wir z.B. genau den Text verstehen müssen. So ist es auch mit dem Tanz: die Teilnehmenden und auch das Publikum müssen gar nicht unbedingt die Konzepte hinter der Performance verstehen, aber wenn sie sich darauf einlassen, kann diese künstlerische Arbeit mit dem Körper einen neue Ebene der Kommunikation eröffnen.
 
Die Workshops „Raum Umdenken –Tanzimprovisation und Site-Specific Performance“ für das Projekt „ART-LABOR“ 2018 vereinten verschiedene dieser Ansätze. Im Programm wechselten sich Elemente des Tanztrainings, Performancetrainings (Übungen zur Gruppen- und Raumwahrnehmung) und inhaltliche Auseinandersetzung (kreative Schreibübungen und Diskussionen) ab. Die Übungen und Aufgaben hatten einerseits zum Ziel, die körperliche Selbstwahrnehmung zu trainieren und eine Einführung in die Tanzimprovisation zu geben, mit deren Hilfe die Schülerinnen und Schüler die Aspekte Raum, Zeit und Dynamik in der Bewegung erforschen sollten. Ein weiteres Ziel war die Erkundung des Raumes „Schule“ in seinen verschiedenen Facetten – Architektur, Funktion, soziale Nutzung, Atmosphäre. Hier ging es vor allem darum, die Jugendlichen zu einer Auseinandersetzung mit Themen wie Lernräume, Zukunftswünsche und Rollen innerhalb der Schule anzuregen und neue Perspektiven auf einen täglich genutzten Raum zu entwickeln.
 
Die zweite Hälfte der Workshops war der Realisation der Performance vorbehalten und bildete einen offenen und partizipativen Rahmen, in dem neben der intensiven Probenarbeit auch das gemeinsame Entscheiden über den dramaturgischen Ablauf im Vordergrund stand. Aus dem bis dahin erarbeiteten Material wurde eine ortsspezifische Performance im ganzen Schulhaus entwickelt, die durch Verschiebung und Verfremdung der Raumnutzung mit Tanz, installativen Elementen, Text und Musik eine Art poetischer Kommentar der Forschungsergebnisse der Schülerinnen und Schüler darstellte.
 
Am Anfang der Projektwoche in Sewerodwinsk war diese Art der Arbeit für viele Teilnehmenden noch ziemlich ungewohnt: auch wenn sie sich über die neue Atmosphäre einer Projektarbeit freuten, fiel es doch einigen eher schwer, sich auf den Gestaltungsprozess einzulassen, der ja maßgeblich vom Input der Teilnehmenden lebt. Natürlich stellt diese Herangehensweise auch große Anforderungen an die Teilnehmenden: die, sich zu öffnen und sich zu zeigen – im Bewegungstraining und auch in der Entwicklung der Performance –, sich mit eigenen Ideen und auch Meinungen einzubringen. Nach und nach konnten sich die Teilnehmenden aber diese Form der partizipativen Choreographie aneignen: besonders ab Mitte der Woche, als in Kleingruppen eigene Szenen entwickelt werden sollten, wurden 1.) bestehende Gruppenkonstellationen neu durchmischt und 2.) konnte die Diversität an Charakteren in der Gruppe optimal für die Erarbeitung der einzelnen Szenen genutzt werden. So konnte sich jede und jeder in der eigenen Individualität einbringen und es entstanden starke und besondere Szenen, die auch methodisch sehr unterschiedlich waren: manche mehr performativ, andere konzentrierten sich darauf, mit puren Tanzbewegungen zu arbeiten. Diese wurden anschließend an inhaltlich passenden Orten in der Schule inszeniert. Den Beginn bildete zum Beispiel eine gemeinsame Szene zu den vielen Gefühlen, die mit dem Schulalltag verbunden sind – wie Monotonie, Wiederholung, aber auch eine kindliche Fröhlichkeit – die in einem engen und dunkeln Kellerraum gezeigt wurde. Verbindendes Element der ortsspezifischen Aufführung, in der das Publikum zu verschiedenen Aufführungsorten durch die Schule geführt wurde, waren dabei immer wieder auftauchende Figuren, die dem Publikum davon erzählten, wie es sich anfühlt, sich anderen zu öffnen – schön, aufregend, aber auch herausfordernd. Die Aufführung war für die Teilnehmenden ein echter „Push” und sie waren am Ende sehr stolz auf das Ergebnis und ihren eigenen Mut, vor dem Publikum aufzutreten.

In der Projektwoche in Zapoljarnij standen wir am Anfang vor einer logistischen Herausforderung:
wir waren eine große Gruppe von insgesamt 21 Personen und hatten zunächst nur ein kleines Klassenzimmer zur Verfügung! Würden wir so genug Raum haben, um uns alle freitanzen zu können und Raum für unsere eigenen Bewegungen finden? Ich habe das Gefühl, das uns auch diese Einschränkung dazu gebracht hat, von Anfang an offen miteinander zu sein. Von Anfang an mussten wir die Gruppe bei Übungen zweiteilen, so dass es für alle gar keine andere Wahl gab, als ihre Scheu, vor den anderen zu tanzen, zu überwinden. So sind ganz schnell ein toller Zusammenhalt und eine sehr aktive und motivierte Stimmung entstanden. Die Jugendlichen haben sich mit großem Einsatz und Enthusiasmus in die Arbeit gestürzt und sehr tiefe und spannende Themen eingebracht. Dieses Engagement und diese positive Energie ließen uns in nur einer Woche wirklich sehr weit kommen – sowohl im Training des gegenseitigen „Zuhörens” in der Improvisation als auch in der Entwicklung des persönlichen Ausdrucks. Während die Arbeit an den gemeinsamen Szenen im Foyer und in der Mensa zentralen Raum einnahmen, fügten sich auch hier die verschiedenen Szenen wieder zu einem komplexen Gesamtbild – die Jugendlichen entschieden sich in ihren Kleingruppen für Themen wie eine verstörende Geschichte über Träume und Aufgeschreckt werden im Klassenraum, einen berührenden und gleichzeitig ironischen Blick auf Lebensetappen und die Arbeitswelt – erwartet uns dort einfach die Schule reloaded? – oder eine Reflektion über Ausgrenzung und Zusammenhalt unter Bekannten. Die Aufführung am Freitag vor vielen Eltern und Freunden, die gekommen waren, war ein voller Erfolg!

Die besten Momente dieser ortspezifischen Arbeitsprozesse sind für mich persönlich trotzdem fast immer jene beiläufigen Momente: als die Garderoben-Chefin den Jugendlichen erlaubte, eine wahnwitzige Szene inmitten der kleinen Garderobe zu proben oder die Putzkräfte während der abendlichen Generalprobe schon verstanden hatten, wie die Performance abläuft und so das Publikum am Freitag als Expertinnen einwiesen. Nicht zu vergessen die fantastischen Praxis-Workshops mit den Schulmitarbeiterinnen und -mitarbeitern in Zapoljarnij, bei dem – wer hätte das gedacht? – mehr Gemeinsamkeiten mit den Jugendlichen gefunden werden konnten als Unterschiede. Manchmal funktioniert das, mit dem Tanz als universeller Sprache.
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