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Grüner Kolonialismus
„Wir brauchen Naturpolitik“

Rentierherde in der nordnorwegischen Region Finnmark, der größten und am dünnsten besiedelten Provinz Norwegens. Die Mehrheit der Sámi lebt hier.
Rentierherde in der nordnorwegischen Region Finnmark, der größten und am dünnsten besiedelten Provinz Norwegens. Die Mehrheit der Sámi lebt hier. | Foto (Detail): Patrick Pleul © picture alliance

Ist grüne Energie es wert, dass wir für sie auch um den Preis der Naturzerstörung durchsetzen? Grüne Energie und Zerstörung – das mag wie ein Widerspruch klingen, doch beim Bau von Windparks ist das oft die Realität. Aili Keskitalo will das nicht hinnehmen. Sie ist die Präsidentin des Sameting – des Parlaments der norwegischen Sámi – und bekämpft den Plan der norwegischen Regierung, Windkraftanlagen in Gegenden zu errichten, durch die viele Rentiere streifen und die daher für die samische Rentierhaltung eine wesentliche Rolle spielen.

Von Martina Vetter

Frau Keskitalo, die meisten Menschen halten Windkraft für einen sinnvollen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. Warum bekämpfen Sie also Windkraft-Projekte? 
 
Um Ihnen das verständlich zu machen, möchte ich Ihnen etwas über mein Volk erzählen. Wir Sámi sind die Indigenen Bewohner*innen der Arktis. Wir leben im Norden von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Traditionell haben wir immer in und von der Natur gelebt, und die Rentierzucht ist Teil unserer Lebensgrundlage. Dafür brauchen wir recht große Gebiete. Die Rentierhaltung ist mit einer halbnomadischen Lebensweise verbunden: Die spärliche Vegetation in der Arktis gibt nicht genug her, um die Tiere ganzjährig am selben Standort satt zu machen. Daher müssen wir immer in Bewegung bleiben. Doch die nomadische Lebensgrundlage der Hirt*innen ist in Gefahr, weil viele Weidegebiete auch als mögliche Windkraftstandorte gelten. Dort weht viel Wind, was insbesondere im Sommer auch für die Rentierzucht wichtig ist.
 
Warum ist Wind wichtig für die Rentierzucht?
 
Durch den Wind bleibt es sogar im Sommer kühl, und das mögen die Rentiere als arktische Tiere eben. Der starke Wind bläst auch die Insekten weg, und es gibt im arktischen Sommer jede Menge Moskitos. Daher sind dieselben Gebiete, die sich für die Rentierzucht eignen, auch für die Windkraftbranche attraktiv.
 
Geht das denn nicht zusammen?
 
Die Rentiere benötigen riesige Gebiete, die sie durchstreifen können, und in diesen Gebieten müssen Ruhe und Frieden herrschen, damit die Tiere nicht unter Stress geraten, wenn sie sich ausruhen. Nicht nur der Lärm der Windräder stört die Tiere, sondern auch die Bewegung der riesigen Rotoren. Aktuelle Studien zeigen: Rentiere meiden Windräder, und außerdem fliehen sie vor den Schatten der Rotoren. Im arktischen Sommer, wenn die Sonne rund um die Uhr scheint, ist es noch schlimmer. Doch auch im arktischen Winter sind die Rotoren ein Problem, weil sich Schnee und Eis auf ihnen ansammeln. Wenn sie sich drehen, können Eisklumpen in die Umgebung fliegen. Dann ist es für Menschen und Tiere gefährlich, sich in der Nähe der Windräder aufzuhalten. 

Ist es nicht möglich, mit den Rentieren einen Bogen um die Windräder zu machen?
 
Genau das tun die Hirt*innen dann, weil ja niemand die Tiere zwingen will, nah an den Windrädern vorbeizulaufen. Aber das führt zu einem neuen Problem: Die Rentiere belasten andere Weideflächen zu stark, was langfristig nicht nachhaltig ist.
 
Die norwegische Verfassung garantiert die Wahrung der samischen Kultur. Gehört dazu nicht auch der Schutz der traditionellen Rentier-Weideflächen? 
 
Nein, es gibt keine derartigen Schutzgebiete. Die norwegische Regierung hat zwar viele Konventionen unterzeichnet. Aber es hat sich gezeigt, dass diese nicht ausreichen, um unser Land vor den Windfarmen zu retten. Wir müssen jedes Projekt einzeln bekämpfen, und das ist eine große Herausforderung für kleine Sámi-Familienverbände ohne besondere finanzielle Mittel. 
 
Die Errichtung von Windparks auf Ihrem Land nennen Sie „grünen Kolonialismus”. Was meinen Sie damit?
 
Die Windkraftbranche verbirgt mit voller Absicht ihren äußerst invasiven Charakter. Das ist Greenwashing. Denken Sie nur an den Begriff „Windpark“, der den Eindruck erweckt, Windkraftanlagen seien friedlich, grün und leise. Das sind sie nicht. Die Windbranche erobert gerade unser Land. Wenn Windkraft wirklich grün sein soll, muss sie näher an den Gebieten produziert werden, wo sie genutzt wird, und näher an einer vorhandenen Infrastruktur. Ein Beispiel: Hier in Norwegen, mitten in der östlichen Finnmark, soll der sogenannte Davvi-Windpark entstehen. Damit dieses Windkraftwerk entstehen kann, müssen 130 Kilometer Straße in bisher unberührte Natur hineingebaut werden. Die Windenergiegewinnung ist eine industrielle Aktivität, und es geht hier nicht nur um ein kleines Gebiet, auf dem die Turbinen stehen sollen. Der Windpark ist Teil eines großen industriellen Projekts – dafür braucht es ein Straßennetz, Stromleitungen, Umspannwerke und riesige, massive Fundamente für die Windkraftanlagen. Es gibt bereits Wind- und Wasserkraftwerke auf Sámi-Land. In Fosen steht das größte Windkraftwerk Nordeuropas. Doch es gibt eine Grenze, und die ist erreicht. Keine Windkraftwerke mehr auf Sámi-Land!

Wie wollen Sie die Pläne der Regierung stoppen?
 
Der Sameting versucht, das Genehmigungsverfahren zu beeinflussen. Manchmal müssen Sámi-Familien ihr Weideland vor Gericht verteidigen. Es war lange Zeit schwer, den Menschen die Folgen der Windkraft zu erklären, aber in den letzten zwei Jahren hat sich das geändert: In Norwegen gibt es nun eine Debatte darüber und die Öffentlichkeit fordert die Regierung heraus. Das macht es uns Sámi leichter, den Menschen unsere Sicht auf die Folgen der Windkraft näherzubringen. Eine allgemein kritischere Haltung gegenüber Windkraft wird es wohl auch einfacher machen, künftige Projekte zu stoppen.

Wie können wir Ihrer Meinung nach den Klimawandel begrenzen und zugleich die Natur schützen?
 
Wir müssen unseren Konsum überdenken und nachhaltiger leben, statt nur zu überlegen, wie wir mehr grüne Energie produzieren können. Das ist keine Lösung. Wissen Sie, wir Sámi sind moderne Menschen, wir fahren Auto, arbeiten am Computer, wohnen in Häusern. Aber unser Wertesystem beruht auf dem Glauben an die Kreislaufwirtschaft und an eine Art Bescheidenheit: Wir sollen nicht mehr konsumieren, als wir brauchen, und der Natur nicht mehr entnehmen, als wir brauchen. Die Überstrapazierung der Ressourcen hat die Klimakrise verursacht; wir können nicht zusätzlich noch eine Naturkrise riskieren. Wir brauchen eine Klima- und eine Naturpolitik. Wir müssen an den nächsten Tag, den nächsten Winter, die nächste Generation denken. Deshalb freue ich mich auch so, dass die Menschen sich immer mehr mit der Kreislaufwirtschaft befassen. Das macht mir Hoffnung.

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