Sören Urbansky Über Grenzen

russisch-chinesische Grenze
© Sören Urbansky

Im Zeitalter der Globalisierung, des Internets und der staatsübergreifenden Strukturen scheinen Staatsgrenzen wie ein Fossil einer längst vergangenen Zeit. Dabei führen Streitigkeiten um Territoriale Souveränität – ob auf der Krim oder im Westjordanland – einmal mehr vor Augen, dass auch im neuen Jahrtausend die Kontrolle über Territorien von höchster Bedeutung für Staaten ist. Überall in der Welt scheinen wir im Jahr 2017 weiter von einer grenzenlosen Welt entfernt, als mancher es bis vor kurzer Zeit gehofft hat.

Insbesondere erscheint Asien als Kontinent, dem im neuen Jahrhundert die meisten Konflikte um Territorien bevorstehen. Seit dem Wiederaufstieg Chinas zur Weltmacht schwelen an vielen Land- und Wassergrenzen dieses Landes, das weltweit die meisten Nachbarn hat, alte und neue Grenzkonflikte. Und auch jenseits der menschlichen Zivilisation, wie in der Kälte der Arktis, hat das Wettrennen um Einflusssphären bei der Jagd nach Rohstoffen begonnen: Im Jahr 2007 setzten Russen in 4261 Metern Tiefe unter dem Meeresspiegel eine Fahne am Nordpol.

Selbst im Internet ziehen Staaten Grenzen. Das digitale Medium unterwanderte seit den 1990er Jahren Grenzen und schien die Welt enger zusammenrücken zu lassen. Doch nicht nur China, das zur Unterdrückung kritischer Inhalte die Great Firewall gebaut hat, bricht mit diesem Trend. Das Internet hat auch scheinbar grenzenlose Überwachung möglich werden lassen. Und die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden lassen Politiker in Europa für ein World Wide Web eintreten, das in einzelne Teile getrennt ist und daher seinen Namen nicht länger verdient. Selbst die digitale Welt wird eingehegt.
 
Geschichte von Grenzen
 
Grenzen sind kein Phänomen der Moderne. Selbst nomadisierende Jäger und Sammler der Urgeschichte bewegten sich in relativ stabilen Territorien und pflegten Familienbande oder Allianzen mit anrainenden Gruppen – wenngleich ihre Vorstellungen von Besitz und von Zugang zu Gebieten sowie der Zugriff auf Ressourcen stark variierten.

Mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren während der Neusteinzeit änderten sich auch die Vorstellungen von politischer Organisation von Territorien. Kontrolle über Land war notwendig, um Ackerbau und Viehzucht betreiben zu können. Stadtstaaten, Imperien und Nomadenreiche der Antike fußten auf verschiedenen Formen territorialer Machtausübung, aber zu allen drei Staatsformen gehörten Vorstellungen von Herrschaftsräumen.

Allerdings stand die Kontrolle über Menschen meist im Vordergrund, nicht die über Territorien. Arbeitskraft war der Schlüssel zur Produktion landwirtschaftlicher Überschüsse, die wiederum die Macht der jeweils herrschenden Elite stützten. Der Vorrang der Kontrolle über Menschen erklärt auch, warum die Mehrzahl der antiken Staaten sich mit territorial vagen Übergangszonen anstelle klarer Staatsgrenzen begnügte. Selbst Grenzbefestigungen wie die Große Mauer des chinesischen Kaiserreichs oder der Hadrianswall des Römischen Reichs in England waren eher Markierung einer Übergangszone als eine klar definierte Außengrenze.

Noch im europäischen Mittelalter spielte territoriale Souveränität allenfalls eine nachgeordnete Rolle. Der Feudalismus als dezentrales System der politischen Organisation beruhte auf persönlichen Beziehungen zwischen dem jeweiligen Herrn und seiner Gefolgschaft, nicht auf klar definierten territorialen Besitztümern. Vasallen erhielten zwar im Gegenzug für ihren Dienst am Herrn das Recht, über Landstriche zu verfügen und deren Gewinne abzuschöpfen. Jedoch waren die Ländereien der Fürsten keine zusammenhängenden Territorien; wer welche Gebiete beherrschte, beruhte auf komplexen persönlichen Beziehungsgeflechten.
Doch die flickenteppichartigen Territorien erwiesen sich zunehmend als ineffizient bei der Ausübung ökonomischer und politischer Kontrolle. Die wirtschaftlichen Umwälzungen des Spätmittelalters stellten die feudale Ordnung aus Kirche und Fürstentümern infrage und brachten neue Herrschaftsformen und Institutionen wie den Städtebund der Hanse, die italienischen Stadtstaaten und das souveräne Königreich Frankreich hervor.

Die größte Zäsur war jedoch der Westfälische Frieden von 1648. Er entwarf die Grundprinzipien des modernen Staatensystems, das auf einer völlig neuen politisch-territorialen Ordnung beruhte. Staaten hatten danach exklusive Hoheitsrechte über spezifische, klar definierte Territorien und übten dort autonom die Souveränität aus. Das Prinzip der Nichteinmischung verbot anderen Staaten, sich in ihre innere Politik einzumischen. Und nur Staaten hatten das Recht auf internationale Diplomatie und Krieg.

Das Prinzip der Souveränität und die Zentralisierung der Staatsgewalt setzten präzise Territorialgrenzen voraus. Fortschritte in der Kartografie und in der Landvermessung erlaubten immer präzisere Grenzmarkierungen in Europa und darüber hinaus. Doch nach welchen Kriterien sollten Grenzen gezogen werden? Im 17. und 18. Jahrhundert setzten sich allmählich natürliche Barrieren wie Flüsse und Gebirge als scheinbar ideale Grenzen durch. Das bekannteste Beispiel ist wohl der Rhein als die „natürliche“ Ostgrenze Frankreichs.

Im 19. Jahrhundert veränderte indes der Aufstieg des Nationalismus erneut die Vorstellungen über die Gestalt politischer Grenzen. Der Staat sollte nun die Souveränität einer Nation mit klar umrissenen Grenzen verkörpern, nicht mehr die Autorität eines Königs. Das Europa des 19. Jahrhunderts – des „Völkerfrühlings“ – war eine Welt der Nationalbewegungen, in der manche die Gestalt ihrer Nation noch suchten, während andere sie bereits gefunden hatten.

Ein prominentes Beispiel für diese Suchbewegung ist die Vereinigung Deutschlands unter Führung Preußens: Die Zusammenführung einer Vielzahl von Kleinstaaten in einen Nationalstaat beruhte auf einem Kultur- und Sprachnationalismus, nicht wie etwa bei den Schweizern oder Franzosen auf einem Staatsnationalismus (wonach jeder Staatsbürger ungeachtet seiner Muttersprache und Kultur auch zur Nation gehört). Für manche Deutsche war es „natürlich“, alle Vertreter ihrer Sprachgruppe in einem geschlossenen Territorium zu vereinen.

Die Idee vom Nationalstaat wurde jedoch erst im 20. Jahrhundert umfassend verwirklicht. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson forderte 1919 auf der Friedenskonferenz von Versailles vage die Selbstbestimmung der Völker mit Staatsgrenzen entlang „klar erkennbarer nationaler Linien“. Die Folgen für die politische Landkarte Europas waren – zum Vorteil Frankreichs und Großbritanniens – weitreichend: Multinationale Staatengebilde schrumpften entweder wie im Falle des Osmanischen Reichs auf ihren Kern oder zerfielen wie im Falle der Donaumonarchie der Habsburger. Einige Nationalstaaten entstanden neu: Polen tauchte nach 123 Jahren wieder auf der Landkarte Europas auf.

Wilsons Programm bescherte Europa keinen Frieden von Dauer. Die politische Sprengkraft, welche die Neuziehung von Grenzen nach dem Ersten Weltkrieg hatte, entlud sich im Zweiten Weltkrieg in Flucht, Vertreibung und Tod und führte wieder zu zahlreichen neuen Grenzziehungen und Grenzverschiebungen. In Polen waren während der Zwischenkriegszeit weniger als zwei Drittel der Einwohner ethnische Polen, nach 1945 stellten sie einen Bevölkerungsanteil von 96 Prozent.
 
Koloniale Grenzen
 
Nach dem Ende des Kalten Krieges haben der Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens sowie die Teilung der Tschechoslowakei einmal mehr gezeigt, dass Grenzen nie endgültig sind und sich nie vollkommen mit den Grenzen zwischen Nationen oder Sprachgruppen decken – auch nicht in Westeuropa. Südtirol und Nordirland sind hierfür nur zwei Beispiele. Der Widerspruch zwischen dem Recht auf nationale Selbstbestimmung auf der einen Seite und staatlicher Souveränität wie territorialer Integrität auf der anderen Seite bleibt bestehen.

Auch in von Europa oder den USA beherrschten Kolonien ließ Wilsons Forderung nach Selbstbestimmung der Völker kurz emanzipatorische Hoffnungen aufblitzen. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg sollte das Recht auf Selbstbestimmung für die Unabhängigkeit der Kolonien wichtig werden.

Bis dahin hatten die Europäer mit der Eroberung von Kolonialreichen auch ihre Vorstellungen von der Ordnung politischer Räume exportiert und Konzepte nichteuropäischer Gesellschaften verdrängt. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Kolonialismus vielerorts allerdings nur wenig Einfluss auf die Neuordnung von Territorien nach europäischen Normen.

Viele Kolonialreiche begannen als halb private Unterfangen, etwa einer Handelsgesellschaft an der Küste, und das Hinterland wurde lediglich indirekt kommerziell erschlossen. Erst im Laufe der Zeit erlangten die europäischen Kolonialmächte zunehmend direkte und formelle Hoheit über ihre Besitzungen, zuerst in Amerika und später auch in Afrika und Asien. Um das Jahr 1900 war die Mehrzahl der Kolonien unter direkter Kontrolle der Mutterländer.

Der Wandel vom kommerziellen zum staatlichen Kolonialismus führte während der Phase des Hochimperialismus Ende des 19. Jahrhunderts zu einer historisch einzigartigen Expansion der europäischen Herrschaft in Übersee sowie zur Übertragung des europäischen Staatsmodells auf die Kolonien. Nirgendwo wird der Übergang von küstenorientierter Besitzergreifung zur kolonialen Durchdringung des Inneren eines Kontinents deutlicher als bei der „Aufteilung“ Afrikas am Kartentisch auf der Kongo-Konferenz 1884/1885 in Berlin.

Doch auch auf Länder, die nie unter die Kontrolle europäischer imperialistischer Mächte gerieten, wurden westliche Vorstellungen von Grenzen übertragen. Das zeigt etwa der Einfluss britischer Gesandter auf das Königreich Siam (Thailand). Freilich führte die exakte Abgrenzung von Kolonien nicht zur absoluten Kontrolle der „Metropolen“ über diese Gebiete. Oftmals fehlten den Kolonialmächten die Mittel zur umfassenden Machtausübung. Kooperation mit örtlichen Machteliten und sich überlappende Souveränitätsansprüche blieben an der Tagesordnung.

Doch auch wenn die Kolonialherrschaft in vielen Gebieten der Erde kurzlebig und unvollständig war: Die Einführung des europäischen Staatensystems in der außereuropäischen Welt hatte tiefgreifende Folgen, die bis in die Gegenwart nachwirken. Die Mehrzahl der 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen hat eine koloniale Vergangenheit. Im Zuge der Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die politische Weltkarte insbesondere in Asien und Afrika ihre heutige Gestalt an: Aus Kolonien wurden souveräne Staaten, deren Grenzen oft mit Außengrenzen zwischen Kolonialreichen übereinstimmten (so im Falle Afrikas) oder auf administrative Binnengrenzen zurückgingen (etwa im Falle der französischen Kolonien in Indochina). Gerade weil diese Grenzen selten die Trennlinien ethnischer oder religiöser Zugehörigkeiten widerspiegelten, führte die Unabhängigkeit vielerorts zu Konflikten. Ein Beispiel ist Indien: Die Neugründung Pakistans als Staat der Muslime Britisch-Indiens 1947 und der ungeregelte „Bevölkerungsaustausch“ zwischen Hindus und Muslimen brachten unzähligen Menschen den Tod.
 
Festung Europa
 
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende der bipolaren Weltordnung schien um 1990 für einen historischen Moment das Ende der Grenzen zumindest in Europa nahe. Tatsächlich sind in den 28 Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer zahlreiche europäische Binnengrenzen gefallen.
Doch vielleicht wird uns diese Entwicklung im Rückblick nur wie ein Wimpernschlag vorkommen. Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer, angeschwemmte Leichen vor Lampedusa und die hohen Stacheldrahtzäune um die spanische Exklave Melilla in Marokko sind nur einige Belege dafür, dass Europa um sich herum neue Mauern gezogen hat.

Selbst innerhalb der Europäischen Union können alte Grenzen reaktiviert werden. Großbritannien, das nie zum Schengen-Raum gehört hat, verlässt im März 2019 die Europäische Union. Zudem hat die Euro-Krise den alten Kontinent tief gespalten. Der Vormarsch rechter Parteien in vielen Staaten Europas, die Abschottung verlangen, ist kein gutes Omen.


Sören Urbansky ist Akademischer Rat an der Ludwig-Maximilians-Universität München und derzeit Postdoctoral Fellow an der University of Cambridge. 2014 hat er sich bei Jürgen Osterhammel und Karl Schlögel mit einer Arbeit über die Geschichte der russisch-chinesischen Grenze promoviert. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die unter anderem die Kolonialgeschichte sowie die Geschichte von Grenzen und Infrastrukturen.