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Witalij Seroklinow

Geboren 1970 in Kamen am Ob (Region Altai, Westsibirien) geboren. Schriftsteller, Kolumnist und Blogger. Bis Oktober 2014 war er Redakteur der Literaturzeitschrift „Sibirskie Ogni“. 

Veröffentlichungen u.a.:

  • Записки ангела („Notizen eines Engels“), unter dem Pseudonym „Serafim“ – Nowosibirsk: Swinjin i synowja, 2009
  • Местоимение(„Fürwort“) – New York: Franc-Tireur USA, 2010
  • Предложение(„Satz“) – New York: Franc-Tireur USA, 2012
Aus einem Interview mit Witalij:

- Wie sind Sie zur Literatur gekommen, warum haben Sie mit dem Schreiben begonnen?

- Ich fing damit an, die Sprüche von meiner kleinen Tochter aufzuschreiben. Sie war drei und gab auf einmal Sachen von sich, die ich einfach aufschreiben musste. Früher hortete ich alle Geschichten, die ich selbst erlebte, in meinem Kopf. In meiner sowjetischen Kindheit musste ich oft Schlange stehen: anstehen für Milch für die jüngeren Geschwister, für allerlei Lebensmittel … Und so stand ich in der Schlange, sah mir die Leute an und dachte mir ihr Leben aus. Vieles aus ihrem Leben wusste ich bereits, es waren ja alles Nachbarn, Menschen, über die ich recht viel wusste. Und den Rest, den ich nicht wusste, dachte ich mir dann einfach dazu, so wie wir uns damals zum Beispiel auch Liedtexte zu Ende dachten, wenn sie im Fernsehen nicht deutlich zu hören waren. Da gab es dieses eine Lied aus dem Film „Die drei Musketiere“ … Aber auch Prosa dachte ich mir selber fertig, Gedichte auch. Letztere habe ich zum Glück nie geschrieben. 

Dann kam meine Tochter und wurde drei und gab auf einmal Geschichten von sich, die ich dann aufschrieb. Einmal waren wir im Hof unseres Häuserblocks spazieren, und da kam eine kleinwüchsige Tadschikin. Tadschikinnen und Tadschiken haben sehr schöne Augen, groß und schwarz, ganz anders, als bei den anderen Asiaten … Aber diese Tadschikin war ganz klein, eine Kleinwüchsige, und natürlich zeigten die Kinder mit dem Finger auf sie: guck mal, was für eine komische Frau … Jemand zupfte meine Tochter am Ärmel und sagte: da, schau mal, was für eine ungewöhnliche Frau. Da drehte sie sich um und sagte: Ja, sie ist ungewöhnlich, sie hat so ungewöhnlich schöne Augen. Da war mir klar, dass ich ein kleines Original vor mir habe, und da dachte ich, wenn ich das jetzt nicht aufschreibe, vergesse ich das. Und so war es dann auch. Alles, was ich aufgeschrieben habe, weiß ich bis heute, es ist sogar ein Buch daraus geworden. Hätte ich es nicht aufgeschrieben, dann hätte ich alles vergessen. Man denkt nicht daran, etwas aufschreiben zu müssen, man glaubt, dass man es den Kindern irgendwann erzählen kann, wenn sie groß sind, aber nein, man vergisst alles. Jetzt weiß ich alles, jetzt kann ich mich an alles erinnern. Und so ging es damals los. Ich begann, erst über sie zu schreiben, dann auch über meine eigene Kindheit. 

Die meisten Schriftsteller beginnen damit, von ihrer Kindheit zu schreiben, und auch ich erinnerte mich an meine. Sie war nicht einfach, aber spannend: Baracken, Knackis, recht schwierige Freunde, viele Todesfälle, was an sich ziemlich schlimm, aber dennoch wichtig war: Ich habe Dramen erlebt, Schönes und Schlimmes gesehen. Normalerweise sieht man in seiner Kindheit nur das Gute, die Kindheitsdramen sind harmlos: vielleicht ein Fahrrad, das einem nicht geschenkt wurde, oder etwas Ähnliches. Ich aber, ich hatte eine Freundin, die ich mit sechs Jahren zum ersten Mal an der Hand nahm, um gemeinsam mit ihr zum ersten Mal zur Schule zu gehen. Wir gingen dann auch Hand in Hand wieder nach Hause, wofür ich mich damals fürchterlich schämte, und einige Tage später war sie gestorben, ich habe sie nach diesem ersten Händchenhalten nie wieder gesehen. Über sie habe ich auch dann eine Geschichte geschrieben. Das ist das Widerliche am Schreiben, dass man wirklich alles aufschreibt. Wenn man beim Schreiben etwas dazu erfindet, dann vergisst man die wahre Begebenheit und erinnert sich nur noch an die eigene Version, und wenn jemand dann sagt, dass es in Wahrheit doch etwas anders gewesen ist, dann will man das nicht glauben. Man ist absolut überzeugt, dass alles genau so gewesen ist, wie man es aufgeschrieben hat. Weil es für einen selbst so bequem ist, weil es so schön und so harmonisch in die Geschichte hineinpasst. Das tatsächlich Gewesene erscheint dann einem nicht ganz so harmonisch
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