Valentin Diaconov Abfall oder trans- ?

Adel Abdessemed. Feryat
Adel Abdessemed. Feryat | © Valentin Diaconov

Zu den Techniken der Grenzkonstruktion in Russland
 
Die von Inke Arns und Thibaut de Ruyter kuratierte Ausstellung „Die Grenze“ lädt zum Nachdenken ein, nicht nur dank der ernsthaften künstlerischen Beiträge, sondern auch durch ihren Aufbau. Die einzelnen Boxen, die gleichzeitig als Transportkisten und Display dienen, erinnern an den Verweis auf Marcel Duchamp in Sarat Maharajs einflussreichem Text „The Congo Is Flooding The Acropolis“1: „Boite-en-Valise (1935–1971) […] besteht aus 69 kleinformatigen Faksimiles von Werken, die [Duchamp] bis 1935 gemacht hatte“, schreibt Maharaj 1991, dem Jahr, in dem nach dem Niedergang der Sowjetunion in ganz Osteuropa neue Grenzen entstanden. „Diese liegen in einer Schachtel, die in einem Koffer verpackt ist. Sie dient als Werkarchiv und ‚portables Museumʻ. Die Boites-en-Valise wurden hergestellt, um sie mit sich herumzutragen und mit ihnen zu reisen, eine handliche Kunst-Ausrüstung für den migrantischen Künstler.“ Der Zusammenhang zwischen Duchamp, der Ausstellung „Die Grenze“ und den postsozialistischen Verhältnissen erfordert Überlegungen wie die hier vorgestellten, die von diesem Wendepunkt ausgehen.
 
Es gibt in dem prinzipiell politischen Verfahren der Kartierung und der kartografischen Praxis wohl keinen strategischeren Akt als den der Grenzziehung. Eine Grenze zu ziehen bedeutet, dem Anspruch eines Nationalstaats auf Souveränität den letzten Schliff zu verleihen und eine virtuelle Insel zu schaffen, umgeben von vermeintlichen kulturellen und gesellschaftlichen Nebengewässern, die von minderwertigen Anderen bevölkert werden. Die jüngsten Beispiele einer solchen Demarkationskreativität sind höchst aggressiv: Donald Trump wurde auch deshalb zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt, weil er im Wahlkampf versprach, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu bauen; der IS strebt danach, ein neues Kalifat auszurufen, weil ein wahrhaft islamischer Staat nicht ohne eine Neuverteilung von Gebieten existieren kann; Russland annektiert die Krim, um seine revisionistische Agenda voranzutreiben, die darauf abzielt, das Reich dort wiederherzustellen, wo es unter der Herrschaft von Katharina der Großen angeblich seinen Anfang nahm. Viele Politiker werden weltweit sehr selbstbewusst, ja sogar kreativ, wenn es um dieses Konzept geht, das vor gut zehn Jahren noch drohte, obsolet zu werden, als Thomas Friedmans neoliberaler Traum die Welt flach erscheinen ließ.
 
Grenzen scheint es nur bei kohlenstoffbasierten Lebensformen zu geben, denn wie sich herausstellt, arbeitet die künstliche Intelligenz bei der Kartierung von Räumen auf einer anderen Grundlage.  AlphaGo Zero, eine neue Künstliche-Intelligenz-Software für das Spiel Go, die ihre Vorgängerversion mit 100 zu 0 besiegt, schockierte Fachleute mit Spielzügen im Zentrum des Bretts, entgegen der Intuition der meisten Spieler, deren Spielzüge auf Geschichten und Territorien beruhen. Bestimmte Narrative werden auf bestimmten Gebieten verbreitet, und wenn ein Narrativ eine Grenze überschreitet, ist dies immer politisch bedingt, etwas, das einem Computerprogramm prinzipiell entgeht. Man kann sich nur ausmalen, was – wenn überhaupt irgendetwas – getan werden könnte, sollte die Außenpolitik, oder auch nur eine Sitzung der Vereinten Nationen, automatisiert werden.
 
Alle Grenzprojekte, reale ebenso wie demagogische, beruhen auf der Vorstellung von Überlegenheit im Inneren einer vorgeschlagenen Grenzziehung. Zwar sprach Benedict Anderson von Nationen als „vorgestellten Gemeinschaften“2, doch Bürokratie ist etwas sehr Reales. Es gibt keine Grenze ohne Pass, und ohne Pass kein Visum, und das Fehlen von beidem erzeugt einen illegalen Immigranten, jemanden, der sich physisch innerhalb, doch auf der Ebene der Vorstellung außerhalb des Bereichs der vorgestellten Gemeinschaft befindet. Dies ist, mit Zygmunt Bauman gesprochen, der „menschliche Abfall“3, den man zum ersten Mal sah, als sich Europa auf den Zweiten Weltkrieg vorbereitete, und der sich in der Tragödie der zahlreichen vertriebenen Juden auf diesem Kontinent manifestierte. Das Gegenteil dieses „Abfalls“ sind Friedmans Bewohner der „flachen Erde“4, „Globalisten“ und alle, die in einer würdigen Situation leben, die nach dem Präfix „trans-“ ruft: transnational, transgressiv, ja sogar transgender – denn als Transgender ist man in einer Position, in der man Rechte haben oder für ihre Einführung kämpfen kann.
 
Ein Nachdenken über Grenzen kann nicht „ohne ein Verstehen der kolonialen Differenz“5 beginnen, wie Walter D. Mignolos angemessen strikte These lautet. Bleibt etwas anderes als die koloniale Differenz, um die Machtstrukturen zu erklären oder wenigstens anzusprechen, die Grenzen aufrechterhalten und verschieben? Ein solcher Denkansatz hat sich in der akademischen Welt Russlands erst in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten herausgebildet. Heute, wo die Frage der Grenzen Jahr für Jahr dringlicher wird, bietet die koloniale Differenz neue und bedeutende Möglichkeiten, um über Russlands alte und klischeehafte Fragestellungen hinauszukommen. Raskolnikows berühmtes Dilemma in Dostojewskis Verbrechen und Strafe, „Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe ich ein Recht …“, gilt für gewöhnlich als ethische Transgression. Doch der koloniale Kontext eröffnet eine neue Perspektive und verortet Raskolnikows Drama unmittelbar in der Sphäre der Politik.
 
Ein Nachdenken über koloniale Differenz böte Russen nicht nur einen besseren Zugriff auf Fragen der Identitätspolitik, sondern auch eine dringend benötigte Perspektive auf die zurückliegenden hundert Jahre. Der Zweite Weltkrieg sollte als ein Versuch Deutschlands und Italiens verstanden werden, Kolonien in Russland bzw. Afrika zu bekommen, bedingt durch die Tatsache, dass diese Nationen vom „Wettlauf um Afrika” in den 1870er Jahren ausgeschlossen waren. Russland war damals, wie Larry Wolff in Inventing Eastern Europe6 gezeigt hat, ebenso wie Afrika hinreichend als „primitiv“ diskriminiert und rassifiziert worden. Was die Dinge komplizierter macht, ist die Tatsache, dass Russland, zunächst angetrieben durch den Pelzhandel, seit Jahrhunderten selbst als Kolonialmacht auf nicht reklamierten Territorien agierte, die von (überwiegend) nichtsesshaften Kulturen bevölkert wurden. Diese vielschichtige Unterdrückung brachte zutiefst konfliktbeladene Persönlichkeiten hervor. Raskolnikow ist nur ein fiktionales Beispiel von vielen mit unterschiedlichen Ursprüngen, von denen die meisten sehr real sind, wie etwa der Held in Georgi Derluguians geistreichem Buch Bourdieu’s Secret Admirer in the Caucasus: A World-System Biography7. Raskolnikows Frage kann und sollte umformuliert werden zu: „Bin ich Abfall oder trans‑ …“. Es erscheint nur passend, dass er sich am übermenschlichen Pol des absoluten Rechts zu töten mit Napoleon Bonaparte identifiziert, einem gescheiterten Kolonisator, der ebenso global agierte wie Hitler, wenn auch mit einer modernen (und nicht retromodernen) Agenda.
 
Ein Subjekt, dass zwischen verschiedenen aktiven und passiven Modi des Verbs „kolonisieren“ gespalten ist, besitzt daher einen Pass, der bestimmte Zugänge ermöglicht und andere verwehrt. Es hat beispielsweise ein Visum für die Moderne, aber keine Einreiseerlaubnis in die Vereinigten Staaten. Oder es hat ein Visum für die kapitalistische Wirtschaft, aber keinen Zugang zu politischen Entscheidungsfindungen. Diese Situation, die in Russland sehr deutlich wahrgenommen, aber nur selten artikuliert wird, erfordert eine neuartige globale „Passportisierung“, die Visa für physische Staaten, politische Verhältnisse und mentale Zustände einschließt und zugleich die Machtstrukturen sichtbar macht, die Partizipation ausschließen. Wir müssen nicht zwischen Abfall und trans‑ wählen, weil jeder beides ist – multipliziert mit welchem Faktor?

Valentin Diaconov (geb. 1980, Moskau) ist Kurator am Museum für zeitgenössische Kunst "Garage", Kritiker. Doktor der Kulturwissenschaften, seine Doktorarbeit ist der Moskauer Kunstszene während der Tauwetter-Periode gewidmet. Seit 1998 schreibt er Texte als Kritiker für Kunstpublikationen. Seit 2012 organisiert Ausstellungsprojekte in verschiedenen Städten Russlands.

 
Referenzen
 
[1] Maharaj, Sarat, “The Congo Is Flooding The Acropolis. Art in Britain of the immigrations”, in:  Third Text, No. 15, Summer 1991. P. 81.
2 Anderson, Benedict, Imagined Communities, Verso Books, London, 1983.
3 Bauman, Zygmunt, Wasted Lives, Cambridge, Polity, 2004.
4 Friedman, Thomas, The World is Flat: A Brief History of the Twenty-first Century, New York, Farrar, Strauss & Giroux, 2005.
5 Mignolo, Walter D, Local Histories/Global Designs. Coloniality, Subaltern Knowledges, and Border Thinking, Princeton and Oxford, Princeton University Press, 2000. P. 6.
6 Wolff, Larry, Inventing Eastern Europe. The Map Of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford, California, Stanford University Press, 1994.
7 Derluguian, Georgi, Bourdieu’s Secret Admirer in the Caucasus: A World-System Biography, London, Verso Books, 2004