Anna Karpenko Von der „Prawda 5“ zu Chagall: die Frage nach dem „gestrengen Konsum kultureller Revolutionen“

Shabohin, "We are Stern Consumers of Cultural Revolutions"
© Alexey Kubasov

Wird es eine Kultur- und Freizeitanlage, ein Museum für die Ewigkeit oder ein Tempel der Massenkonsumkultur – was soll nach Abschluss der Sanierungsarbeiten mit dem Gebäude der Künstlergruppe UNOWIS in Witebsk geschehen, und warum ist die Figur von Marc Chagall den hiesigen Behörden so viel angenehmer als die von Kasimir Malewitsch? Der Weg der Avantgarde von Ost nach West und dann wieder von West nach Ost folgt einer tragischen Dialektik. Für Besucher der Ausstellung „Die Grenze“ in Minsk wurde sie sichtbar in der dort ausgestellten Installation von Sergey Shabohin „We Stern Consumers Of Cultural Revolutions“ („Wir gestrengen Konsumenten kultureller Revolutionen“).

Shabohin untersucht in seinem groß angelegten Kunst- und Forschungsprojekt aber nicht nur die Geschichte des Einflusses der 1919 an der Witebsker Kunstschule gegründeten Gruppe der „Befürworter der Neuen Kunst“ (UNOWIS), die unmittelbar mit der Figur Kasimir Malewitschs verbunden ist, sondern vor allem jene konzeptionellen, kulturellen und sozialhistorischen Bewegungen, die zwischen dem Westen und dem Osten Europas eine klare Grenze entstehen ließen, zu deren beiden Seiten avantgardistische Ideen vollkommen unterschiedlich aufgenommen werden.

Zwar ist der Suprematismus ebenso wie andere avantgardistische Strömungen im osteuropäischen Kulturkontext entstanden, doch findet die Rezeption der Leitgedanken der Avantgarde und ihre kulturhistorische Verwurzelung explizit im Westen statt, obwohl so viele dieser Strömungen untrennbar mit den Namen von UNOWIS-Künstlern wie Malewitsch, Suetin oder Lissitzky verbunden sind. Ausgehend von Witebsk, einer kleinen Stadt in Belarus, wo Malewitsch im Jahre 1919 seine grundlegende theoretische Arbeit „Neue Argumente in der Kunst“ veröffentlichte, bewegte sich die Avantgarde gen Westen nach Deutschland in die Stadt Weimar, wo man dank Lissitzky auch am Bauhaus von Malewitschs Suprematismus erfuhr, der die weitere Entwicklung nicht nur der modernen Kunst, sondern auch von Architektur und Design in Europa maßgeblich und unwiderruflich beeinflussen sollte. Es scheint paradox: heute kehren die Ideen der Avantgarde nach Witebsk zurück (und in den gesamten osteuropäischen Kontext) – doch sind sie nunmehr Erbe des Bauhauses, das noch jahrzehntelang nach dem Suprematismus fortfuhr, visuelle Revolutionen umzusetzen.

In der Arbeit „We Stern Consumers Of Cultural Revolutions“ von Sergey Shabohin sind es mindestens zwei semantische Register, die von besonderer Wichtigkeit sind und auf die der Künstler uns aufmerksam macht. Die abwechselnd aufleuchtenden Neonbuchstaben, die einem Wortspiel gleich nacheinander die Worte „Western“ und „Eastern“ formen, verdeutlichen die ganze Zyklizität in der Bewegung der Ideen der Avantgarde von Ost nach West und zurück nach Ost. Die suprematistischen Kompositionen Malewitschs kehren nach Witebsk zurück in Form von visuellen Objekten moderner Konsumkultur – vom schwarzen Quadrat des Monitors bis zu den von der Werbung übernommenen visuellen Gestaltungskonzepten, die sich im Stadtbild wiederfinden.

Der zweite wichtige Aspekt der Arbeit „We Stern Consumers Of Cultural Revolutions“ ist die Kultur des Konsumerismus, die sich im weiteren Sinne auf den gesamten soziokulturellen Kontext der Moderne beziehen lässt und diesen in vielerlei Hinsicht maßgeblich beeinflusst.

Sergey Shabohin demonstriert in seiner Arbeit die einander diametral entgegengesetzten Strategien des „Konsumierens“ von Kulturrevolutionen in Ost und West am Beispiel der Aneignung und Übernahme der Avantgarde durch die westeuropäische Kunstgemeinschaft einerseits und die eigenartige Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Ablehnung, der belarussischen Konsumenten gegenüber dem Erbe Malewitschs andererseits.

Die Witebsker Behörden verfügen über ein nach globalen Maßstäben einzigartiges Objekt: das Gebäude der Witebsker Kunstschule (dasselbe, in welches Lissitzky im Jahre 1919 Kasimir Malewitsch einlud, und in welchem letztendlich die UNOWIS entstand), und sie entscheiden, dass dieses Objekt zum „Museum für die Geschichte der Witebsker Kunstschule“ werden soll. Weiter entscheiden sie, dass die Straße mit der Adresse des UNOWIS-Gebäudes „Prawda 5“ umzubenennen sei in „Marc-Chagall-Straße“, dabei verließ Chagall diesen Ort bereits im Juni 1920. Mit anderen Worten: für die Kulturbeauftragten hat der Name Marc Chagalls deutlich mehr Gewicht als das Erbe Malewitschs – ungeachtet der deutlich größeren Verdienste Malewitschs um die Kunstschule und um die revolutionäre Künstlergruppe UNOWIS, die er ins Leben rief.

Die Geschichte der Sanierung des Schulgebäudes, die 2013 ihren Anfang nahm, wiederholt de facto die Leidensgeschichte der Schule selbst in ihrem Entstehen und ihrer Entwicklung in den Jahren 1918 bis 1923, als der Ort fünfmal seinen Namen änderte, im gleichen Takt wie die jeweiligen Direktoren aufeinander folgten: Dobuschinski, Chagall, Jermolajewa und Gawris. Die Tatsache, dass im Gebäude der Witebsker Kunstschule Sanierungsarbeiten begonnen wurden, ist allein schon ein historisches Ereignis, insbesondere wenn man bedenkt, dass sich das Gebäude seit der Nachkriegszeit und bis in die Mitte der Nullerjahre offiziell im Besitz von Trust Nr. 9 befand.

Mehrere Jahre lang wirkten zwei Kräfte auf das Gebäude der Witebsker Kunstschule ein: einerseits die Behörden, für die das Objekt ganz ohne Zweifel ein potenzielles kulturelles Statussymbol darstellte, andererseits die ortsansässige intellektuelle und künstlerische Elite, die schüchtern versuchte, sich in den Ablauf der „Sanierung des Jahrhunderts“ einzubringen.

Marina Karman, Kunsthistorikerin aus Witebsk, war Teil der Gruppe, die in mühevoller Archiv- und Analysearbeit den Lageplan der Künstlerateliers im UNOWIS-Gebäude rekonstruieren sollte. Anhand noch erhaltener Fotografien, Erinnerungen, Artikel und Archivunterlagen gelang es ihr herauszufinden, wo in den Jahren 1918 bis 1920 das Atelier Chagalls lag und in welchem Zimmer Malewitsch von 1919 bis 1922 arbeitete. Eine unerwartete Entdeckung im Zuge der Sanierungsarbeiten war der Fund einer Originalhandschrift des berühmten belarussischen Bildhauers Sair Asgur, Absolvent der Kunstschule von 1925. Der Boden des Erdgeschosses des künftigen Museums soll mit einem Marmormosaik von El Lissitzkys Werk „Mit dem roten Keil“ ausgelegt werden.

In zahlreichen Interviews rund um den Sanierungsprozess des UNOWIS-Gebäudes – oder der „Prawda 5“, wie die örtliche Bevölkerung das Objekt gern nannte – betonte Andrej Duchownikow, Direktor des Witebsker Zentrums für moderne Kunst und einer der Leiter der Sanierungsarbeiten, immer wieder, dass das Museum als etwas Außergewöhnliches geplant sei, interaktiv und konzipiert für die Ewigkeit.

„Dieses Museum ist anders als die anderen; es wird nicht angefüllt sein mit Bildern von Kasimir Malewitsch und Marc Chagall. Das war nicht das Ziel. Unser Ziel war es, ein Geschichtsmuseum zu erschaffen <…> Dieses Museum entsteht nun, und es soll gewissermaßen ein Speicher für Ereignisse und Informationen sein.“1

Welche Namen und welche Ereignisse das Museum „beleben“ werden, ist bislang noch nicht bekannt. Die bisherigen Presseveröffentlichungen und die 2016 vollzogene Umbenennung der Prawdastraße in „Marc-Chagall-Straße“ lassen jedoch vermuten, dass in der Wiege der UNOWIS eher das Thema Chagall als das Thema Avantgarde dominieren wird2.

Und so kann das Kunst- und Forschungsprojekt „We Stern Consumers Of Cultural Revolutions“ von Sergey Shabohin einerseits als prophetische Diagnose der osteuropäischen Kunstgeschichte betrachtet werden, wo die Namen Malewitschs und der „Befürworter der Neuen Kunst“ de facto jahrzehntelang dem Vergessen anheimfielen, andererseits kann es Arbeitsstrategie sein, wie mit diesem leerstehenden Kulturraum umzugehen wäre ohne die großartigen Werke Chagalls, Malewitschs, Lissitzkys, Chidekels, Tschaschniks und vieler anderer Künstler.

Diese Strategie setzt die Neuauflage einer für die Avantgarde fundamentalen Frage voraus: wo sind die Grenzen der Kunst, die Grenzen zwischen Kunst und Leben und die Grenzen zwischen einer Idee und ihrer Repräsentation?

Führt denn schon das Ausstellen von Arbeiten Malewitschs oder Lissitzkys in belarussischen Museen dazu, dass die Ideen der Avantgarde auch rezipiert werden? Könnte der leerstehende Raum des künftigen Museums für die Geschichte der Witebsker Kunstschule quasi eine Form mit flexiblen Grenzen werden, in der die moderne Kunst die unglaublichsten Interpretationen zum Erbe der Avantgarde ausstellen kann? Oder wird das „Museum für die Ewigkeit“ mit seinen elf Sälen auf drei Stockwerken und seiner multimedialen Anlage und dem Geist von „revolutionärem Romantizismus“3 eher ein typisches Objekt der Kulturindustrie, das Touristen allein mit dem berühmten Namen UNOWIS anziehen wird, der wiederum nicht einmal mehr im Namen des Museums vorkommt?

Zu Beginn der Sanierungsarbeiten am Gebäude der Kunstschule fand man unter der Putzschicht der Fassade den kyrillischen Großbuchstaben „U“ – sofort gingen alle Anwesenden davon aus, dass dies auf den Haupteingang zur „UNOWIS“ hindeutete. Tatsächlich aber gehörte der Buchstabe zum belarussischen Schriftzug „Uwachod u palikliniku“ (Eingang zur Poliklinik).

Wie sich der „gestrenge Konsum der Kulturrevolution“ entwickeln wird für den Ort, an dem diese Revolution ihren Anfang nahm, wird sich zeigen. Die offizielle Eröffnung des Museums für die Geschichte der Witebsker Kunstschule sollte ursprünglich 2016 stattfinden, wurde jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben. Dadurch verschoben sich allerdings auch die zeitlichen Grenzen für eine mögliche Rückkehr avantgardistischer Ideen nach Belarus, wo nur wenige Künstler darum bemüht sind, diese Ideen in die Gegenwart zu retten – einer davon ist Sergey Shabohin.
 


[1] https://vkurier.by/53842
[2] http://www.vitbichi.by/video/kultura/post14400.html
[3] https://news.vitebsk.cc/2017/01/06/rekonstruktsiya-zdaniya-muzeya-istorii-vitebskogo-narodnogo-hudozhestvennogo-uchilischa-zavershaetsya/