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Jewgeni Wodolaskin

Geboren 1964 in Kiew. Arbeitet seit 1990 in der Abteilung für Altrussische Literatur im Puschkin-Haus (Institut für russische Literatur) in St. Petersburg, veröffentlichte zahlreiche akademische Arbeiten. 

Veröffentlichungen u.a.:

  • Соловьёв и Ларионов („Solowjow und Larionow“) – Moskau: Nowoje Literaturnoje Obosrenije, 2009
  • Совсем другое время („Eine ganz andere Zeit“) – Moskau: AST, 2013
  • Пара пьес („Ein Paar Theaterstücke“) – Irkutsk: Isdatelj Sapronow, 2014
  • Лавр („Laurus“) – Moskau: AST, 2012; Zürich: Dörlemann, 2016
  • Авиатор („Luftgänger“) – Moskau: AST, 2016; Berlin: Aufbau, 2019  
  • Брисбен („Brisbane“) – Moskau: AST, 2018
Aus einem Interview mit Jewgwni:

- Welche Themen, welches Thema ist Ihnen am wichtigsten? 

- Zeit. Und dann gibt es noch ein eng gefasstes Thema: den Sinn des Lebens. Das ist für mich ein sehr wichtiges Thema. Wozu lebt der Mensch? Das ist nicht nur ein Thema für Gläubige, sondern für jeden Menschen, der ein sinnvolles Verhältnis zu seinem Leben hat. Gläubige und Nichtgläubige kommen hier zu unterschiedlichen Antworten. Nicht nur, dass die Antworten der Nichtgläubigen ein Existenzrecht haben – das steht völlig außer Frage. Sie sind den Gläubigen auch häufig eine Hilfe. Denn eigentlich stehen Gläubige und Ungläubige vor derselben Frage: Das Leben ist kurz und traurig, wie Brodsky zu sagen pflegte. Und vor allem, man weiß ja, welches Ende es nimmt … Und das begreifen die Einen wie die Anderen. Ich habe nicht den Anspruch, diese Frage zu klären, kann aber auf gewisse Details hinweisen, was auch wichtig ist. Zum Beispiel habe ich gerade den Roman mit dem Titel „Brisbane“ fertig geschrieben, meine Zeit im Literarischen Colloquium Berlin war seiner Fertigstellung gewidmet. Worum geht es in dem Roman? Formell gesehen geht es um einen Musiker, der wegen einer Krankheit nicht mehr auftreten kann. Aber in Wirklichkeit geht es um etwas Anderes, nämlich um die Frage: Worin besteht der Sinn des Lebens? Das hohe F, das man in einem konkreten Moment anschlägt – erreicht man damit etwas Bestimmtes, oder ist das alles irgendwie anders geregelt? Meinetwegen. Und dann bricht man sich etwas, es geschieht etwas mit den Fingern. Was dann? Ist es dann vorbei? Wird das Leben dann sinnlos? Natürlich nicht, aber der Sinn… In dem Roman zeige ich auf, dass der Sinn des Lebens in jedem noch so kleinen Augenblick besteht. Es gibt nicht den einen Gipfel, dessen Bezwingung den Sinn des Lebens konstituiert. Der Sinn liegt nicht auf dem Gipfel, er liegt in der Erfahrung oder, um es mit Tolstoi zu sagen, im Bekenntnis, in der allgemeinen Idee, die gleichwirkend ist, die die Summe all des Guten und Bösen darstellt, das vom Menschen verinnerlicht wurde. So gesehen ist jeder Lebenspunkt von Bedeutung. Mein heutiger Gang vom anderen Ufer der Newa, über die Brücke und ins Puschkin-Haus, unser Gespräch hier und jetzt – all das sind sehr wichtige Punkte unseres Lebens, denn sie sind Teil unserer Erfahrung. Erfahrung ist das Erlebte, aber nicht einfach nur das. Es ist das Erlebte, das man verinnerlicht und nachvollzogen hat; nicht eine Heilpflanze, die man einfach pflücken und essen kann, sondern ein Auszug, eine Tinktur. Das ist Erfahrung. Für mich ist Erfahrung auch ein sehr wichtiges Thema: Wie erreicht man sie, wie nutzt man sie? Manche meinen, Erfahrung liege in den Schlägen, die das Leben einem versetzt. Es gibt diese Menschen, die scheinbar überall waren, scheinbar alles gesehen haben. Aber das ist nicht Erfahrung. Das ist Leiden. Das ist Zufall. Wenn dir ein Stein auf den Kopf fällt, ist das nicht Erfahrung. Das ist ein großes Ärgernis, das vielleicht den Tod bedeutet. Aber es gibt Menschen, bei denen es überhaupt keine äußeren Ursachen für das Leiden gibt. Nehmen wir zum Beispiel Gogol: Er war ein zutiefst leidender Mensch. Er litt unter der Zwangsläufigkeit des Todes und unter zahllosen anderen Ängsten, die anderen nicht einmal in den Sinn gekommen wären, er blickte in tiefste Abgründe. Aber biographisch gibt es nichts, was ihn so tief gezeichnet haben könnte. Und dennoch ist er der große Mystiker der russischen Literatur. Seine Erfahrung ist von außergewöhnlicher Tiefe, aber es ist eine mystische Erfahrung, sie hat nichts mit erlebter Gewalt oder dergleichen zu tun. Ja, Erfahrung ist eines meiner wichtigsten Themen. Zeit und Erfahrung. Beide sind ja sehr eng miteinander verbunden. Ich hatte das Glück, einem Menschen zu begegnen, dem sehr viel Zeit vergönnt wurde: Es war Dmitri Lichatschow, der große russische Philologe. Und er hatte eine geradezu enorme Erfahrung, denn er konnte das Erlebte verinnerlichen. Erfahrung, Zeit, und … ja, der Sinn des Lebens.

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